In Sibylle Lewitscharoffs Roman Blumenberg tritt neben dem Philosophen Hans Blumenberg in dessen Münsteraner Arbeitszimmer auch ein Löwe auf. Dass diesen Löwen nur der Meister selbst und eine alte Nonne wahrnehmen, ist kein Einwand gegen des Löwen ontologische Überfülle, seine wuchthafte Präsenz, mit der er sich über alle kleinmütigen Wahrscheinlichkeitskalküle hinwegsetzt.

Denn so ist das mit der Dichtung: Sie haut Schneisen in die Wirklichkeit und definiert die Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren neu. Sibylle Lewitscharoff ist nicht kleinmütig. Man könnte sie die letzte Schriftstellerin nennen, die noch das Wunder auf ihrer literarischen Rechnung hat. Das Wunder ist bei ihr nichts Erbauliches, sondern etwas Radikales, es ähnelt einer Bombe, die ein russischer Anarchist entzündet. Seit sie 1999 mit einem Ausschnitt aus Pong den Bachmann-Preis gewann, hat Lewitscharoff mit einer delikaten Kombination aus Furor und Artistik die Literatur benutzt, um die Grenzen unserer bekannten Welt zu durchbrechen.

Jetzt hat die Akademie für Sprache und Dichtung ihr den Georg-Büchner-Preis verliehen. Die Akademie hat recht getan. Sie ehrt damit eine überragende Autorin, die für jene Unbedingtheit einsteht, die uns einzig aus unserem undogmatischen Schlummer wecken kann. Die Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff hat die Literatur immer als metaphysischen Brandbeschleuniger benutzt, um die Feuer der Hölle wie die Himmelsglut zum Leuchten zu bringen und die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits, dem Normalen und dem Verrückten einzureißen. Raus aus der Eingeklemmtheit! – das ist ihr poetischer Imperativ. Dazu taugen ihr Heiligenlegenden genauso wie Häresien. Ihr fulminanter Tiraden-Roman Apostoloff ist ein Beispiel für die poetische (Feuer-)Kraft von Rauflust und Bosheit. Lewitscharoff, die Schwäbin, ist auch ein Wüterich. Einmal erzählte sie davon, wie befreiend ihr erster LSD-Trip für sie gewesen sei: Plötzlich habe sie ihren Herkunftsort Stuttgart-Degerloch (in ihrem Werk Chiffre für alles Beklemmende und Erdenschwere) hinter sich lassen können.

Im Herbst erscheint von ihr, die das Spiel mit dem Genre genießt, ein Krimi. Jetzt arbeitet sie an einem Roman, der sich den Unbedingtesten aller Dichter, den Topterroristen und Toptheologen der Literaturgeschichte vorknöpft: Dante.