Der Salafist hat seine Tochter nach der Heiligen Jungfrau benannt: Maria. Sie springt auf dem Sofa in seiner Wohnung herum, die fünfköpfige Familie lebt in der noblen 6th of October City, einer Kairoer Satellitenstadt. Stolz erzählt er, dass er sie regelmäßig zum Turnen fährt und ihr eine Prinzessinnenkrone von Barbie zum Geburtstag geschenkt hat. Maria, der Name ist eine Provokation. Auf seinen Veranstaltungen bringt sie Mohammed Tolba viel Applaus ein.

Tolba, ein 35-jähriger IT-Experte, ist ein kleiner, rundlicher Mann mit grauem Bart. Seine Stimme bewegt sich im Mezzosopranbereich, er lächelt viel. Seit zwei Jahren reist er durch Ägypten und erzählt auf Kongressen, vor Studenten und in Talkshows seine Geschichte. Sie handelt von der Geburt einer neuen Bewegung: religiös, aber weltlich; klein, aber einflussreich. Tolba hat sie nach der Revolution vom 25. Januar 2011 in einem Café der Costa-Kette gegründet. Er und seine Freunde nannten sie Salafiyo Costa.

Ihre Weltanschauung ist eine Mischung aus Scharia und Kapitalismus. Sie leben nach den Regeln der heiligen Texte und genießen trotzdem die Vorzüge der westlichen Konsumkultur. Die Caféhauskette Costa, sagt Tolba, stehe für Respekt vor nicht salafistischen Muslimen, Christen und Atheisten, die alle unter einem Dach auf unbequemen Hartplastikstühlen ihren Kaffee schlürfen. Für andere, orthodoxere Salafisten besteht genau darin die Provokation. Dürfen streng orthodoxe Muslime wirklich genießen? Markenprodukte konsumieren? Tolerant gegenüber Andersgläubigen sein? Die meisten Salafisten würden diese drei Fragen mit Nein beantworten.

Der Salafismus teilt sich in mehrere Strömungen: Dschihadisten, die ihre Religion auch mit Gewalt verbreiten wollen; politische Salafisten, die in Ägypten in der Al-Nour-Partei im Parlament sitzen; Mainstream-Salafisten, die in Moscheen und auf Märkten missionarisch unterwegs sind, und eben Costa-Salafisten, die versuchen, eine neue, moderne Form von Orthodoxie zu leben.

In einer unscheinbaren Truhe in seinem Wohnzimmer bewahrt Tolba das auf, was ein Salafistenleben ausmacht: Bücher. Geschichten über die Gefährten des Propheten Mohammed und ihre Erlebnisse im Alltag. Immer wenn er eine Frage hat, greift er in die Truhe und greift sich einen Band heraus: Was macht man mit ungehorsamen Kindern? Wie betet man richtig auf Reisen? Wann sollte man am besten zu Abend essen? Tolba blättert dann so lange, bis er die passende Antwort findet. Er lebe nach bestem Wissen und Gewissen, strikt nach den Regeln der heiligen Texte, sagt er. Deswegen sei er Salafist.

Doch seine Interpretation der heiligen Texte unterscheidet sich von der anderer Glaubensbrüder: Die Schokoladensoße auf seinem Cappuccino, sein amerikanischer Ford und seine Auffassung, dass es eben auch andere gültige Religionen gebe, seien keinesfalls haram, also verboten oder Sünde. Für Toba sind all diese Dinge von Koran und Sunna, den überlieferten Bräuchen des Propheten, gedeckt. Deshalb grenzt er sich sowohl von den strengeren Mainstream-Salafisten als auch von den Muslimbrüdern ab. Freilich hat auch seine Toleranz Grenzen: "Homo-Ehe und so", erklärt er.

Der reformorientierte Ansatz bedeutet eine Provokation für Mainstream-Salafisten wie Abu Ahmed. "Haram!", ruft er, als das Stichwort Salafiyo-Costa fällt: Eine Sünde in Person sei dieser Mohammed Tolba und auf gar keinen Fall ein Salafist. Er, Abu Ahmed, lebe den wahren Salafismus vor. Er sitzt auf einem Klappstuhl am Fuße einer Minipalme und verkauft Handykarten bei Matareya, einem informellen Viertel von Kairo.

Abu Ahmed ist der dogmatische Durchschnittssalafist, der sich mit Genuss in die Angelegenheiten anderer einmischt. Fotografiert werden: Haram! Seine Frau allein aus dem Haus lassen: Haram! Christen, Atheisten, Juden: Haram! In Ägypten seien diese eh nur ungläubige Handlanger des zionistischen Feindes "Israel-USA". Haram! Haram! Haram! Ahmed glaubt, dass es unmöglich sei, orthodox zu leben, wenn man gleichzeitig selbst die heiligen Texte interpretiere wie Tolba.