Vor einem guten Jahr, am 1. Februar 2012, starb Wisława Szymborska, Polens bedeutendste Lyrikerin der Moderne. Schon beim Wort "modern" stutzt man, verzichtet ihre Lyrik doch auf (fast) alles, was moderner Lyrik gemeinhin attestiert wird. Zumal die Höhle des Hermetischen, in die sich die Dichter der Moderne so oft zurückzogen (und in der sie gelegentlich auch verschollen gingen), hat Wisława Szymborska nie betreten. Ihre Gedichte kann (fast) jeder ohne Nachhilfe in Hermeneutik verstehen, ja – man wagt es kaum auszusprechen –, sie sind oft geradezu unterhaltsam und sogar spannend, ohne deshalb vom Leser einen Rabatt auf Tiefsinn zu fordern. In gewisser Weise sind es prosaische Gedichte, und wenn sie etwas feiern, dann immer nur "Alltagswunder". Diese Gedichte leben ganz von konkreten Gegenständen, denen sie, auch wenn diese sich dagegen sperren, jede Schwere nehmen. Leichtigkeit ist die hohe Kunst der Wisława Szymborska, die sie so eindrucksvoll beherrscht wie Clara Haskil, wenn sie Scarlatti spielt. In einem dieser Gedichte heißt es: "Nimm mir nicht übel, Sprache, daß ich pathetische Worte entlehne / und mir dann Mühe gebe, sie leicht erscheinen zu lassen".

Pathos ist Wisława Szymborska so fremd wie Sentimentalität, und sicher zählt sie nicht zu den Dichterinnen, als deren Domäne das Liebesgedicht gilt. Dabei hat sie dem ewigen Vorrat der Poesie allein mit ihrem Gedicht Katze in der leeren Wohnung eines der schönsten und schmerzlichsten Liebesgedichte überhaupt hinzugefügt, geschrieben auf den Tod ihres langjährigen Lebensgefährten Kornel Filipowicz (der zu Polens bedeutendsten Prosaisten zählte). Das Gedicht, das nicht von ihr und ihrer Trauer spricht, sondern einzig von einer verlassenen Katze, hebt so an: "Sterben – das tut man einer Katze nicht an. / Denn was soll die Katze / in einer leeren Wohnung." Gerade durch das, was das Gedicht dann alles nicht sagt, berührt es so besonders. Zur Kunst der Leichtigkeit kommt bei Szymborska die Kunst der Distanz hinzu, und vermutlich gäbe es die eine nicht ohne die andere – und ganz sicher gäbe es ohne beide nicht das Gedicht Katze in der leeren Wohnung.

Der Gedichtband, den Wisława Szymborska noch kurz vor ihrem Tod mit ihrem deutschen Übersetzer Karl Dedecius zusammenstellte und der uns jetzt Gedichte aus den Jahren 2005 bis 2011 präsentiert, trägt zwar den Titel Glückliche Liebe und andere Gedichte, enthält aber, was durchaus irritierend ist und wohl auch sein soll, kein einziges Liebesgedicht. Dafür bietet das Titelgedicht Glückliche Liebe eine distanziert-ironische Reflexion der Vorstellung von glücklicher Liebe, ohne ernsthaft deren Existenz zu bestreiten: "Glückliche Liebe. Ist das normal, / ernst zu nehmen, ist das nützlich – / was hat die Welt von zwei Menschen, / die die Welt nicht sehen? (...) Glückliche Liebe. Muß das sein? / Takt und Vernunft raten, sie zu verschweigen / wie einen Skandal aus den höheren Lebenssphären. / Prächtige Kinder werden ohne sie geboren. / Die Erde könnte sie niemals bevölkern, / sie kommt schließlich selten vor. // Sollen doch Menschen, die sie nicht kennen, / behaupten, es gebe keine glückliche Liebe. // Mit diesem Glauben leben und sterben sie leichter."

Die feine, feminine Ironie, die bei Wisława Szymborska stets Selbstironie mit einschließt, gehörte von jeher so unabdingbar zu ihren Gedichten wie die Skepsis gegenüber Träumen, seien es kollektive oder private, und gänzlich unverführbar zeigte sie sich gegenüber Utopien, zumal solchen, die mit Blut bezahlt werden müssen. Nur in ihrem 1945 unmittelbar nach der Befreiung Polens erschienenen ersten Gedichtband setzte sie, die während der deutschen Besatzung einer Widerstandsgruppe angehört hatte, für einmal auf die kommunistische Utopie. Bald jedoch lautete ihre Devise: "Ich bin mir lieber als Menschenfreund / denn als Freund der Menschheit", und bereits in ihrem zweiten Gedichtband (der erst 1954 die Zensur der KPP passieren konnte) kassierte sie alle kommunistischen Gewissheiten und lieferte, gemäß seinem Titel Fragen, die ich mir stelle, statt Antworten lieber Fragen, wobei eine Gewissheit für sie doch feststand: "Es gibt keine Fragen, die dringlicher wären als die naiven." Tatsächlich favorisierte sie bis zuletzt die Frageform in ihrem Werk. Selbst wenn ihre Gedichte, was nicht selten der Fall ist, mit einer Pointe enden, fehlt dieser alles Auftrumpfende, weil sie zumeist als Frage erscheint. Es passt ins Bild, dass Wisława Szymborska 1996 in ihrer Nobelpreis-Rede (die sich durch verblüffende Kürze ebenso auszeichnete wie durch völlig uneitle Bescheidenheit) betonte, wie "kostbar und vertraut" ihr die drei kleinen Wörter "Ich weiß nicht" seien. Aus ihrer Sicht bedeuten sie eine Vorbedingung für jenes Staunen, aus dem alle Dichtung hervorgeht.

Wie fragwürdig freilich auch jede dichterische Anstrengung bleibt und wie rasch das Gedicht mit einer übermächtigen Realität kollidieren kann, davon sprechen viele der späten Gedichte von Wisława Szymborska, exemplarisch jenes, in dem sich bei einer Dichterlesung vor Blinden der Dichter aller Farben schämt, die er in seinen Gedichten so verschwenderisch angehäuft hat. Oder jenes Ketten überschriebene Gedicht vom Kettenhund, in dem auch die Krone der Schöpfung, der Mensch, angekettet erscheint, angekettet an Gewohnheit und Gedankenlosigkeit: "Ein heißer Tag, eine Hundehütte, ein Hund an der Kette. / Ein paar Schritte weiter eine Schüssel voll Wasser. / Aber die Kette ist zu kurz, der Hund kommt nicht hin. / Fügen wir dem Bild noch ein Detail hinzu: / unsere wesentlich längeren / und weniger sichtbaren Ketten, / dank derer wir locker vorbeigehen können." Das Gedicht erinnert an das wohl berühmteste Gedicht der polnischen Dichterin, Die zwei Affen von Breughel, in dem sie der qualvolle Traum heimsucht, sie werde "in Menschheitsgeschichte geprüft", und ihr einer der beiden angeketteten Affen die Antworten vorsagt – "mit leisem Klirren der Kette". Wisława Szymborska macht sich auch in ihren letzten Gedichten noch einmal zur Anwältin der Tiere, indem sie etwa unsere Speisekarten als "Nekrolog" apostrophiert und uns unsere Essgewohnheiten vorhält. Doch auch Wisława Szymborska weiß keinen endgültigen Ausweg aus dem großen Schuldzusammenhang, der uns mit den Tieren verbindet, und konstatiert resigniert: "(...)wo Hunger ist, / ist es aus mit der Unschuld".

Gelegentlich leistet sich Wisława Szymborska auch ein bisschen Koketterie, so wenn sie im Gedicht Einfall ebendiesem Einfall, der sich bei ihr einstellt, den Rat erteilt, sich an einen anderen, besseren Dichter zu wenden. Es gab in Polen diesen "besseren Dichter", und wenn das Werk der Szymborska überhaupt mit einem winzigen Makel belastet ist, dann mit einem, für den sie absolut nichts kann, gemeint ist der Nobelpreis, der – als in Stockholm Polen auf dem Plan stand – doch mehr Zbigniew Herbert gebührt hätte als ihr; sein Werk zeichnet sich durch größere Dringlichkeit aus und eröffnet Dimensionen, die Wisława Szymborska verschlossen blieben oder die sie vielleicht gar nicht erschließen wollte. Aber was zählen alle Hierarchien von Ehre und Ruhm angesichts eines einzigen geglückten Gedichts, das sich dem Weltenlauf entgegenstellt? Wisława Szymborska sind nicht wenige solche Gedichte geglückt, eines von ihnen und eines ihrer letzten, Vermeer überschrieben, sei zuletzt zitiert: "Solange diese Frau aus dem Rijksmuseum / in der gemalten Stille und Andacht / Tag für Tag Milch / aus dem Krug in die Schüssel gießt, / verdient die Welt / keinen Weltuntergang."