DIE ZEIT: Vor einigen Jahren verkündeten Sie noch, dass eine Black-Sabbath-Reunion unvorstellbar sei. Nun erscheint 13, in dieser Besetzung Ihr erstes gemeinsames Album seit 35 Jahren. Und auf Tournee gehen Sie auch. Wie konnte das passieren?

Ozzy Osbourne: Keinen Schimmer. Meine Frau sagte mir eines Tages, dass wir ein neues Album machen. Ich war mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Der letzte Versuch einer Zusammenarbeit scheiterte vor zwölf Jahren jämmerlich. Ein Problem ist ja, dass alle immer palavern, wie toll so eine Reunion ist, aber wenn man dann im Studio steht, ist jeder erst mal ratlos. Aber ich wusste auch, dass das unsere letzte Chance ist. Wir werden ja nicht jünger.

Geezer Butler: Ehrlich gesagt, ist es gar nicht so lange her, dass ich einen Eid darauf abgelegt hätte, dass diese Band beerdigt ist. Aber es ist wohl tatsächlich eine Frage des Alters. Mit den Jahren stellt sich ein Gefühl für die eigene Vergänglichkeit ein, das toleranter und kompromissfähiger macht. Ozzy und Tony Iommi begruben endlich ihren Streit um die Black-Sabbath-Namensrechte. In den vergangenen Jahren traten wir immer mal wieder gemeinsam auf und näherten uns so an. Aber auf die Dauer ist es langweilig, immer nur das ganze alte Zeug zu spielen. Das neue Album war eine Jetzt-oder-nie-Entscheidung. Als dann bei Tony Iommi Krebs diagnostiziert wurde, war klar, wir müssen uns beeilen.

ZEIT: Sie sind alle zwischen 60 und 70. Wie leicht fällt es da noch, finstere Heavy-Metal-Songs zu dichten?

Butler: Da ist alles beim Alten geblieben. Meine Texte kommen noch immer aus dem abgedunkelten Bereich meiner Vorstellungskraft. Warum auch nicht? Die Welt ist doch in den vergangenen Jahrzehnten nicht besser geworden.

ZEIT: Was beeinflusst Sie?

Butler: Wo soll ich da anfangen? Ein neuer Song handelt von pädophilen Priestern! Ein anderer ist über den Dschihad. Uns inspiriert alles, was falsch läuft dieser Tage. Und mal ehrlich, ein Black-Sabbath-Album mit Flower-Power-Texten oder ähnlichem Mist würde kein Mensch hören wollen, oder?

Osbourne: Zum Teufel, es ist ein Black-Sabbath-Album! Wir klingen nun mal nicht wie Justin Bieber. Black-Sabbath-Songs funktionieren ganz einfach: Man nimmt ein Tony-Iommi-Riff, addiert einen Geezer-Butler-Text und lässt Ozzy Osbourne singen. Fertig. Ehrlich gesagt, ist es auch so, dass wir nie über unsere Musik nachdenken. Wir machen sie einfach. Aber dann kommen tausend schlaue Leute und konfrontieren uns mit irgendwelchen Theorien, die uns immer rätselhaft sind.

ZEIT: Angeblich sind Sie alle von schwarzer Magie fasziniert. Ein böses Gerücht?

Osbourne: Ja! Totaler Blödsinn. Auf dem neuen Album ist der Song God is Dead. Handelt der davon, dass Gott tot ist? Nein! Verdammt noch mal! Der Song war meine Idee. Ich saß in einer Arztpraxis und sah dort ein Magazin, auf dessen Titel stand God is Dead, und war beeindruckt von der Idee. Ich dachte mir, dass das absolut richtig ist. Zu was für einem Leid haben Religionen, egal, was für welche, schon geführt? Warum sind diese Terroristen in Flugzeuge gestiegen, die sie in die Twin Towers steuerten? Was treibt einen Selbstmordattentäter? Zu viele Menschen berufen sich bei ihren fürchterlichen Taten auf einen Gott. Meine Vorstellung von Gott ist eine andere!

ZEIT: Und zwar?

Osbourne: Ich glaube, Gott ist ein guter Typ. Wir haben nur eine Welt, aber viele Religionen. Das einzige Problem daran ist, dass so viele Gläubige für Götter ihr Leben wegwerfen. Oder eben andere Menschen umbringen. Das kann kein Gott gutheißen. Zumindest ich kann das mit meiner Definition von Gott nicht vereinbaren. Menschen zu verletzen ist immer böse.


ZEIT:
Haben Sie schon mal probiert, ein fröhliches Lied zu schreiben?

Butler: Es gibt einige gar nicht so düstere Black-Sabbath-Songs. Manchmal geht es bei uns auch ohne Weltuntergang. Nur nicht so oft eben. Auf dem neuen Album ist ein Song namens Zeitgeist, der von Zeitreisen und dem Weltraum handelt. Lustig, oder?

ZEIT: Angeblich ist 13 das erste Black-Sabbath-Album, das Sie alle nüchtern eingespielt haben. Stimmt das?

Butler: Dieses Gerücht habe ich zur Kenntnis genommen, es entspricht aber nicht der Wahrheit. Das erste Black-Sabbath-Album entstand ebenfalls nüchtern, aus dem einfachen Grund, dass wir uns damals Drogen und Alkohol gar nicht leisten konnten.

Mit Black Sabbath regulärer Arbeit entgehen

Osbourne: Kokain, Heroin und den ganzen anderen Mist entdeckten wir erst, als wir anfingen, Geld zu verdienen. In den Siebzigern waren wir wie Kinder, die in einem Süßigkeitenladen eingeschlossen werden. Wir nahmen alles mit. Heute sind wir vernünftig und nehmen unsere Frauen und Kinder mit auf Tournee. Letztlich haben wir so mehr Spaß, weil wir wieder merken, was wir tun.

ZEIT: Black Sabbath sind eine der erfolgreichsten und einflussreichsten Rockbands aller Zeiten. Hat Sie der gewaltige Erfolg Ihrer düsteren und oft extremen Musik je überrascht?

Osbourne: Der Plan war eigentlich, nur ein Album zu machen und, wenn das ganz gut läuft, vielleicht noch eine zweites. Dabei hatten wir alle im Kopf, dass wir früher oder später in irgendeinem tristen Job in einer Fabrik oder so landen würden. Das schien damals unvermeidlich. In den sechziger Jahren, als wir anfingen, war es keine Karriere-Option, eine Rockband zu gründen. Es war bestenfalls ein Trick, um sich etwas länger vor richtiger Arbeit zu drücken. Als es bei uns losging, trennten sich gerade die Beatles. Und ich dachte mir, wenn es selbst die Beatles nicht länger als acht Jahre hinkriegen, wird das bei uns auch nichts. Ich gab uns drei Jahre.

ZEIT: Mit Black Sabbath wollten Sie also vor allem regulärer Arbeit entgehen?

Butler: Wir wollten nicht enden wie unsere Väter. Aston, der Vorort von Birmingham, aus dem wir alle stammen, ist wirklich ein sehr trostloser Platz zum Aufwachsen. Mein Vater hat wie ein Irrer jede Woche geschuftet und sah lächerlich wenig Geld dafür. Ich beobachtete, wie er kaputtging, aber er machte weiter, denn er hatte sieben Kinder, die er durchbringen musste. Von klein auf wusste ich, dass ich so einem Leben so lange wie nur möglich entgehen wollte.

ZEIT: Waren Ihre Eltern damals geschockt, als Sie sich die Haare lang wachsen ließen und in einer Rockband spielten, statt sich um einen Job zu kümmern?

Butler: Sie hassten das! Ich war 19, als sie mich rausschmissen. Aber ich glaube, dass es das ist, was uns bei Black Sabbath immer vereinte: dieser starke Wille, dass es für uns etwas Besseres im Leben geben muss. Wir sind alle im selben Viertel aufgewachsen. Ich habe mit 15 die Schule abgebrochen und dann eine Weile in irgendeinem Büro meine Zeit abgesessen. Jede Sekunde da habe ich gehasst und wusste, dass ich dafür nicht gemacht bin.

ZEIT: Hat die Tristesse von Aston den bedrohlichen Heavy-Metal-Sound von Black Sabbath geprägt?

Butler: Da bin ich mir sogar ganz sicher. Am Elend von Aston seid auch ihr Deutschen schuld! Ihr habt die halbe Stadt weggebombt, und wir mussten dann in der Nachkriegszeit in den Kratern spielen. Es dauerte bis in die späten sechziger Jahre, bis die Schäden halbwegs behoben waren. Das Schlimmste war, dass unsere Familien zwischen den Ruinen aufwuchsen. Irgendwann begannen Engländer aus besseren Vierteln auch noch, wenn es dunkel wurde, ihren Müll bei uns abzuladen. Es war wie der Vorhof zu Hölle. Arbeitslosigkeit und Kriminalität und das Gewaltpotenzial waren angemessen hoch. Dazu kamen Rassenunruhen. Ich stamme aus einer großen irischen Familie. In unserer Gegend wohnten Menschen aus Pakistan und der Karibik, und irgendwie prügelten sich alle ständig. Selbstverständlich spielte dieser Hintergrund eine Rolle, als wir begannen, Songs zu schreiben. Wären wir in Beverly Hills aufgewachsen, klänge unsere Musik anders.

ZEIT: Wie lange kann man in einer Heavy-Metal-Band sein?

Osbourne: Von Anfang an mussten wir Journalisten die Frage beantworten, wo wir in zehn Jahren sein werden. Und jedes Mal antwortete ich: Fragt mich in zehn Jahren. Hätte ich ahnen können, dass ich mit 64 Jahren noch in einer Rockband namens Black Sabbath singe? Fragen Sie in zehn Jahren noch mal nach.