Dieses Kleid kann man nur am 30. Mai während einer Hugo-Boss-Schau online kaufen. für 899 Euro © Peter Langer

Wenig verändert die Mode so sehr wie das Internet. Vor zwanzig Jahren war eine Modenschau noch ein Event, bei dem einer kleinen Gruppe ausgewählter Einkäufer und Journalisten die neuesten Stücke vorgeführt wurden. Die Angst war groß, dass die Konkurrenz die Schnitte kopieren könnte. Oft war nicht einmal Fotografieren erlaubt. Von dieser Zurückhaltung ist heute nichts mehr zu spüren. Aus Schauen wurden Events, die live ins Internet übertragen werden.

Statt eines kleinen Kreises möchte man nun am liebsten den ganzen Globus teilhaben lassen. Denn Mode ist nicht mehr nur eine Angelegenheit für einige wenige betuchte Damen, die in den Pariser Couture-Salons lümmeln.

Mode wird heute massenhaft getragen, und entsprechend breit ist das Interesse. Seit die Schauen live im Netz gestreamt werden, setzen die Modefirmen immer mehr auf Effekte. Es reiche nicht mehr, ein paar Models durch eine Tür laufen zu lassen, hat Karl Lagerfeld einmal gesagt: Das Publikum sei heute an Bühnen wie die der Rolling Stones gewöhnt. Bei der Pret-à-porter-Schau von Chanel in Paris ließ der Designer kürzlich die Models wie Satelliten um eine riesige Weltkugel marschieren, die im Grand Palais aufgebaut war. Doch je bombastischer die Inszenierungen, desto weniger fällt das Augenmerk auf die Kleidung, die die Models tragen. Es sei denn, sie ist so auffällig gestaltet, wie es Kostüme im Theater sind. Die Modekritikerin Suzy Menkes hat dies schon bedauert.

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Der Sog des Netzes wird jedoch weiter zunehmen. Wenn schon die ganze Welt zusieht – warum sollte man nicht versuchen, sie gleich als Kunden zu gewinnen? Burberry verkauft bereits ein kleines Kontingent von Kleidungsstücken während seiner Shows per Mausklick. Und Hugo Boss wird am 30. Mai während einer Präsentation in Shanghai 100 Kleider einer Kollektion im Netz anbieten. Spätestens wenn Streaming-Schauen als Verkaufsveranstaltungen für alle Hersteller Alltag geworden sind, wird im Internet wieder mehr Augenmerk auf die Mode selbst gelenkt werden – mit allen ihren raffinierten Details. Schließlich muss man mit den Kleidern ja später herumlaufen. Die wenigsten Menschen haben das Glück, von anderen nur auf Computerbildschirmen betrachtet zu werden.