Jahrhundertelang hatte sich die protestantische Adelsfamilie Védrines gegen den in Frankreich dominierenden Katholizismus behauptet. Allen Verfolgungen zum Trotz hatte sie sich im südwestfranzösischen Hügelland rund um die Zitadelle Monflanquin verschanzt. Heute ist das Dorf Monflanquin ein hübscher Touristenort zwei Fahrstunden östlich von Bordeaux. Hier besaß die Familie das Schloss Martel.

Das Vermögen für die nachfolgenden Generationen zu hüten, die Ländereien und das Schloss – "das war der Lebenssinn jedes Familienmitglieds", sagt Philippe de Védrines, ältester Sohn der Matriarchin Guillemette de Védrines und eine Autorität in der Familie. Er ist ein groß gewachsener Mann von 75 Jahren. Das Schicksal hat den Reserveoffizier und ehemaligen Manager der Ölfirma Shell verändert. Heute spricht er mit leiser Stimme: "Wir können den Nachfolgenden nichts mehr weitergeben."

Er, seine Freundin Brigitte Martin-Loriot und seine zwei Geschwister waren einst Millionäre, heute sind sie fast mittellos. Zusammen mit Philippes Mutter, den Partnern der Geschwister und vier Védrines der Enkelgeneration sind sie einem Betrüger und Manipulator zum Opfer gefallen, der sie zehn Jahre lang zu Marionetten gemacht und ausgeplündert hat. Der Mann heißt Thierry Tilly und stammt aus Paris. Er wurde Ende 2012 für die betrügerische "Ausnutzung persönlicher Schwächen" zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. In diesen Tagen fällt das Berufungsgericht in Bordeaux ein weiteres Urteil.

Wer ist dieser Thierry Tilly? Und wieso verfällt eine große, gebildete Familie einem Menschen, der ihr Böses will? Das Gerichtsverfahren konnte dieses Rätsel kollektiven Wahns nicht vollständig klären. Könnte ein solches Unglück womöglich jedem widerfahren? Kann man diesem Rätsel auf die Spur kommen? Mithilfe von Gerichtsakten, psychiatrischen Gutachten, ungezählten Gesprächen mit allen Opfern, deren Anwälten und Freunden soll dies hier versucht werden. Thierry Tilly, der Täter, war zu keinem Gespräch bereit. Hier die unglaubliche Geschichte der Védrines, ein Drama in fünf Akten.

1. Akt: Annäherung

Das Drama beginnt 1996. Die damals 50-jährige Ghislaine Marchand, geborene de Védrines, leidet unter Depressionen. Sie lebt mit ihrem Mann Jean, einem Wirtschaftsjournalisten, in Paris; er ist arbeitslos. Die Ehe droht zu scheitern, und die Kinder kommen in der Schule nicht zurecht. Nach außen resolut, sucht Ghislaine jemanden, der ihr Halt gibt.

Auch Thierry Tilly, damals 32 Jahre alt, hat ein Problem: Er ist wieder einmal pleite.

Im Herbst 1996 wechselt Ghislaines Tochter auf eine Pariser Privatschule, um sich zur Sekretärin ausbilden zu lassen. Die Schule gerät in Finanznot. Lehrer und Eltern wollen sie übernehmen, vorneweg Ghislaine als kaufmännische Leiterin. Ein Anwalt empfiehlt ihr als Berater "den fabelhaften Monsieur Tilly". In den Gerichtsakten wird dieser Pariser Anwalt später als juristischer Arm des Betrügers auftauchen. Er stellt sich heute selbst als Opfer von Tilly dar. Belangt wurde er nie.

Tilly stammt aus einem Pariser Vorort; seine Familiengeschichte, soweit bekannt, bietet als einzige Auffälligkeit, dass es Konflikte mit dem Vater gegeben haben muss. Vor Gericht beschreiben ihn Jugendfreunde und Verwandte als Einzelgänger, als ungeschickten, schüchternen, letztlich auch verschlagenen Jungen. Sein beruflicher Werdegang, wenn es denn einen gab, liegt auch für das Gericht im Dunkeln. Es hat nur herausfinden können, dass er bereits zuvor mehrfach wegen Betrugs verurteilt wurde.

Der Schule verschafft Tilly irgendwoher umgerechnet ein paar Tausend Euro. Er überzeugt Ghislaine, gleichfalls zu investieren, sowie größere Summen bei ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder Charles-Henri de Védrines lockerzumachen. Tilly wird für Gebäudereinigung und Schulcomputer zuständig und lässt sich das teuer bezahlen. Außerdem installiert er Überwachungskameras, denn die Schule habe "Gegner". Tilly redet unablässig, das heißt dann "Beratung" und kostet ebenfalls. "Ich war erleichtert, dass mir jemand beistand", sagt Ghislaine heute und fügt hinzu: "Ich war das trojanische Pferd der Familie."

Bald geht in der Schule nichts mehr ohne Thierry Tilly. Er wohnt mietfrei in der geräumigen Pförtnerloge, kontrolliert die Finanzen, vergibt Jobs an Leute, die ihm später Handlangerdienste erweisen werden. Und er fragt Ghislaine über die Védrines aus. Sie vertraut ihm Familiengeheimnisse an, erzählt von Eifersüchteleien und Eitelkeiten und enthüllt auch, wer was besitzt. Das Eigentum sei in Gefahr, warnt Tilly. Es gebe Feinde der Familie, die Freimaurer. Über die gehen in Frankreichs Südwesten, wo Logen verbreitet sind, allerlei Verschwörungstheorien um. Man müsse dringend etwas tun.

2. Akt: Machtübernahme

Im Sommer 2000 verbringen Ghislaine und ihr Mann Jean den Urlaub in ihrem Ferienhaus in der Nachbarschaft des Schlosses Martel. Tilly ist mitgekommen. Die anderen Védrines finden den schmalen Mittdreißiger mit der Intellektuellenbrille ausgesprochen charmant. Zielsicher geht Tilly auf die Matriarchin Guillemette de Védrines zu und verspricht ihr Hilfe in einem vertrackten Rechtsfall. Die alte Dame, Jahrgang 1913, ist entzückt.

Die Sommerfrische klingt mit einem Abendessen aus, drei Generationen der Védrines versammeln sich. Tilly beeindruckt mit der Behauptung, er habe ein Büro im Verteidigungsministerium. Philippe, dem Reserveoffizier, gefällt das. Tilly erklärt, das Büro sei aber nur Fassade, in Wahrheit sei er Geheimagent einer supranationalen Organisation mit Verbindungen zur Nato und zu den UN. Die Familienchefin nickt, Ghislaine strahlt, Kinder und Enkel hängen an seinen Lippen. Andere Verwandte berichten später, auf dem Rückweg im Auto hätten sie sich kaputtgelacht. Sie werden Tilly nicht mehr aufhalten. Der Wahn hält bereits Einzug. Philippe geht mit der Überzeugung zu Bett, der neue Bekannte sei der Richtige, das Vermögen der Védrines vor finsteren Machenschaften zu schützen – Tilly hatte ihn beiseitegenommen und von den Freimaurern geraunt.

Waren sie dümmer als alle anderen? Wohl kaum

Kurz darauf geschieht Erstaunliches: Die Matriarchin verkauft für rund 300.000 Euro Wertpapiere und überweist den Erlös an ihre Söhne. Die schieben das Geld auf Konten, die Tilly im In- und Ausland eingerichtet hat. Doch das ist erst der Anfang: Bereits im Herbst desselben Jahres verwaltet Tilly das gesamte Familienvermögen. Er verspricht Sicherheit vor "Freimaurern, Juden und Homosexuellen" und Renditen von zwölf Prozent; eine ehemalige Freundin der Familie sagt heute: "Da war auch Gier. Die dachten, sie seien schlauer als alle anderen."

Waren sie dümmer als alle anderen? Wohl kaum. Und das ist das Beängstigende an ihrer Geschichte.

"Wir sind ja eigentlich eine normale Familie", sagt Charles-Henri, traurig lächelnd, der Jüngste der Geschwister, Gynäkologe von Beruf, kleiner und herzlicher als sein Bruder Philippe, ein Mann, der nicht viele Schutzschichten um seine Seele legt. Als Ort für ein Treffen mit ihm und seiner Frau schlägt er einen einfachen Italiener vor. Ihre kleine Wohnung in Bordeaux sei für Besuche nicht geeignet.

"Wir waren eine Familie mit schwachen Stellen wie andere auch", sagt er. Der vielleicht schwächste Punkt der Védrines war ihre großartige Familiensaga, die im Widerspruch zu ihrem nicht ganz so aufregenden Alltagsleben stand. Man ist Manager wie Philippe, Frauenarzt wie Charles-Henri, kaufmännische Leiterin wie Ghislaine. Es gibt Probleme mit kiffenden Söhnen und essgestörten Töchtern. Aber in der mythischen Welt gehört man zu einer Adelslinie, die von Feinden bedroht ist. Tilly verwandelte eine in den Jahrhunderten der Verfolgung entstandene Wunde in Wahn.

"Tilly wusste, womit er uns verrückt machen konnte", sagt Charles-Henri heute. Die Védrines hatten das Pech, dass sie an einen hochintelligenten Verführer geraten waren, der süchtig danach ist, die Schwächen anderer auszunutzen. Die Kriminalpsychologie kennt solche Fälle. Oftmals handelt es sich um Leute, die zunächst ganz unauffällig wirken. Wie Tilly. Die Gutachter, die ihn später untersuchten, notierten seine Eigenart, Gesprächspartner mit den Augen zu fixieren: charakteristisch für einen sozial Gestörten, der sich bar jeden Mitgefühls auf seine Beute konzentriert. Mehrere der Opfer erwähnen heute diesen Reptilienblick; der allein schon habe sie wehrlos gemacht, behaupten sie.

Die Psychologen bescheinigten Tilly überdurchschnittliche Fähigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen. Sein phänomenales Gedächtnis erlaubte ihm, für jedes der elf Familienmitglieder eine Taktik nach Maß zu ersinnen. Tilly war Vaterfigur, großer Bruder, bester Freund. "Er sprach mit meinen eigenen Worten", sagte eines der Opfer vor Gericht. Gekonnt nutzte Tilly die familiären Dominanzverhältnisse: "Mutter war für ihn. Wie konnte ich an ihm zweifeln?", sagt Philippe heute. Der jüngere Bruder Charles-Henri hielt sich an den älteren. Philippes Freundin Brigitte und Charles-Henris Frau Christine folgten ihren Männern. Und für alle Kindeskinder galt ohnehin: Die Familie hat immer recht. Heute ist den Védrines das alles bewusst, Tilly aber hatte schon lange vor ihnen diese Struktur erfasst.

Im Herbst 2001 muss er nach London ziehen, um der Strafe für einen früheren Betrug zu entgehen. Von nun an dirigiert er die Védrines per E-Mail und Telefon. Ghislaine, die in Frankreich bleibt, ist seine Gesandte und genießt die Rolle. Ihre beiden Brüder benutzen heute ein böses Wort für sie: "Kapo".

Tilly schottet die Familie von der Außenwelt ab. Philippes Freundin Brigitte zum Beispiel reicht die Scheidung vom Vater ihrer Kinder ein, von dem sie lange getrennt ist, mit dem sie sich aber eigentlich gut versteht. Tilly hat ihr eingeredet, ihr Mann wolle sie entmündigen lassen. Freunde und Verwandte, die Schwierigkeiten machen könnten, erhalten Hausverbot. Es bleibt nur einer, der Ärger macht: Ghislaines Mann Jean, der Journalist. Er ist sauer auf Tilly, weil der ihm Geld für Computer abgeluchst hat, die nie geliefert wurden. Jemanden wie Marchand wird man besser los. Im November 2000 scheitert ein Versuch, ihn in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Also bedeutet Tilly Ghislaine, im Garten ihres Hauses bei Paris lägen Beweise, dass ihr Mann orgiastische Messen feiere. Ghislaine sucht – und findet einen Gartenhandschuh und einen Strauß Trockenblumen. Das ist für sie Beweis genug. Sodann empfängt sie per E-Mail im Befehlston verfasste Anweisungen von Tilly. Sie soll mit ihren beiden Brüdern in das Ferienhaus fahren, wo Jean Marchand sich aufhält, und ihm eröffnen, dass sie Bescheid wisse: Er sei Mitglied einer Sekte und habe 40 Geliebte. Sie solle ihm dann Strauß und Handschuh vor die Füße werfen und sich nach der Aufforderung "Du hast eine halbe Stunde, zu packen und das Haus zu verlassen" umdrehen, sofort weggehen und Tilly anrufen. Ghislaine setzt all das Punkt für Punkt um.

Ihre beiden Brüder Philippe und Charles-Henri führen Jean Marchand zum nächstgelegenen Bahnhof. Später, in Paris, stellt Marchand fest, dass alle gemeinsamen Konten leer geräumt sind. Ghislaine reicht die Scheidung ein. Anschließend bewirkt Tilly noch, dass sich die Tochter der Marchands von ihrem frisch angetrauten Mann scheiden lässt. Die Familie ist zerschlagen.

Nun rekrutiert Tilly einen Handlanger fürs Geschäftliche: Guillaume de Védrines, den ältesten Sohn von Charles-Henri und Christine. Der damals 24-Jährige hat gerade mit Mühe eine Managementschule in Marseille hinter sich gebracht und sucht nach einem Zivildienstplatz in Amerika. Tilly prahlt mit seinen Verbindungen und hat leichtes Spiel mit Guillaume, der in ihm wohl auch eine Vaterfigur sieht. Zusammen fliegen sie in die USA. Sie haben Rückflugtickets für den 12. September 2001. Als am Tag zuvor die Türme des World Trade Center einstürzen, blickt Tilly den Jungen vielsagend an, als habe er davon schon vorher gewusst.

Im November 2001 geht die Pariser Schule, um deren Finanznot Tilly sich vorgeblich gekümmert hat, in Konkurs. Er hat sie erfolgreich ausgesogen.

3. Akt: Einschließung

Im Dezember 2001 beordert Tilly den Kern der Familie auf Schloss Martel, man ist zu neunt. Niemand soll das Schloss verlassen, draußen lauerten Feinde. Nur Ghislaine darf einkaufen gehen und zum Friseur. Tilly teilt und herrscht. Brigitte, Philippes Partnerin, ist heute noch empört, wenn die Sprache auf Ghislaines Vorrechte kommt.

Der Tagesablauf der Védrines besteht jetzt darin, das Schloss nach Juwelen und Wertpapieren zu durchsuchen und die feindliche Außenwelt zu beobachten. Tagelang werden die Fenster verdunkelt. Alle müssen ihre Uhren und Kalender abgeben. Tilly nimmt den Eingeschlossenen jedes Gefühl für Zeit und Raum, es ist wie eine Anordnung aus einem Lehrbuch zur Gehirnwäsche. Christine, die Frau von Charles-Henri, schluckt auf Tillys Anweisung Beruhigungsmittel. Ihr Mann, der auf Geheiß Tillys seine Arztpraxis in Bordeaux aufgegeben hat, stellt die Rezepte aus und behauptet, Tilly verstehe mehr von Medizin als er. Als die Matriarchin wegen eines Katarakts unter Sehstörungen leidet, diagnostiziert Tilly: "Das kommt von den Lasern unserer Feinde."

Ein Enkel ist der Erste, der die ganze Grausamkeit Tillys zu spüren bekommt

Inzwischen erreichen die Verkäufe von Familienschmuck und Immobilien sowie die Überweisungen zugunsten Tillys Millionenhöhe. Außer Guillaume hat Tilly noch einen weiteren Helfer, einen Komplizen, der später zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wird: Jacques Gonzalez, ein Südfranzose, ein grober Kerl, der eine Gaunersprache pflegt wie in einem Film noir der fünfziger Jahre. Gonzalez ist der Mann, der das Geld einsammelt und auf Konten in Übersee und Luxemburg verteilt. Anders als Tilly ist er ein Liebhaber teurer Autos und Anzüge. Einige werden später bei ihm sichergestellt.

Auf Schloss Martel gehen seit Anfang 2003 die Gerichtsvollzieher ein und aus, Rechnungen werden nicht mehr bezahlt. Philippe besitzt noch ein Landhaus in der Nähe von Monflanquin, die Großfamilie zieht dort ein. Sie lebt von der Rente der Matriarchin, Ghislaine führt das Kommando. Es gibt kaum noch etwas zu essen, geheizt wird auch nicht mehr.

Obwohl nun Anzeigen von Freunden und Verwandten eingehen, rühren sich Justiz und Behörden vorerst nicht. Der Journalist Jean Marchand, der verstoßene Exmann von Ghislaine, wendet sich an die Regionalzeitung Sud-Ouest. Im September 2003 erscheint ein Artikel über "die Eingeschlossenen von Monflanquin" – für diese nur ein weiterer Beweis, dass sie von außen bedroht werden. Die Perioden, die sie in völliger Dunkelheit verbringen, werden länger. Tagsüber wird geschrieben: Tilly verlangt schriftliche Berichte über alles Mögliche, über gesundheitliche und seelische Probleme. Der Artikel in der Zeitung bleibt ohne Wirkung.

Die Védrines kramen ihre verbliebenen Wertsachen zusammen, das Familiensilber, Verlobungs- und Eheringe: Die enthalten angeblich Funksonden. Tilly lässt sie abholen und verkaufen. Kostbare Bücher und Weine folgen ihnen, schließlich Möbel; einige werden in London bei Christie’s versteigert. Nun fließt auch die Rente der Matriarchin direkt auf Tillys Konto. Unterdessen wechseln weitere Immobilien der Védrines den Eigentümer.

Als Tilly, der nie Rechnungen begleicht, wegen ausstehender Mieten in London Ärger bekommt, zieht er nach Oxford. Dort mietet er ein weiteres Haus. Wieder zitiert er Familienmitglieder herbei, um sie danach zurück nach Frankreich zu schicken. Unablässig hält er die Védrines in Bewegung, zermürbt sie kunstgerecht mit nächtlichen Reisen und plötzlichen Umzügen.

Amaury de Védrines, einer der Enkel, ist der Erste, der von Mitte 2004 an die ganze Grausamkeit Tillys zu spüren bekommt. Amaury wird bestraft, weil er einen "schlechten Charakter" habe. Er muss über neun Monate lang in Oxford ein Dreckloch ohne Heizung, Warmwasser, Toilette und Bett bewohnen und täglich Berichte über seine intimsten Gedanken verfassen. Noch im April 2013, als Amaury in der Berufungsverhandlung von alldem erzählt, kommen ihm die Tränen. Er habe seither "jede Freude am Leben verloren", sagt er und verknotet die Beine, seine Notizen purzeln vom Pult. Da blickt der Angeklagte das Häuflein Elend voller Verachtung an.

Was war das Motiv für den Psychoterror? Es gibt verschiedene Ansichten darüber – bis hin zu der These, Tilly habe einen kollektiven Selbstmord provozieren wollen. Jedenfalls sicherte der Schrecken die Folgsamkeit der Beherrschten.

Guillaume de Védrines, Amaurys älterer Bruder, ist mittlerweile Tillys Hausdiener. Nachts arbeitet er als Barmann, Lohn und Trinkgeld gehen an seinen Herrn, der ihm dafür Altkleider gibt. Tilly macht Guillaumes Mutter Christine weis, ihr Sohn studiere in Oxford; sie überweist Geld für Studiengebühren, zwei Jahre lang. 2006 befiehlt Tilly sie nach Oxford, sie soll Unterschriften für einen Hausverkauf leisten. Christine sieht, dass ihr Sohn nicht studiert, und stellt Fragen. Tilly kontert: "Christine, du hast ein Geheimnis." Ihr Mädchenname de Laminière bedeute "Hüter der Mine", erklärt er, Hüter eines Schatzes, und Christine müsse das Passwort für geheime Konten besitzen. Das Geld brauche man aber "für den Kampf". Wo es sei? Christine grübelt. Sie ist ein gutherziger Mensch, sieht Fehler eher bei sich als bei anderen. Sie hat Angst, weil Tilly behauptet, auf ihre Kinder seien Kopfgelder ausgesetzt. Als sie Brüssel erwähnt, schickt Tilly sie nach Belgien, von ihrem Sohn Guillaume bewacht. "Wir sind drei Tage lang von Bank zu Bank gezogen und haben nach vergessenen Konten gefragt", sagt Christine heute. "Man hat uns ausgelacht, es ist mir so peinlich. Und als wir nach Oxford zurückkamen, war ich die Böse. Es sei meine Schuld, dass Kreditkartenverträge platzten." Sie habe an Selbstmord gedacht.

4. Akt: Folter

Der Großteil der Familie lebt nun in Oxford, in dem heruntergekommenen Häuschen in der Church Hill Road, dahinter ein Friedhof mit bemoosten keltischen Kreuzen. Die Rollläden bleiben unten. Gas und Warmwasser fallen oft aus. "Ich wurde in ein Zimmer gesperrt", erzählt Christine, "musste auf einer Luftmatratze schlafen, bekam nur Kekse und Tee und wurde von Tilly geschlagen." Auch Ghislaine, die mit ihrem Sohn François da ist, soll zugeschlagen haben; sie streitet das heute ab. Gruppendynamisch war es klug, Familienmitglieder zu Mittätern zu machen.

Zu der Psychotherapie, der die Opfer sich heute fast alle unterziehen, gehört es, dass sie einander die Wahrheit sagen. Deshalb sagt Charles-Henri zu seiner Frau Christine, als die beiden im Restaurant ihre Geschichte erzählen: "Ich habe dich gequält. Ich sollte dich am Schlafen hindern." Während dieser Schreckenswochen stach er ihr deshalb regelmäßig in die Ohrläppchen. Christine: "Einmal musste ich sieben Tage lang auf einem Hocker sitzen, Blick zur Wand, bis ich Ödeme an den Beinen bekam. Ich durfte nicht auf die Toilette und habe mich beschmutzt. Tilly verlangte von mir, mein Gedächtnis nach Reichtümern meiner Familie zu durchwühlen, andernfalls käme ich in ein afrikanisches Bordell."

Im Herbst 2007 befiehlt Tilly, dass nun alle Enkel in England Geld "für die gute Sache" verdienen sollen. Guillaumes 19-jährige Schwester Diane nimmt zwei Jobs an und arbeitet 90 Stunden in der Woche, ihr Lohn wird eingezogen. Im Januar 2008 gelingt Tilly noch ein Coup: Das Familienschloss wird verkauft – eine komplizierte Transaktion, umgesetzt von Guillaume und Maklern, Notaren und Geschäftsleuten, von denen einige gut abkassieren.

Für Tilly haben die Védrines heute nur noch Verachtung übrig

5. Akt: Untergang

Philippe, der ebenfalls in dem Haus in Oxford lebt, rebelliert. Er hat mitgehört, wie seine Schwägerin Christine malträtiert wird. Nun wirft er Tilly "Nazimethoden" vor. Der scheint nachzugeben und sagt: "Dann soll sie für uns arbeiten gehen." Als Tilly im Lokalblatt liest, dass die Oxford Fine Food Company jemanden fürs Catering sucht, schickt er Christine hin.

Im Januar 2008 beschließt Philippe die Flucht. Er reist zu seinem Landhaus in Frankreich, wo Ghislaine gerade mit der alten Mutter haust. Es gibt Streit, Handgreiflichkeiten. Philippe will Ghislaine bloß geschubst haben – sie behauptet, ihr Bruder habe sie mit einem Kissen und einem Gürtel erdrosseln wollen. Fest steht, dass Philippe selbst die Polizei ruft sowie einen Arzt, der ihn sofort in die Psychiatrie einweist.

Tilly hat unterdessen ein neues Terroropfer ausersehen: Guillaume, seinen treuen Handlanger. Er erteilt ihm einen grotesken Auftrag: Er soll sich für Jacques Gonzalez ausgeben, den Kumpanen Tillys, und in dessen Namen eine Führerscheinprüfung bestehen. Guillaume lässt sich für 1000 Pfund eine Latexmaske anfertigen, die Gonzalez ähnlich sehen soll – und fliegt natürlich auf. Der gedemütigte Guillaume kommt vor Gericht und wird verurteilt.

Dann wird es doch eng für Thierry Tilly. Endlich ermittelt die französische Justiz. Sie wendet sich an die britischen Behörden. Die meinen, es reiche nicht zu einer Festnahme, aber immerhin muss Tilly den Pass abgeben, sein Telefon wird überwacht. Zum anderen ist da die Oxford Fine Food Company, für die Christine jobbt, sie gehört einem Franzosen: Robert de Pouget Saint Victor. Alle nennen ihn Bobby, weil der Name besser zu dem Kumpeltyp mit der Baseballkappe passt. Der 70-Jährige ist ein herzlicher Mensch, wer ihm begegnet, schöpft schnell Vertrauen. Wie Christine, die seit Ende 2008 an Tilly zweifelt. Nicht wegen ihres eigenen Martyriums, sondern "weil Tilly so böse Sachen über meinen Mann gesagt hat, Sachen, die ich nicht aussprechen kann". Noch behält sie ihre Zweifel für sich.

Da begeht Tilly einen Fehler. Bobbys adeliger Name lockt ihn, er bittet um ein Gespräch. "Tja", erzählt Bobby, "da sitzt mir so ein Bürschchen gegenüber und behauptet, von UN und Nato eingesetzt zu sein, um Familien von Kreuzrittern beim Schutz ihres Vermögens zu helfen. Was glauben Sie, was ich dachte? Tags darauf fragt Christine, was ich von Tilly halte, und ich sage: ein Scharlatan. Da sehe ich an ihrem Blick, wie es in ihr ›klick‹ macht."

Nun vertraut sich Christine Bobby an und flieht nach Frankreich. Ihr Mann Charles-Henri will ihr nicht folgen, er reicht stattdessen die Scheidung ein. Mit der gemeinsamen Tochter stellt er Strafanzeige gegen Christine – wegen sexuellen Missbrauchs.

Jetzt, im Frühjahr 2009, nimmt sich Tilly die 96-jährige Mutter der Familie vor; auch sie befindet sich mittlerweile in Oxford. "Ghislaine und Guillaume bedrängten mich, Passwörter für Auslandskonten herauszurücken", hat sie später dem Untersuchungsrichter gesagt. "Ich antwortete: Mein Mann war ein guter Franzose, der hatte so was nicht. Aber sie bohrten weiter, ich fand keinen Schlaf mehr." In dieser Zeit schneidet die Polizei ein Telefongespräch mit, in dem Jacques Gonzalez seinen Kumpan Tilly anbellt: "Du musst die Alte jetzt knacken." Diesen Kommandoton schlägt Gonzalez gegenüber Tilly öfters an. Für die Richter bleibt Tilly gleichwohl der Haupttäter.

Die Wende bringt ein abgehörtes Telefongespräch vom Oktober 2009, in dem Tilly erwähnt, er wolle in die Schweiz reisen. Ein Untersuchungsrichter in Bordeaux bittet die britischen Kollegen, Tilly seinen Pass wiederzugeben. Sein Kalkül: Die Schweiz liefert leichter aus als Großbritannien. Und tatsächlich, Tilly fliegt am 21. Oktober nach Zürich, wird auf dem Rollfeld verhaftet und nach Frankreich überstellt.

Unterdessen hat Christine den Anwalt Daniel Picotin aus Bordeaux beauftragt. Der stellt ein Psychologenteam zusammen, und Ende 2009 reisen sie nach Oxford. Nach und nach gelingt es ihnen, die sechs verbliebenen Familienmitglieder aus dem Haus in der Church Hill Road herauszulocken. Diese sagen später, ihnen sei die Wahrheit schlagartig klar geworden, kaum dass sie ausgesprochen war. Der Bann war gebrochen.

Jedes Drama hat ein Nachspiel. Es existiert ein Privatfoto, das die versammelte Familie nach ihrer Rettung zeigt, alle mit erlöstem Lächeln. Die Erleichterung hält jedoch nicht lange an, Schuldfragen bleiben ungeklärt. Die Familie verstößt Ghislaine. Nur ihr Exmann Jean hält zu ihr – im Oktober 2010 heiraten die beiden wieder. Als zwei Monate später Guillemette de Védrines stirbt, die Matriarchin, nehmen sie an der Beerdigung nicht teil. Während der Gerichtsverfahren spricht Ghislaine kein Wort mit ihren Brüdern.

Für Thierry Tilly haben die Védrines heute nur noch Verachtung übrig. Der präsentiert sich vor dem Berufungsgericht als Kampfsportler, Bogenschütze, Olympiasieger, Schachmeister (Remis gegen Kasparow), Jagdflieger, Kriminalkommissar, Neffe der Queen und König von Jerusalem. Das Publikum lacht. Tilly gefällt das, der Narziss steht gern im Mittelpunkt. Er wirkt schneidig wie ein Offiziersanwärter. Wie weit geht seine Störung, ist er womöglich schuldunfähig? Die Gutachter verneinen das.

Tilly lernt derzeit viele Gefängnisse kennen. Die Verwaltung verlegt ihn regelmäßig, um zu verhindern, dass er Mitgefangene unterjocht. Wenn das Berufungsgericht das Urteil nicht abändert, kommt er vermutlich in fünf Jahren frei, drei Jahre hat er bereits in Untersuchungshaft verbracht. Was dann? Anders gefragt: Wo ist das Geld? Insgesamt hat Tilly den Védrines rund fünf Millionen Euro abgenommen. Ausgegeben wurde vielleicht die Hälfte. Tillys Verteidiger behauptet: "Gonzalez hat das Geld." Der ist mittlerweile schwer krank, er sitzt nach zwei Amputationen im Rollstuhl. Außerdem sind da noch der Pariser Anwalt sowie Tillys hilfreiche Banker, Makler, Notare, Antiquare, all die anderen Nutznießer – von denen keiner angeklagt wurde.

Philippe de Védrines wohnt mit seiner Freundin Brigitte in seinem Landhaus in der Nähe von Monflanquin. Tilly konnte es ihm nicht nehmen, weil Philippes Exfrau den Verkauf verweigerte. In der Psychotherapie arbeitet Philippe seine Schuldgefühle auf. "Da ist auch Scham", sagt er. "Aber in der Therapie habe ich gelernt, dass jeder Mensch diesen Manipulationstechniken zum Opfer fallen kann." Oft lädt er Freunde ein. "Das Tor will ich nie mehr verschlossen sehen."

Charles-Henri de Védrines und seine Frau Christine fühlen sich ebenfalls schuldig. Sie leben in einer Sozialwohnung in Bordeaux, ihre Ersparnisse sind weg. Charles-Henri arbeitet als Vertretungsarzt, dafür ist er dankbar. Die beiden sind oft bei Philippe und Brigitte.

Ghislaine und Jean Marchand wohnen am Rand von Paris in einem Häuschen, voll mit Erinnerungsstücken an die beste Zeit der Familie. Ghislaine arbeitet drei Tage die Woche in einem katholischen Mädchenheim. Zu Philippe und Brigitte fahren sie nie. Die große Familie Védrines existiert nicht mehr.