Die Privaten setzen in ihren Wissensformaten weitgehend auf spektakuläre eingekaufte Bilder – oder ganz unverblümt auf Sex, wenn etwa Andreas Türck in der Kabel-1-Sendung Abenteuer Leben den großen Sexreport So liebt Deutschland präsentiert ("Besonders beliebt ist der Oralverkehr in Nordrhein-Westfalen") und zwei Statisten das Kamasutra nachspielen lässt.

Die ARD hat ihre Wissensformate fast komplett in die dritten Programme verbannt – und dort produzieren sie mit schmalem Budget. Dann reicht der Reiseetat der Redaktion von Faszination Wissen (Bayerischer Rundfunk) nur bis in die Lausitz, wo uns sorbische Volkstänze präsentiert werden und der Moderator nach einer halben Stunde über den Braunkohletagebau mit düsterer Miene sein Resümee zieht: "So weit, so deprimierend."

Könnte man mit all dem Geld, das da versendet wird, nicht mehr machen? Einmal im Jahr treffen sich die Wissenschafts-Fernsehmacher der Welt auf dem World Congress of Science and Factual Producers und reden über die Branche. Die Deutschen stellen dort – nach den Briten – regelmäßig die zweitstärkste Fraktion. Zur Kenntnis genommen werden ihre Sendungen international aber kaum. Das liegt zum einen an der hierzulande herrschenden Magazinitis, niemand im Ausland will untertitelte deutsche Moderatoren sehen.

Vor allem aber verteilt sich das viele Geld aus den Gebühren auf zu viele Sendungen und Kanäle. Dass es anders geht, zeigt der öffentliche Sender PBS in den USA: Obwohl dort das gemeinnützige Fernsehen nur ein spärlich finanziertes Nischenprogramm ist, produziert die kleine Firma Nova in Boston immer wieder hochwertige Dokumentationen zu sperrigen Themen, etwa einen Vierteiler über Quantentheorie und Materialwissenschaften. Aufwendig gedreht mit einem Millionenbudget, ziehen solche Shows in der Primetime wöchentlich bis zu fünf Millionen Zuschauer an. "Das alles geht nur, weil es bei PBS und Nova eine Selbstverpflichtung gibt, die wissenschaftliche Bildung zu fördern", sagt Melanie Wallace, die solche Serien verantwortet. Und immer aufs Neue müssen Sponsoren aus der Wirtschaft oder von Stiftungen geworben werden.

Eine der wenigen deutschen Firmen, die Dokumentationen auf internationalem Niveau produzieren, ist doc.station in Hamburg, eine hundertprozentige ZDF-Tochter. Deren Chef Hartmut Klenke beklagt, dass von den Fernsehgebühren immer weniger im Programm lande. Beispiel Arte: Der mit hohen Ambitionen gestartete deutsch-französische Sender zahlt inzwischen weniger als 100.000 Euro für eine dreiviertelstündige Produktion. Aktuelle Berichterstattung über Wissenschaft und Forschung, vielleicht sogar aus Deutschland, findet im Fernsehen kaum statt. Dabei gibt es durchaus etwas zu erzählen: Doc.station produziert ein wöchentliches Magazin über deutsche Forschung namens Hot Spot, finanziert vom Auswärtigen Amt – zu sehen ist die Sendung bisher nur im Scheichtum Katar.

Mit Neid blicken deutsche Fernsehmacher insbesondere auf die Naturdokumentationen der britischen BBC. "Da kostet aber die Minute locker 10.000 bis 20.000 Euro – und wir sollen mit einem Zehntel davon die gleiche Qualität bieten", beklagt Klenke, "das geht nicht." Die Folge: Für viele Episoden der ZDF-Dokuserie Faszination Erde wird der Moderator Dirk Steffens an die Schauplätze geflogen, an denen die BBC gefilmt hat – die tatsächlichen Tieraufnahmen stammen dann aus England.

Das einzige international konkurrenzfähige deutsche Dokuformat ist Terra X im ZDF. Dort werden 300.000 Euro und mehr in eine Folge investiert, und das sieht man auch. Es ist massenkompatibles Fernsehen, das zur besten Sendezeit am Sonntagabend durchaus relevante Wissenschaft vermittelt. "Bei allem Gemecker in den Feuilletons", sagt die Terra X-Autorin Luise Wagner, "wenn wir zu einem Wissenschaftler kommen, dann stehen uns alle Türen offen."

Weg vom gebührenfinanzierten öffentlichen Fernsehen will trotzdem kaum einer der Macher. "Man muss nur über die Grenze nach Italien gucken – da ist das deutsche Fernsehen immer noch verdammt gut", sagt Ranga Yogeshwar.

Mitarbeit: Kathrin Breer

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