Vierzig Männer und Frauen arbeiten derzeit daran, eine Geschichte zu formulieren, die Thomas de Maizière retten soll. Es ist die seltsame Geschichte von Kauf, Weiterentwicklung und Stopp der Drohne Euro Hawk. De Maizière muss diese Geschichte am kommenden Mittwoch im Verteidigungsausschuss erzählen. Dafür sammeln 40 Mitarbeiter seines Ministeriums jetzt fieberhaft Fakten – Krisenreaktionskräfte im Dauereinsatz.

Der Minister wird vor den Sicherheitsexperten des Bundestages erklären, welche großartige Aufklärungstechnik der Rüstungskonzern EADS für den Euro Hawk entwickelt habe und wie modern und weit voraus die Bundeswehr damit sein werde. Und er wird einräumen, dass das Fluggerät von Northrop Grumman, die Hülle des Euro Hawk, nie auf diesem Niveau lag, dass man aber diese Hülle brauchte, um die Technologie von EADS zu Ende entwickeln zu können. Vor allem aber wird er sagen, dass er, der zuständige Minister, umgehend interveniert habe, als er sah, dass weitere bis zu 600 Millionen Euro gebraucht würden, um den Euro Hawk zum Fliegen zu bringen. Thomas de Maizière, daran besteht kein Zweifel, wird der Held seiner Geschichte sein.

Was aber, wenn das alles nicht stimmt? Was, wenn am Ende nicht die Amerikaner von Northrop die Bösen in der Geschichte sind, sondern die Guten? Für de Maizière wird es dann eng.

Im Gerangel um den Euro Hawk geht es in diesen Tagen zu wie in einer Dreiecksbeziehung. Es gibt Beschuldigungen, Vorhaltungen und Enttäuschungen – nur dass die Beteiligten in diesem Fall ein amerikanischer Rüstungskonzern (Northrop Grumman), ein europäischer Technologielieferant (EADS) und ein deutscher Minister sind. Die Lage ist, wie üblich in solchen Konstellationen, unübersichtlich – und am Ende bleibt vermutlich wie immer jemand auf der Strecke.

Im Hauptquartier von Northrop Grumman im US-Bundesstaat Virginia ist man sicher, den wahren Grund für das Ende des Euro-Hawk-Programms zu kennen: Man sei rücksichtslos ausgenutzt worden. So ist es aus unternehmensnahen Kreisen zu hören. Nutznießer sei ausgerechnet jener Entwicklungspartner, mit dem Northrop Grumman in der Euro Hawk GmbH verbunden ist – EADS.

Als Grundlage für den Euro Hawk diente das Modell Global Hawk, das Northrop bereits für die US-Luftwaffe und die US-Marine entwickelt hatte. Ohne dieses bereits vorhandene Trägersystem, so die Deutung in Virginia, hätte EADS das Verteidigungsministerium nie dazu bekommen, insgesamt 245 Millionen Euro in die Entwicklung der fabelhaften Aufklärungstechnik zu stecken, von der de Maizière so schwärmt. EADS habe Northrops Global Hawk dazu benutzt, um sein eigenes Aufklärungssystem vom Boden zu kriegen und die nötigen Flugtests zu absolvieren. Global und Euro Hawk galten einmal als Wunderdrohnen, die in 20.000 Meter Höhe, unerreichbar für jede Luftabwehr, bis zu 30 Stunden ein Gebiet überwachen und Signale am Boden orten können – ohne Pilot im Cockpit. Und sie dürfen bis heute in Europa fliegen – allerdings nur mit Sondergenehmigung. Für Starts und Landungen muss der Luftraum gesperrt werden.

Die Mutmaßung der Amerikaner: Die angeblichen Fehler und Mängel der Drohne – fehlendes Antikollisionssystem, Probleme beim Start und bei der Landung, mangelhafte Flugkontrolle, unzureichende Dokumentation der technischen Details – seien nur vorgeschoben, um sich aus dem Programm zu verabschieden und den Weg für den Bau eines europäischen Trägersystems frei zu machen – hergestellt von EADS.

Northrop Grumman widerspricht auch entschieden der Darstellung des Verteidigungsministeriums, es gebe ein Problem mit der sense and avoid- Technologie des Euro Hawk. Ein Antikollisionssystem müsse weder nachträglich entwickelt noch teuer bezahlt werden – es sei bereits mit der Drohne mitgeliefert worden. Der Auftraggeber, die Bundeswehr, habe sich allerdings entschlossen, es nicht einzubauen. Das sagte ein Sprecher des US-Rüstungskonzerns der ZEIT. Das Antikollisionssystem "ist im Grunde eine Blackbox, die liegt in Bayern, und die könnten quasi Sie und ich da einbauen, so einfach ist das." Der Euro Hawk steht im oberbayerischen Manching.