ZEITmagazin: Herr Jansons, als Sie 13 Jahre alt waren, zogen Sie mit Ihrer Familie von Riga ins damalige Leningrad. Das war sicherlich eine drastische Veränderung?

Mariss Jansons: Es war schwer für mich, mein geliebtes Riga zu verlassen. Ich war ein schüchternes Kind voller Komplexe. In Leningrad war anfangs alles fremd für mich. Das Niveau an der Musikschule war äußerst hoch, und ich sprach kaum Russisch.

ZEITmagazin: Wie fanden Sie das Leben in der Sowjetunion?

Jansons: Vieles war nicht leicht, aber Schwierigkeiten können auch eine wunderbare Schule sein. Ich kenne Leute, die lange in Sibirien waren und nicht gebrochen zurückkehrten, sondern moralisch gestärkt. Nur weil man in einer komfortablen Wohnung sitzt und keine materiellen Probleme hat, bedeutet das noch lange nicht, dass man zu einem besseren Menschen wird. Meiner Überzeugung nach ist Komfort eine gefährliche Sache. Ich war an einer Schule für musikalisch talentierte Kinder. Wird man dort aufgenommen, steht bereits im Alter von sieben Jahren fest, dass man professioneller Musiker wird. Der Lebensweg ist vorgegeben. Man muss sehr viel lernen, die Lehrer verlangen perfekte Leistungen. Als wir nach Russland zogen, hatte ich noch zusätzlich täglich fünf bis sechs Stunden Sprachunterricht. Zeit zum Spielen blieb da wenig. Es war nicht unbedingt eine schlechte Kindheit, aber eben eine andere.

ZEITmagazin: Ihr Vater Arvid war ebenfalls ein berühmter Dirigent. Wie haben Sie sich aus seinem Schatten befreit?

Jansons: Natürlich hat mein Vater mich sehr beeinflusst. Ich bin mit diesem Bild aufgewachsen, dass er ein großer Dirigent ist. Aber nach dem Studium am Konservatorium bin ich meinen eigenen Weg gegangen. Niemand hat zu mir gesagt, ich müsse ebenfalls Dirigent werden. Das war mein eigener Wunsch.

ZEITmagazin: Messen Sie sich an Ihrem Vater?

Jansons: Nein, messen kann man das nicht nennen. Als kleiner Junge habe ich ihn täglich genau beobachtet und so sicher vieles von ihm übernommen: einige seiner Bewegungsabläufe, seine Emotionalität und wahrscheinlich auch manche Interpretationen. Ich habe seine Arbeitsweise analysiert und damit verglichen, wie ich es machen möchte. So entstand ein innerer Monolog: Inwieweit folge ich dem, was mein Vater macht? Habe ich eine andere Idee? Oder gefällt es mir so gut, dass ich es übernehme? Aus dieser Analyse erwuchs mein eigener Weg.

ZEITmagazin: Als Sie 1996 in Oslo "La Bohème" dirigierten, brachen Sie am Pult mit einem Herzinfarkt zusammen. Ihr Vater hatte 1984 bei einer Aufführung einen Herzinfarkt erlitten. Er starb. Was hat Sie gerettet?

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Jansons: Gott? Oder vielleicht doch eher die Tatsache, dass man als Dirigent körperlich sehr fit ist, weil man täglich trainiert. Es war für mich ein wirklich dramatischer Moment. Ich hatte das schreckliche Gefühl, von einer Kraft komplett zerquetscht zu werden, und habe um mein Leben gekämpft – darum, zurückzukommen. Das war so fürchterlich, dass ich beim Gedanken daran noch immer Angst und Panik verspüre. Möglicherweise war es einfach für mich noch nicht an der Zeit zu gehen. Wer kann das schon sagen? Das ganze Leben ist doch etwas Mystisches. Das Universum in seiner Unendlichkeit können wir gar nicht erfassen. Wir sind nur ein ganz kleiner Knopf im Kosmos.

ZEITmagazin: Was ist für Sie das Mystische in der Musik?

Jansons: Ich versuche, es als Dirigent in unsere Welt zu holen. Das klappt nicht immer, selbst wenn das Orchester alles perfekt spielt. Aber oft entsteht etwas, eine Atmosphäre, ein Inhalt, ein Gefühl... Die Noten sind ja nur Zeichen. Was steht dahinter? Wenn du das erspürst, wenn du weißt, genau das möchte ich ausdrücken, dann kriegst du eine ganz spezielle Ebene. Ich nenne das die kosmische Ebene. Diese mystische Energie zwischen Musikern und Dirigent ist ein Gottesgeschenk, eine Gnade.

ZEITmagazin: Interessieren Sie sich für Astrologie?

Jansons: Ich respektiere die Astrologie sehr, und vor wichtigen Entscheidungen befrage ich manchmal einen Astrologen. Aber der sagt dir ja nie eindeutig, welchen Weg du gehen sollst. Er zeigt dir nur, welche Möglichkeiten offenstehen, wählen musst du selbst.

ZEITmagazin: Welche Kriterien beeinflussen Ihre Wahl?

Jansons: Mir ist Ehrlichkeit wichtig. Meine Mutter hat mir früh ein Gespür dafür beigebracht, was falsch und was richtig ist. Das ist für Kinder doch entscheidender als Spielzeug oder Fernsehen: moralische Werte gelehrt zu bekommen und zu wissen, das darf ich machen und das nicht. Wir als egoistische Wesen müssen uns immer bemühen, nach unserem Gewissen zu handeln. Das sind vielleicht die elementarsten Dinge im Leben: Ehrlichkeit und Gewissen. Alles andere ist sekundär.