Als es in Europa noch üblich war, am Existenzrecht kleiner Länder zu zweifeln, da wurden die Luxemburger trotzig. Vor 150 Jahren ging das Gerücht um, Kanzler Bismarck plane, den neutralen Staat zu annektieren, um ihn als Hinterland für die deutsch-französische Kriegsfront zu nutzen. Und die Luxemburger? Riefen in einer flugs umgedichteten Nationalhymne dem Preußen entgegen: "Mir wölle bleiwe, wat mir sin!"

Wir wollen bleiben, was wir sind. Ungefähr diese Antwort gibt auch heute der Premierminister Jean-Claude Juncker, wenn man, nun ja, nicht direkt das Existenzrecht seines Landes infrage stellt. Sondern dessen Geschäftsgrundlage.

Ist es, Herr Juncker, nicht unsolidarisch, dass Luxemburg den Nachbarstaaten Steuergeld entzieht, um sich selbst einen luxuriösen Lebensstandard zu erlauben? Steuerdumping als nationales Geschäftsmodell zu betreiben, während man nach außen die vorbildlichen Europäer gibt – wie lange kann das noch funktionieren?

Juncker sitzt etwas abgespannt auf seinem Bürosofa. Der Jetlag. Er ist gerade aus Washington zurück, von einem Treffen des Internationalen Währungsfonds und der G20. Schon wieder haben die Finanzminister dieser Welt mehr Transparenz im Bankensektor verabredet. Die Staaten Europas sind hoch verschuldet, sie brauchen dringend Geld, und langsam kippt die Toleranz gegen die abgelegenen Winkel der Finanzwelt. Der Zeitgeist dreht sich gegen Länder wie Luxemburg. Länder, deren Staatseinnahmen zu einem großen Teil von außerhalb stammen. Es gibt Schätzungen, die besagen, dass Europas Staatskassen durch "Steueroptimierungen" jährlich eine Billion Euro verloren gehen. Das ist der Betrag, den die Euro-Staaten – unter großen politischen Schmerzen – in den Rettungsschirm ESM einbringen, um den Euro zu stabilisieren. 1986 noch erhielt das Volk von Luxemburg kollektiv den Karlspreis für "Vorbildlichkeit und Beharrlichkeit auf dem Weg zur Einheit Europas". Die Idee würde heute womöglich etwas abwegig erscheinen. Zwar signalisiert das Großherzogtum mittlerweile, dass es bereit ist, sein Bankgeheimnis zu lockern. Aber noch blockiert es eine Einigung in Brüssel; zunächst einmal müsse die EU Transparenzabkommen mit der Schweiz sowie mit Liechtenstein, Andorra, Monaco und San Marino abschließen.

Juncker bleibt gelassen. Er streitet den Vorwurf des Steuerdumpings rundweg ab. "Ich habe immer gesagt, dass wir nicht auf Kosten der Nachbarn leben können." Ja, aber bitte, tut Luxemburg nicht genau das, und zwar auch außerhalb des Bankensektors? Auf den großen Luxemburger Autobahnstationen sind Diesel und Benzin gut 20 Cent billiger zu haben als im angrenzenden Deutschland, Frankreich und Belgien. Und in ihren Shops türmen sich Plastikeimer mit Zigarettentabak: 800 Selbstgedrehte für 28 Euro. 1,5 Milliarden Euro an Abgaben fließen allein durch dieses Dumping jedes Jahr in die Luxemburger Staatskasse. Und was ist erst mit den Steuervorteilen, die große Unternehmen sich in Luxemburg garantieren lassen können?

"Kleine Räume leiden auch unter ihrer Kleinheit", entgegnet Juncker. "Deswegen versuchen sie ihre Nischen so zu gestalten, dass sie Luft zum Leben haben." Sein Sprecher reicht dem Regierungschef eine dritte Zigarette. Juncker beugt sich vor, wird lebhaft. "Die Deutschen denken immer, sie wären perfekt." Luxemburg aber habe nun einmal nicht so viele Einkommensmöglichkeiten wie größere Staaten in Europa. "Wir können zum Beispiel keine Waffen exportieren."

Das stimmt. Die Schwerindustrie, das war einmal. In den siebziger Jahren war das kleine Luxemburg noch ein gewaltiger Stahlproduzent. Gesegnet mit Eisenerzvorkommen im Süden des Landes, produzierten die Hochöfen des Großherzogtums jährlich sechs Millionen Tonnen Rohstahl, die Umsätze sorgten für ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes. 1975 dann die weltweite Überproduktion, binnen eines Jahres brachen die Erlöse aus der Stahlproduktion um fast ein Drittel ein. Eine neue tragende Branche musste her – und die Finanzindustrie stand schon bereit. Zunächst siedelten sich nur ein paar amerikanische, dann skandinavische, später auch größere deutsche und französische Geldhäuser in Luxemburg an. Das Bankgeheimnis wurde in den kommenden Jahrzehnten umso wichtiger, da die Nachbarländer begannen, Zinsgewinne zu besteuern. Auf dem Altstadthügel, innerhalb der ehemaligen Festungsanlage Luxemburg, ragen heute zwischen mittelalterlich anmutenden Häuserzeilen spiegelnde Hochhäuser in den Himmel. Kaum eine internationale Anwaltsfirma, kaum eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die hier keinen Stützpunkt unterhielte: KPMG, PWC, Ernst & Young, Deloitte Touche Tohmatsu sind nur die größten. Der Job dieser Finanzfüchse ist das Steuertuning.