Man fährt nicht nach Altenbeken, bloß über. Ob man mit dem Zug einst von Paris nach Moskau reiste oder jetzt von Düsseldorf nach Kassel will, man kommt hier durch. Niemand steigt aus, der es nicht müsste: Altenbeken in Ostwestfalen ist kein Ziel, es ist Weg.

Das Dorf zwischen dem Sommerberg und dem Winterberg (der so heißt, weil da der Schnee noch so lang liegt) verkrümelt sich zu Füßen des hoch gelegenen Bahnhofs. 5000 Einwohner leben an den Ufern der plätschernden Beke. Rechnet man Buke und Schwaney noch dazu, sind es 10.000. Kein Vergleich mit dem nahen Paderborn und seinen 150.000 Einwohnern!

Aber Altenbeken hatte eben immer den Bahnhof. Keinen einfachen Durchgangsbahnhof, sondern einen Knotenbahnhof. Gleise aus etlichen Richtungen treffen sich im Nirgendwo, zusammengezwungen durch das Gebirge auf der einen Seite und den Taleinschnitt auf der anderen. Dazu gibt es einen grandiosen Viadukt, der in diesem Sommer vor 160 Jahren eingeweiht wurde – von Preußens König Friedrich Wilhelm IV. höchstselbst.

Ein topografisches Nadelöhr. Ein Umsteigebahnhof. Und bis man Anschluss hat, kann es dauern. So hat Altenbeken seit 1864 auch ein repräsentatives Bahnhofsrestaurant – bis jetzt. In dieser Woche schließt Ingo Klüter seine Türen, notgedrungen und nicht ohne Wehmut. Zwanzig Jahre lang ist er hier der Wirt gewesen, davor, seit 1960, war es sein Vater.

Der Bahnhof liegt wie eine Insel zwischen den Gleisen

Einen Hang zum Modernisieren hatten sie nie. Sie haben ganz lange viel so gelassen, wie es war. Die Holztische stammen aus den vierziger Jahren, die Lampen aus den Sechzigern. Entzückte Gäste bestellen von der Karte bis zum letzten Tag den "Diplomatenkaffee", eine Spezialität der Nachkriegsjahre, die ihren Schuss Eierlikör unter einem unschuldigen Sahnehäubchen verbirgt. Der Weiterfahrt kann sie einen goldenen Schimmer verleihen.

"Zuletzt renoviert haben wir 1997", sagt der Wirt. Man glaubt es kaum. Die Lampenkabel sind nikotinfarben, an einer Wand blättert feucht etwas ab. Seltsamerweise macht das nichts. Wer den großzügigen Gastraum mit der hohen Decke betritt, fühlt sich in keiner Weise bedrückt, eher auf eigentümliche Weise frei.

Der Bahnhof mit der Gaststätte liegt wie eine Insel zwischen den Gleisen. Leicht zu erreichen ist das Restaurant nur von den Zügen aus. Wer aus Altenbeken herkommt, musste früher Treppen steigen oder muss sich heute "barrierefrei", wie es so schön heißt, eine Serpentine raufwinden, kommt durch den langen, kaltweiß gekachelten Tunnel, und dann geht es noch mal hoch, inzwischen sogar per Lift. Aber aus Altenbeken kommen allenfalls die Pendler zu Klüter, neunzig Prozent seiner Gäste schneien von irgendwo vorbei. Zu ihm kommen Fremde.

"Bleiben Sie doch ganz entspannt bei mir"

Ingo Klüter ist Mitte vierzig, ein schlanker Mann, hibbelig, wortgewandt. Unter seinen Geheimratsecken erstrecken sich flächige Koteletten, den Nacken trägt er ausrasiert, dazu einen eng anliegenden Pullover – er ist überhaupt kein Typ von gestern. Er mag nicht weit gereist sein, aber er muss es auch nicht, denn die Welt kommt ja täglich zu ihm.

"Meine Dame, kann ich Ihnen helfen?", sagt er zu der Frau, die, zögernd sich umblickend, sein Lokal betritt. "Ich habe eine Stunde Zeit", erwidert sie. "Dann bleiben Sie doch ganz entspannt bei mir", schlägt er vor. "Wie wär’s mit einer Tasse Kaffee?"

Wo im Elendsunternehmen Deutsche Bahn wird man so begrüßt! Die Bahn hat allen Übergang in Hektik getunkt, Reisende sollen nicht mehr verweilen, auf keiner Sitzbank, in keinem Abteil, sondern sich permanent beschleunigt fühlen. Im krassen Gegensatz dazu steht die chronische Unpünktlichkeit. Als wir nach Altenbeken aufbrechen, hat der IC am Hamburger Hauptbahnhof beim Start schon eine Viertelstunde Verspätung, weil mal wieder eine überstrapazierte Lok kollabiert ist. Auf dem Bahnsteig lässt sich die schlechte Laune der Verladenen mit Händen greifen.

Jeder hört alles hier

In Altenbeken hingegen steht die Zeit still. Man betritt die Gaststätte und findet sich in einer anderen Sphäre. Ist es das Ocker der Wände, ist es die Ruhe hier? Sind es die bis in Kopfhöhe holzvertäfelten Säulen? Sind es die Garderobenhaken aus Messing? Die braunen Heizkörper? Nein, und gar so ruhig ist es auch nicht. Züge rumpeln vorbei, und dazwischen fährt Klüters markante Stimme. Jeder hört alles hier, seit kaum noch jemand kommt.

Ein älteres Paar, Bahn-Enthusiasten, er mit Fotoapparat: "Darf ich ein paar Bilder machen?" – Klüter: "Wir haben nichts zu verheimlichen." – "Und was hätten Sie zu essen?" – "Da wir in ein paar Tagen schließen, leider nur noch Bockwurst mit Brot." – "Dann nehmen wir Bockwurst mit Brot. Wie ist das Brot? So weich und lappig? Könnten Sie es vielleicht toasten?" Klüter toastet.