Sexreport statt Wissenschaft

Am Anfang waren alte Männer, die uns die Welt erklärten. Bernhard Grzimek, der Direktor des Frankfurter Zoos, brachte für seine Sendung Ein Platz für Tiere schon mal ein Gepardenbaby mit ins Studio, das er auf seinem Schreibtisch streichelte. Heinz Haber warf Kieselsteine in einen Erbsenbrei, um die Entstehung der Mondkrater zu verdeutlichen. Hoimar von Ditfurth durchkreuzte aufklärend die Grenze der Naturwissenschaften durch manch philosophischen Exkurs. Und Horst Stern, damals noch gar nicht so alt, räumte mit einem romantisierenden Naturverständnis auf und brachte mit seinen Bemerkungen über den Rothirsch die Jäger gegen sich auf.

Der letzte Überlebende dieser Art ist der Physiker Harald Lesch, der im ZDF die Sendung Abenteuer Forschung sowie diverse Ablegerformate präsentiert. Ansonsten hat der Typ des erklärenden Wissenschaftlers im Fernsehen ausgedient – heute prägen jugendliche Moderatoren das Bild, die sich nicht schlauer geben wollen als der Zuschauer. Sie führen uns mit manchmal aufgesetzter Neugier durch eine fast unüberschaubare Flut von Wissenschafts- und Wissensformaten mit verwirrend ähnlichen Titeln: Abenteuer Erde, Planet Erde, Planet Wissen, Faszination Wissen, Faszination Erde... Vom frühen Morgen bis spät in die Nacht kann man sich von der Glotze mit Wissen versorgen lassen.

Auf den ersten Blick also scheint das Fernsehen seinen Bildungsauftrag überzuerfüllen, insbesondere die öffentlich-rechtlichen Sender. Die ARD-Anstalten beschäftigen zusammen knapp 60 hauptamtliche Wissenschaftsredakteure, das ZDF 30, dazu kommen unzählige freie Journalisten. Aber wird der Zuschauer dabei wirklich schlauer?

Einer, der dazu Auskunft geben kann, ist Ranga Yogeshwar. Dessen Name fällt sofort, wenn man über Wissenschaftsfernsehen spricht, dabei ist er im bundesweiten Programm regelmäßig nur in der Großen Show der Naturwunder zu sehen, nicht gerade ein Wissenschaftsformat. Aber im dritten Programm des WDR feierte die von ihm moderierte Sendung Quarks & Co gerade ihren 20. Geburtstag – das gibt es nicht oft im schnelllebigen TV.

"Das Wissenschaftsfernsehen hat sich dramatisch verändert", sagt Yogeshwar. "Heute hat das Wort Bildungsfernsehen bei vielen Verantwortlichen eine abschreckende Wirkung." Vor 30 Jahren habe man versucht, dem Zuschauer Orientierung zu geben, heute orientiere man sich am Horizont des Durchschnittszuschauers, den man bloß nicht mit zu komplizierten Inhalten verprellen wolle.

Die meisten Wissensformate widmen sich zeitlos-populären Themen

Ranga Yogeshwar hat seinen Abteilungsleiter-Job beim WDR schon vor Jahren gekündigt und ist nur noch frei für den Sender tätig. Mit Quarks & Co sendet er munter und erfolgreich gegen den Mainstream an. In der vergangenen Woche mit einer halben Stunde über das Klo. Jährlich sterben mehr als eine Million Kinder, weil es an Sanitäranlagen mangelt. "Ich weiß, das ist der absolute Quotenkiller", sagt Yogeshwar. "Wir wollen dienstags um 21 Uhr nicht unbedingt Slums sehen mit Kindern, die in die Pampa scheißen – aber es ist ein relevantes Thema." Er macht sich keine Illusionen darüber, dass das Fernsehen wirklich tiefgreifend über aktuelle Wissenschaft informieren könnte; trotzdem berichtete er anlässlich der Entdeckung des Higgs-Teilchens am Genfer Cern noch am selben Tag darüber.

Die meisten anderen Wissensformate wählen sich lieber zeitlose, populäre Themen; auch das letzte verbliebene Magazin der ARD, W wie Wissen. Das tägliche Magazin Galileo auf Pro Sieben, das in seinen Anfangsjahren mit seiner jugendkompatiblen Frische und den daraus resultierenden guten Quoten die Öffentlich-Rechtlichen das Fürchten lehrte, schiebt ab und zu mal eine aktuelle Minute ein, ist aber ansonsten eher zur Ratgebersendung mutiert. "15 Abnehm-Mythen in 15 Minuten" – und gleich im Anschluss läuft die Bulimie-Parade Germany’s Next Topmodel.

Viel Geld für zu viele Sendungen und Kanäle

Die Privaten setzen in ihren Wissensformaten weitgehend auf spektakuläre eingekaufte Bilder – oder ganz unverblümt auf Sex, wenn etwa Andreas Türck in der Kabel-1-Sendung Abenteuer Leben den großen Sexreport So liebt Deutschland präsentiert ("Besonders beliebt ist der Oralverkehr in Nordrhein-Westfalen") und zwei Statisten das Kamasutra nachspielen lässt.

Die ARD hat ihre Wissensformate fast komplett in die dritten Programme verbannt – und dort produzieren sie mit schmalem Budget. Dann reicht der Reiseetat der Redaktion von Faszination Wissen (Bayerischer Rundfunk) nur bis in die Lausitz, wo uns sorbische Volkstänze präsentiert werden und der Moderator nach einer halben Stunde über den Braunkohletagebau mit düsterer Miene sein Resümee zieht: "So weit, so deprimierend."

Könnte man mit all dem Geld, das da versendet wird, nicht mehr machen? Einmal im Jahr treffen sich die Wissenschafts-Fernsehmacher der Welt auf dem World Congress of Science and Factual Producers und reden über die Branche. Die Deutschen stellen dort – nach den Briten – regelmäßig die zweitstärkste Fraktion. Zur Kenntnis genommen werden ihre Sendungen international aber kaum. Das liegt zum einen an der hierzulande herrschenden Magazinitis, niemand im Ausland will untertitelte deutsche Moderatoren sehen.

Vor allem aber verteilt sich das viele Geld aus den Gebühren auf zu viele Sendungen und Kanäle. Dass es anders geht, zeigt der öffentliche Sender PBS in den USA: Obwohl dort das gemeinnützige Fernsehen nur ein spärlich finanziertes Nischenprogramm ist, produziert die kleine Firma Nova in Boston immer wieder hochwertige Dokumentationen zu sperrigen Themen, etwa einen Vierteiler über Quantentheorie und Materialwissenschaften. Aufwendig gedreht mit einem Millionenbudget, ziehen solche Shows in der Primetime wöchentlich bis zu fünf Millionen Zuschauer an. "Das alles geht nur, weil es bei PBS und Nova eine Selbstverpflichtung gibt, die wissenschaftliche Bildung zu fördern", sagt Melanie Wallace, die solche Serien verantwortet. Und immer aufs Neue müssen Sponsoren aus der Wirtschaft oder von Stiftungen geworben werden.

Eine der wenigen deutschen Firmen, die Dokumentationen auf internationalem Niveau produzieren, ist doc.station in Hamburg, eine hundertprozentige ZDF-Tochter. Deren Chef Hartmut Klenke beklagt, dass von den Fernsehgebühren immer weniger im Programm lande. Beispiel Arte: Der mit hohen Ambitionen gestartete deutsch-französische Sender zahlt inzwischen weniger als 100.000 Euro für eine dreiviertelstündige Produktion. Aktuelle Berichterstattung über Wissenschaft und Forschung, vielleicht sogar aus Deutschland, findet im Fernsehen kaum statt. Dabei gibt es durchaus etwas zu erzählen: Doc.station produziert ein wöchentliches Magazin über deutsche Forschung namens Hot Spot, finanziert vom Auswärtigen Amt – zu sehen ist die Sendung bisher nur im Scheichtum Katar.

Mit Neid blicken deutsche Fernsehmacher insbesondere auf die Naturdokumentationen der britischen BBC. "Da kostet aber die Minute locker 10.000 bis 20.000 Euro – und wir sollen mit einem Zehntel davon die gleiche Qualität bieten", beklagt Klenke, "das geht nicht." Die Folge: Für viele Episoden der ZDF-Dokuserie Faszination Erde wird der Moderator Dirk Steffens an die Schauplätze geflogen, an denen die BBC gefilmt hat – die tatsächlichen Tieraufnahmen stammen dann aus England.

Das einzige international konkurrenzfähige deutsche Dokuformat ist Terra X im ZDF. Dort werden 300.000 Euro und mehr in eine Folge investiert, und das sieht man auch. Es ist massenkompatibles Fernsehen, das zur besten Sendezeit am Sonntagabend durchaus relevante Wissenschaft vermittelt. "Bei allem Gemecker in den Feuilletons", sagt die Terra X-Autorin Luise Wagner, "wenn wir zu einem Wissenschaftler kommen, dann stehen uns alle Türen offen."

Weg vom gebührenfinanzierten öffentlichen Fernsehen will trotzdem kaum einer der Macher. "Man muss nur über die Grenze nach Italien gucken – da ist das deutsche Fernsehen immer noch verdammt gut", sagt Ranga Yogeshwar.

Mitarbeit: Kathrin Breer

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