Grenzen der Barmherzigkeit – Seite 1

Als Leila Magomadowa die beiden Polizisten auf ihr Krankenbett zukommen sieht, reißt sie sich den Infusionsschlauch aus dem Arm. Sie springt aus dem Bett, läuft auf den Flur und rennt die Treppe hinunter ins nächste Stockwerk. So wird sie es später erzählen, so wird es eine Frau, die dabei war, beschreiben. Leila Magomadowa will nach draußen.

Sie findet den Ausgang nicht in diesem deutschen Krankenhaus, in dem sie seit zwei Tagen behandelt wird, wegen ihrer schwierigen Schwangerschaft, wie so oft in den vergangenen Monaten. Leila Magomadowa*, 28, ist im sechsten Monat, ihr Bauch zeichnet sich schon unter dem Nachthemd ab.

Ärzte und Schwestern laufen ihr hinterher. Leila Magomadowa versteht ihre Rufe nicht, sie fängt an zu weinen, dann lässt sie sich zurück in ihr Zimmer bringen. Wo soll sie auch hin.

Die Polizisten stehen noch immer da. Uniformierte waren es auch, die Leila Magomadowa schlugen und ihr die Kleider vom Leib rissen, damals, in Tschetschenien. Sie spürt ihr Herz klopfen.

Eine Hebamme, die Russisch spricht, übersetzt. Die Polizisten verlangen, dass Leila Magomadowa mitkommt, sofort. Raus aus dem Krankenhaus, raus aus Deutschland. Ein Arzt mischt sich ein, er spricht mit den Beamten, bis sie schließlich gehen.

Es ist der 14. März 2013, der Tag, an dem die Ausländerbehörde des Landkreises Ansbach in Bayern die Beziehung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Familie Magomadow aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien beenden will. Es ist der Tag, an dem diese Beziehung erst richtig kompliziert wird.

Als die Beamten vor Leila Magomadowas Krankenbett stehen, sitzt ihr Mann Ruslan schon in einem Polizeitransporter, neben ihm seine drei älteren Kinder. Ruslan Magomadow ist 34 Jahre alt. Ein großer Mann mit breitem Kreuz. Früher hat er auf dem Bau gearbeitet, zuletzt war er Taxifahrer.

Der Wagen gleitet über die Autobahn in Richtung Polen. Magomadows sechsjährige Tochter Samira fängt an zu weinen.

Morgens um sechs waren die Polizisten in der Kleinstadt Windsbach, nicht weit von Ansbach, in das Flüchtlingsheim gekommen. Magomadow musste seine drei älteren Kinder wecken, die beiden jüngsten waren bei tschetschenischen Bekannten. Dort sollten sie für ein paar Tage bleiben, während ihre Mutter im Krankenhaus war.

Schon zwei Monate zuvor wollten die Behörden die Familie abschieben. Doch Ruslan Magomadow war nicht im Flüchtlingsheim – er war zu einer Anwältin in Berlin gefahren, die vor allem tschetschenische Flüchtlinge vertritt. Magomadow wusste, die Beamten würden es wieder versuchen. Trotzdem fühlte er sich sicher. Er glaubte nicht, dass deutsche Behörden Kranke aus der Klinik holen, dass sie Männer von ihren hochschwangeren Frauen trennen und Eltern von ihren Kindern.

Unter Aufsicht der Polizisten stopfte Magomadow nun ein paar Kleider in eine schwarze Sporttasche, sein Handy, das Ladegerät, alle Papiere, die er finden konnte. Aus Gewohnheit steckte er auch den Schlüssel für die Eingangstür des Flüchtlingsheims ein, obwohl er ihm jetzt nichts mehr nützen würde. Dann stieg er mit den beiden Söhnen und der Tochter in den Polizeiwagen. Handschellen waren nicht nötig, Ruslan Magomadow wehrte sich nicht.

Samira weint noch immer. Magomadow hämmert mit der Faust gegen die Metallwand, die ihn von den Beamten trennt. Fahrt rechts ran, ruft er auf Russisch. Sie muss aufs Klo! Der Wagen fährt weiter. Magomadows Hämmern wird lauter, sein Rufen drängender. Haltet doch an! Nichts. Samira nässt sich ein.

Als sie nach Stunden doch eine Pause machen, so wird Magomadow es später erzählen, spricht einer der Beamten ihn auf Russisch an. Du hast das alles selbst zu verantworten, sagt er.

Der Antrag war ihre Eintrittskarte für Europa

Was die Magomadows zu verantworten haben, ist diese Entscheidung: Koffer packen in Tschetschenien, Bustickets kaufen für die Strecke Grosny–Moskau, 2.500 Rubel pro Person, rund 60 Euro, heimlich abhauen. Von Moskau mit dem Zug weiter über Weißrussland. Am dritten Tag kamen sie am Grenzübergang Terespol im Osten Polens an. Sie standen jetzt an der Außengrenze der Europäischen Union.

Tausende Tschetschenen sind schon vor den Magomadows diesen Weg gegangen. Seit einigen Monaten werden es immer mehr. In deutschen Zeitungen ist von einem "Ansturm der Tschetschenen" die Rede. Meist werden sie mit Misstrauen empfangen. In ihrer Heimat kämpft eine islamistische Unabhängigkeitsbewegung gegen den russischen Staat. Am 15. April zündeten zwei Brüder tschetschenischer Herkunft in den USA beim Boston-Marathon zwei Bomben, Mitte Mai 2013 warnte der russische Geheimdienst vor tschetschenischen Terroristen in Deutschland. Auf Flüchtlingen aus Tschetschenien liegt jetzt ein Verdacht.

Der Mann und die drei Kinder sind 23 Stunden am Tag eingesperrt

Der Beamte des polnischen Grenzschutzes fragte die Magomadows, was sie in Polen wollen. Es ist eine Frage, die jeder Einreisewillige aus Russland beantworten muss.

Wie die meisten Tschetschenen wollten die Magomadows nicht nach Polen, sondern nach Deutschland, nach Berlin, wo sie Verwandte und Bekannte haben. Polen ist in ihren Augen zu nah an Russland, dem Staat, vor dem sie fliehen. Im Osten Polens wurden in den vergangenen Monaten mehrere Flüchtlingswohnungen angezündet. In Polen wird kaum ein Tschetschene als Flüchtling anerkannt, fast allen droht die Abschiebung nach Russland. In Deutschland rechneten die Magomadows sich größere Chancen aus.

"Wir möchten Asyl beantragen", antwortete Ruslan Magomadow. Der Asylantrag verpflichtet den Grenzbeamten, die Familie ins Land zu lassen, das hatten die Magomadows gehört. Der Antrag war ihre Eintrittskarte für Europa.

Die Beamten nahmen die Fingerabdrücke von Leila und Ruslan Magomadow und speicherten sie in der Datenbank Eurodac. Von jetzt an war dort festgehalten, dass die Magomadows am 10. August 2012 in Polen um Asyl baten. Von jetzt an hätten sie in Polen bleiben müssen, bis über ihren Antrag entschieden ist.

So schreibt es die sogenannte Dublin-Verordnung der EU vor. In der irischen Hauptstadt verabschiedet, trat sie im Jahr 1997 in Kraft, 2002 wurde sie geändert und mit dem Namen Dublin II versehen.

Seitdem ist für einen Asylbewerber in der Regel jener EU-Staat zuständig, den der Bewerber als ersten betreten hat.

Da es wenigen Flüchtlingen gelingt, mit dem Flugzeug direkt in die Mitte Europas vorzudringen, bedeutet das: An den Rändern der EU sammeln sich die Menschen aus den Elendsorten dieser Welt. In Griechenland stranden die Syrer und Afghanen, in Italien die Afrikaner, in Polen die Tschetschenen.

Reisen die Flüchtlinge weiter nach Berlin, Paris oder Wien, dürfen die Deutschen, Franzosen oder Österreicher sie wieder zurückschaffen. Die Flüchtlinge sind nicht ihre Angelegenheit.

Es ist schon Nacht, als der Polizeitransporter aus Bayern mit Ruslan Magomadow und seinen Kindern die Kleinstadt Kętrzyn im Nordosten Polens erreicht. Zu dunkel, um die sanierten Altbauten und die geharkten Beete zu sehen. Der Polizeiwagen fährt weiter an den Stadtrand, wo kasernenartige Gebäude stehen, drei Stockwerke hoch, umgeben von einem meterhohen Zaun. Die Fenster sind vergittert.

Hier landen Flüchtlinge, die sich nicht an die Dublin-Verordnung gehalten haben, die selbst entscheiden wollten, in welchem europäischen Land sie Zuflucht suchen, und deshalb die Grenze überschritten. Die meisten sind Tschetschenen.

"Bewachtes Verwahrungszentrum" nennt der polnische Grenzschutz die Häuser. Der Unterschied zu einem Gefängnis ist klein. Ruslan Magomadow und seine drei Kinder sind eingesperrt, 23 Stunden am Tag, für eine Stunde dürfen sie in den Hof. Eine polnische Beamtin wird später erzählen, dass sich der zwölfjährige Aslan, das älteste Kind der Familie, rührend um seine Geschwister kümmere. Und dass die sechsjährige Samira viel weine in diesen Tagen. Nachts kriecht sie zu einer alten, kinderlosen Tschetschenin ins Bett, die sie Baba nennt, Oma. Irgendwann wird Baba weggebracht.

Nach vorheriger Anmeldung darf Ruslan Magomadow Besuch empfangen, in einem engen Raum mit blinder Fensterscheibe und Kamera an der Decke. Hier erzählt er an einem Frühlingstag, wie er damals mit seiner Familie vom polnischen Terespol ins bayerische Windsbach gelangte.

Nach ihrer Ankunft in Polen im August 2012 fuhren die Magomadows weiter nach Berlin, mit dem Bus, über Görlitz, in zwölf Stunden, niemand stellte ihnen Fragen, niemand hielt sie auf.

In Berlin beantragten die Magomadows erneut politisches Asyl, so geht es aus den Akten der deutschen Behörden hervor.

Jeder Asylantrag, der in Deutschland gestellt wird, muss vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg geprüft werden. Mithilfe der Eurodac-Daten stellen die Behörden fest, dass die Magomadows über Polen nach Deutschland gekommen sind und dorthin zurückmüssen. Übernahmegesuche an Polen werden verfasst, Daten ausgetauscht, Antwortschreiben abgewartet, Bescheide erteilt.

Nach vier Monaten, eine nicht unübliche Dauer, ergeht die Anordnung: Die Familie muss wieder nach Polen, Deutschland ist nicht zuständig. Das ist im Dezember 2012.

Die Magomadows sind inzwischen dem Flüchtlingsheim in Windsbach zugeteilt worden. Sie haben Freunde gefunden. Jetzt wollen die Behörden sie wieder von dort wegschaffen.

So setzt sich jene schwerfällige Verschiebungsmaschinerie in Gang, die, meist unbemerkt von der Öffentlichkeit, Jahr für Jahr aufs Neue Tausende Flüchtlinge von Deutschland nach Italien, von Deutschland nach Griechenland, von Deutschland nach Polen verfrachtet, zurück an die Ränder der Europäischen Union, wo sie herkamen.

Diesmal sorgt die Maschinerie dafür, dass eine Familie getrennt wird. Dass zwei Polizisten am 14. März 2013 versuchen, eine schwangere Tschetschenin aus einem deutschen Krankenhaus zu holen, während andere Beamte ihren Mann mit drei Kindern in ein polnisches Flüchtlingslager schaffen.

"Dort leben die Menschen nicht, sie existieren nur"

Am 26. April 2013, fünf Wochen nach der Ankunft in Kętrzyn, wird Ruslan Magomadow zur Vernehmung gerufen. Ein Beamter informiert ihn, dass er verpflichtet sei, die Wahrheit zu sagen, sonst drohten ihm bis zu drei Jahre Haft. Dann beginnen die Fragen, festgehalten im Protokoll des Grenzschutzes.

"Warum haben Sie Tschetschenien verlassen und in Polen den Flüchtlingsstatus beantragt?"

"Meine Familie und ich fühlen uns bedroht. Ich will nicht nach Tschetschenien zurück wegen meines Cousins Sulim. Vor einigen Jahren hat er sich den Unabhängigkeitskämpfern angeschlossen. Deshalb habe ich Schwierigkeiten."

"Hatten Sie Probleme, Ihren Reisepass ausgestellt zu bekommen?"

"Nein."

"Wie war die Situation in Tschetschenien?"

"Dort leben die Menschen nicht, sie existieren nur. Sie haben Angst, sie können nicht offen miteinander sprechen, sie vertrauen einander nicht."

"Was befürchten Sie bei Ihrer Rückkehr?"

"Ich habe Angst, dass sie mich wieder holen und foltern werden. Ich bin mir sicher, dass ich nicht zurückkann."

"Könnten Sie in einen anderen Teil Russlands gehen?"

"Nein. Sie würden mich überall finden."

Es ist Mai. Leila Magomadowa sitzt auf dem Krankenhausbett und wartet. Es ist ein anderes Bett, in einer anderen Klinik. Sie ist jetzt in der Psychiatrie, in Ansbach, seit Wochen schon. Einen Tag nach dem Abschiebeversuch am 14. März kam sie hierher, ihr Hausarzt hatte sie eingewiesen. Laut einem psychologischen Gutachten ist sie selbstmordgefährdet und zeigt das Verhalten einer Psychosekranken, ausgelöst auch von den Misshandlungen in ihrer Heimat Tschetschenien.

Die Ausländerbehörde Ansbach hat ein weiteres Mal versucht, sie abzuschieben, das war Anfang April. In ärztlicher Begleitung sollte Leila Magomadowa nach Polen gebracht werden, die kleinen Kinder sollten mitkommen, die polnischen Behörden hatten sogar eine psychiatrische Klinik für sie gefunden. Allerdings im Westen des Landes, 500 Kilometer entfernt von dem Verwahrungszentrum, in dem ihr Mann und die älteren Kinder sitzen.

Erneut verhinderten die Ärzte die Abschiebung, aus gesundheitlichen Gründen.

Nun wartet Leila Magomadowa auf ihre Kinder. Auf ihrem Nachttisch steht ein Bild, das ihr kleiner Sohn für sie gemalt hat: ein blaues Herz mit Stern und goldenem Sichelmond.

Das Jugendamt des Landkreises Ansbach hat das Bild an sie weitergeleitet. Nach der Abschiebung von Ruslan Magomadow war niemand mehr da, der sich dauerhaft um die beiden jüngsten Kinder der Familie kümmern konnte. Das Jugendamt ist jetzt für sie zuständig. Der dreijährige Sohn Beslan und die zweijährige Tochter Madina kamen zu deutschen Pflegeeltern.

Die Odyssee geht weiter, diesmal nach Warschau

Vor drei Tagen hat Leila Magomadowa eine Flüchtlingshelferin angerufen, die sie kennt. Sie hat sie mit ihrem bisschen Deutsch gebeten, beim Jugendamt einen Besuch der Kinder im Krankenhaus zu arrangieren. Die Helferin hat gesagt, sie werde sich darum kümmern. Das war am Freitag. Heute ist Montag, heute sollen die Kinder kommen, so hat sie es verstanden.

Leila Magomadowa ist aufgeregt. Sie springt auf, läuft auf den Flur, ihr Pferdeschwanz wippt. Sie hält Ausschau nach den Kindern.

Sie kommt zurück, setzt sich auf einen Stuhl, hockt plötzlich wie versteinert da. Dann streicht sie sich über den Bauch, sie ist jetzt im achten Monat.

Ihren Mann Ruslan lernte Leila Magomadowa über einen Freund kennen, da war sie 23 Jahre alt. Er war 29 und hatte schon drei Kinder. Leila Magomadowa sagt, sie habe schnell gemerkt, dass sie bei ihm bleiben wolle. Nach der Hochzeit zog sie zu ihm in eine tschetschenische Kleinstadt, nahe der Grenze zur Nachbarrepublik Inguschetien.

In der Psychiatrie hat Leila Magomadowa einen Vogel aus Ton modelliert, dazu ein paar Küken. Eine Mutter mit ihren Jungen. Die will sie ihren Kindern schenken.

Sie geht wieder auf den Flur hinaus. Die Kinder sind nicht zu sehen. Es ist schon später Nachmittag, fast Abend.

Leila Magomadowa ruft die Helferin aus dem Flüchtlingsheim an, wieder und wieder, aber keiner hebt ab. Sie wählt die Nummer einer tschetschenischen Freundin, die öfter für sie übersetzt. Vielleicht hat sie etwas von den Kindern gehört.

Auch sie weiß nichts. Leila Magomadowa fängt an zu weinen. Sie schreit: "Auch wenn ich sterbe, ich will jetzt meine Kinder sehen!"

Doch die Kinder kommen nicht. Es war ein Missverständnis.

Von der Situation der schwangeren Tschetschenin hat inzwischen auch die Politik erfahren. Mitte April hat sich der Bayerische Landtag mit ihrem Fall befasst. Besorgte Bürger hatten zwei Petitionen eingereicht. Sie verstehen nicht, wie der Freistaat, der doch sonst stets den hohen Stellenwert der Familie preist, so mit einer schwangeren Frau umgehen kann.

Mit den Stimmen der CSU forderte eine Mehrheit der Landtagsabgeordneten das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge auf, den Vater und die älteren Kinder zurückzuholen, wenn Leila Magomadowa längere Zeit reiseunfähig bleibt. Und das ist sie ja faktisch, weil sie im Juli ein Kind zur Welt bringt.

"Die Einheit der Familie sollte gewahrt werden."

Nur ist die Landtagspetition nicht mehr als eine Bitte an die Behörden. Ob Deutschland die Zuständigkeit für den Asylantrag der Magomadows von Polen übernimmt, ob die Familie also in Bayern bleiben kann, bis über den Antrag entschieden ist, bestimmt allein das Bundesamt.

In der Süddeutschen Zeitung meldete sich der frühere Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Albert Schmid, zu Wort, heute Vorsitzender des Landeskomitees der Katholiken in Bayern. Die Trennung von Vater und Mutter sei "nicht hinnehmbar" – vor allem nicht, wenn die Frau schwanger sei.

Im Mai, als Leila Magomadowa in der Psychiatrie auf den Besuch ihrer Kinder wartet, steht die Entscheidung des Bundesamts noch immer aus.

Eigentlich stellt das deutsche Grundgesetz die Familie unter besonderen Schutz. Auch auf Seite 1 der Dublin-Verordnung heißt es: "Die Einheit der Familie sollte gewahrt werden." Trotzdem muss man nicht lange suchen, um Fälle wie den der Magomadows zu finden.

Der Hessische Flüchtlingsrat hat in einem 104 Seiten starken Dublin-II-Report über mehrere ähnliche Fälle von Familientrennungen berichtet. Es gibt Väter, die nach Italien überstellt werden, während die Mütter in der Bundesrepublik zurückbleiben. Es gibt Minderjährige, die ihre Verwandten in Deutschland verlassen müssen. Der Flüchtlingsrat schreibt, Schutz in Europa zu bekommen gleiche auch für tatsächlich Verfolgte einem Lotteriespiel.

Am 11. Mai steht ein Krankenwagen vor dem Verwahrungszentrum in Kętrzyn. Er soll Ruslan Magomadow und die drei älteren Kinder abholen, sie dürfen umziehen in ein Flüchtlingsheim in der Nähe von Warschau. Dort sollen sie in den nächsten Monaten wohnen, bis feststeht, was aus ihnen wird: ob sie wieder nach Deutschland können, ob sie nach Russland abgeschoben werden, ob sie Leila Magomadowa und die beiden kleinen Kinder bald wiedersehen.

Normalerweise müssten sie mit dem Bus ins Flüchtlingsheim fahren. Vor ein paar Tagen aber ist der elfjährige Tamir krank geworden. Lungenentzündung. Mindestens zehn Tage Klinik, hat die Ärztin gesagt.

Ruslan Magomadow packt seine schwarze Tasche und eine Plastiktüte mit Kleidern in den Krankenwagen. Dann fahren sie los. Die Kinder sind ruhig, die Sanitäter haben ihnen Tabletten gegen Reiseübelkeit gegeben.

Nach fünfeinhalb Stunden kommen sie im Krankenhaus in Warschau an. Magomadow gibt seinen Sohn auf der Station ab, die Schwester bringt Butterbrote. Dann geht er mit den anderen beiden Kindern nach draußen.

Die Leute in Warschau drehen sich um nach dem dunkelhaarigen Mann, der an diesem kühlen Tag in Trainingshose und Badeschlappen seinen Weg aus der Stadt sucht, mit zwei Kindern, die hinter ihm hertrotten. Magomadow hält einen Zettel in der Hand, auf den die Beamten in Kętrzyn den Namen und die Adresse des Flüchtlingsheims gekritzelt haben: Dębak heißt der Ort, etwa 30 Kilometer von Warschau entfernt. Sie sollen mit der Straßenbahn hinfahren.

Magomadow versteht etwas Deutsch, aber Polnisch? Sie steigen an der falschen Station aus, fahren zurück, steigen aus, zögern, steigen wieder ein. Als sie schließlich in der Nähe des Flüchtlingsheims ankommen, dämmert es schon. Die letzten Kilometer müssen sie laufen, einen schmalen Waldweg entlang. Der Wind weht, der Regen tropft, bei jedem Schritt schmatzen Magomadows Schlappen auf dem nassen Boden. Samira aber stören die Kälte und die Nässe nicht. Mit kleinen, schnellen Schritten läuft sie voran und greift in die nassen, kräftigen Halme. Seit zwei Monaten hatte sie kein Gras mehr in der Hand.

Mitten im Wald dann das Flüchtlingsheim: flache Gebäude, umzäunt und bewacht.

Hinter einem Schiebefenster sitzen Wachmänner. Einer beugt sich vor.

"Wo kommen Sie jetzt her?", fragt er auf Polnisch.

Magomadow versteht nicht.

"Wer sind Sie?"

Magomadow versteht nicht.

"Papiere?"

Magomadow bückt sich und reicht seine Dokumente durch das Fenster.

In dem Heim wohnen fast nur Tschetschenen und Georgier, aber keiner der blau uniformierten Beamten spricht Russisch. Ein Wachmann packt fünf Plastikbeutel mit Essen auf den Tresen: zwei Konserven, ein halbes geschnittenes Weißbrot, zwei Schokoriegel, Milch.

Er führt die Magomadows zu einem Haus weit hinten, vorbei am Kinderspielplatz, hinein in den Flur, zu ihrem Zimmer für die erste Nacht. Der Geruch von Katzenurin beißt in der Nase. Der Wachmann sperrt die Tür auf, knipst die Neonröhren an. Zwei Dutzend leere Bettenskelette stehen da. Der Wachmann bringt Schaumstoffstücke, die als Matratzen dienen sollen, und Felddecken, Kissen hat er keine, Bettwäsche auch nicht. An der Wand liest Magomadow einen hingeschmierten Gruß aus der Heimat: "Es lebe Tschetschenien."

Fast jeden Tag werden Menschen getötet in Tschetschenien

Ein paar Tage später klingelt Ruslan Magomadows Handy. Alik ist dran, ein Bekannter aus Tschetschenien. Auch er ist geflohen, auch er wohnt inzwischen in einem Flüchtlingsheim in Polen, etwa 50 Kilometer entfernt.

Alik sagt, zwei Männer seien bei ihm aufgetaucht, Tschetschenen, sie hätten nach ihm, Ruslan, gefragt. Er habe ihnen gesagt, er wisse nicht, wo Ruslan stecke.

Magomadow wird nervös: Wer waren diese Männer? Was wollten sie von ihm? Waren es Kadyrowzy? So nennen sie in Tschetschenien die Sicherheitsleute des Diktators Ramsan Kadyrow.

Die Stadt, aus der die Magomadows kommen, liegt im Nordkaukasus, im Westen Tschetscheniens. Sie ist klein, ein Dorf fast. Wer hierher fährt, sieht dreckige Straßen und flache Häuser, durch die Gärten laufen Hühner und Gänse, Kühe stehen vor dem Haus. In der Luft hängt der Geruch von Dung und Abfall. Die meisten Menschen hier leben von ihren Tieren und vom Ertrag ihrer schmalen Felder, auf denen sie Mais anbauen.

Das Haus der Magomadows ist aus Lehm und Stroh gebaut. Der alte Magomadow, Ruslans Vater, ist tot, die Mutter krank und bettlägerig. Zwei ihrer Töchter leben noch bei ihr.

Sulim, Ruslans 25-jähriger Cousin, wohnt nicht hier, aber jeder in dieser Gegend kennt ihn, jeder weiß, dass er auf der russischen Fahndungsliste steht, weil er in den Wäldern kämpft, gegen Kadyrow, gegen die Russen, gemeinsam mit Doku Umarow, dem Dschihadisten.

Seit 1994, seit dem ersten Krieg gegen Russland, ringen die Tschetschenen um ihre Unabhängigkeit. Anfangs war es ein Gefecht stolzer Nationalisten. Heute gehört der Widerstand in den Wäldern den Heiligen Kriegern, die islamistische Fantasien von einem Emirat im Kaukasus hegen. Von Jahr zu Jahr schließen sich ihnen mehr junge Männer an.

Fast jeden Tag werden Menschen getötet in Tschetschenien. Der Islamist Umarow wird für Terroranschläge verantwortlich gemacht, der Diktator Kadyrow ist für Folter bekannt und dafür, dass er nicht nur gegen die Widerständler, sondern auch gegen deren Angehörige mit Gewalt vorgeht. Jedes Jahr verschwinden 170 bis 200 Menschen, manche werden ermordet, andere irgendwo eingesperrt.

Im kommenden Februar sollen in Sotschi, im Süden Russlands, nicht weit von Tschetschenien, die Olympischen Winterspiele stattfinden. Bis dahin, so will es der russische Präsident Wladimir Putin, muss Kadyrow in Tschetschenien für Ordnung sorgen. Offenbar ist es ihm egal, mit welchen Mitteln.

Ruslan Magomadow sagt, er sei nicht einverstanden mit den islamistischen Ideen seines Cousins. Doch wenn Sulim nachts vor der Tür stand, habe er ihm geholfen. Was sollte er auch tun? Wer in Tschetschenien einem Familienmitglied die Hilfe verweigert, gilt als Verräter. Ruslan sagt, er habe Sulim manchmal zu essen gegeben und ein Bett, manchmal habe er ihn irgendwo hingefahren, mit seinem Taxi, einem alten Lada.

Den Sicherheitsleuten blieb das offenbar nicht verborgen. Immer wieder seien die Kadyrowzy zu seinem Lehmhaus gekommen. Sie hätten gebrüllt, gedroht, ihn am Kragen gepackt und herumgeschubst, sagt Magomadow. Er habe alles ausgehalten.

Bis zu jenem Tag im Sommer 2010, der alles änderte.

Nach den Stromschlägen zittern ihm die Beine, er kann nicht laufen

Für das, was damals passierte, hat Magomadow keine Beweise, nur die Narben an seinen Füßen und seine Erinnerung. Aber das, was er beschreibt, ist nicht ungewöhnlich. Andere Bewohner der kleinen Stadt, Menschenrechtler in der Hauptstadt Grosny, sie alle erzählen ähnliche Geschichten. Und sie bestätigen, dass die Kadyrowzy noch immer ein-, zweimal die Woche das Haus der Familie Magomadow aufsuchen. Das ist auch der Grund, warum die Personen in diesem Artikel nicht ihre wirklichen Namen tragen.

Es ist heiß an jenem Tag, die Temperatur steigt nachmittags auf fast 40 Grad, Ruslan Magomadow sitzt müde in seinem Taxi. Er schwitzt und wartet auf Kunden, als zwei Männer einsteigen und ihn bitten, sie zu einem Badeort in der Nähe zu fahren.

Unter einer Brücke soll Magomadow halten. Dort steht ein anderer Wagen. Bewaffnete Uniformierte steigen aus und kommen auf das Taxi zu.

Sie bringen ihn zu einem abgelegenen Ort, fesseln ihn in einem Keller auf eine Pritsche, bohren Draht in seine Zehen, jagen Strom durch seinen Körper. Männer, die sagen, sie seien vom russischen Inlandsgeheimdienst, stellen Fragen. Sie wollen wissen, wo sich Sulim versteckt.

In der Nacht schaffen sie Magomadow weg, werfen ihn aus dem Wagen auf ein Feld. Magomadows Beine zittern von den Stromschlägen, er kann nicht laufen. Er kriecht nach Hause.

In der Nacht darauf erwachen die Magomadows von einem Knall. Maskierte Männer in Uniform stehen im Haus. Magomadow und seine Frau müssen sich auf den Boden legen. Die Männer beschimpfen sie, sie schlagen sie. Dann reißen sie Leila Magomadowa das Kleid vom Leib.

"Ich konnte nichts tun", sagt Magomadow.

Nach diesem Überfall, erzählt Ruslan Magomadow, habe seine Mutter zu ihm gesagt, er solle abhauen, untertauchen, um die Familie zu schützen. Sie habe gesagt: "Geh, bevor noch Schlimmeres passiert."

Magomadow versteckt sich in Inguschetien, reist nach Kasachstan. Schleicht sich nachts zurück in sein Haus, für ein paar Stunden, verschwindet erneut.

Immer wieder kommen maskierte Männer. Manchmal ist Leila Magomadowa allein. Sie schlagen auf die Frau und den Säugling ein. Zu dieser Zeit plant Ruslan Magomadow schon, nach Europa zu fliehen, mit seiner Frau und den Kindern.

Leila Magomadowa spürt die Kälte nicht

Er verkauft den Lada, leiht sich Geld von Geschwistern und Freunden. Seine Frau besticht die Behörden, zahlt 300 Dollar pro Reisepass, so viel, wie sie sonst in einem Jahr nicht sparen können. Mit niemandem spricht die Familie über ihren Plan. Dann, im August 2012, kaufen sie die Fahrkarten nach Moskau.

Es ist Ende Mai. Seit ein paar Tagen darf Leila Magomadowa die Station verlassen und raus in den großen Park der Psychiatrie in Ansbach. Ihre tschetschenische Bekannte ist zu Besuch. Sie gehen eine kleine Anhöhe hinauf zur Cafeteria. Es hat geregnet, der Wind weht. Leila Magomadowa trägt nur ein dünnes Oberteil, sie sagt, sie spüre die Kälte nicht.

Sie verbringt jetzt viel Zeit damit, ihre Kleider umzunähen, ihr Bauch wird immer größer. Ansonsten bleibt ihr wenig zu tun. Manchmal malt sie ein paar Bilder.

Fragt man Leila Magomadowa, was in jener Nacht geschah, als die Uniformierten in ihr Haus eindrangen, schüttelt sie nur den Kopf und blickt zur Seite.

Drinnen in der Station ist ein neuer Patient angekommen, ein Afrikaner. Er sitzt in einer Daunenjacke auf einer Bank im Aufenthaltsraum. Leila Magomadowa fragt ihn mithilfe der Übersetzerin, ob er auch Asylbewerber sei. Er sagt, er komme aus Äthiopien. In der Abschiebehaft habe er versucht, sich umzubringen. Die Polizei habe ihn in die Psychiatrie gebracht.

Anfang Juni ist Leila Magomadowa immer noch in der Klinik, Ruslan Magomadow ruft sie jeden Tag an. Er erzählt von den Kindern, der elfjährige Tamir hört nicht auf zu kränkeln. Sie versuchen, das Warten zu ertragen.

Am 3. Juni, zweieinhalb Monate nach der Trennung der Familie Magomadow, erklärt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gegenüber der ZEIT, bei seiner Entscheidung zu bleiben: Der Asylantrag der Familie ist eine polnische Angelegenheit, Deutschland nicht zuständig. Leila Magomadowa und die jüngeren Kinder sind nach Polen zu überführen, falls sie reisefähig ist.

Eine kleine Chance haben sie noch. Kommende Woche, am 11. Juni, endet die Frist für die Abschiebung von Leila Magomadowa. Danach muss Polen die Frau und ihre beiden kleinen Kinder nicht mehr zurücknehmen. Wo es die drei hinverschlägt, wird dann Verhandlungssache zwischen Polen und Deutschland sein. Wieder werden dann Anträge gestellt und Daten ausgetauscht werden, wieder werden Behörden Sachverhalte prüfen. Sollten sie entscheiden, die Familie in Deutschland zusammenzuführen, würde, endlich, das Bundesamt über den eigentlichen Asylantrag befinden. Das kann erneut Monate dauern.

Wenn es so kommt und wenn die Magomadows sehr viel Glück haben, werten die Behörden Leila Magomadowas psychische Krankheit und die Bedrohung ihres Mannes als Abschiebehindernis und erteilen ihnen eine Aufenthaltserlaubnis. Wenn sie Pech haben, werden sie nach Russland abgeschoben.

Ebenfalls am 11. Juni, dem Tag, an dem sich vielleicht die Zukunft der Magomadows entscheidet, wird das EU-Parlament zusammentreten. Es wird über eine neue Version der Dublin-Verordnung debattieren. Dublin III. Wesentliche Neuerungen sind nicht geplant.

* Namen der Familienmitglieder geändert