Es gibt keine Einladung zu dieser Ausstellung. Keinen Termin. Keinen festen Ort. Man muss einfach zur richtigen Zeit an der richtigen cornischen Klippe spazieren gehen. Dann gleitet der Blick über das Meer und den Sand und bleibt an Spiralen und Kreisen hängen, die den Strand wie Ornamente schmücken. Riesige Zeichnungen, perfekt in der Form, die erstaunen, weil genau hier doch eigentlich gar nichts sein kann. Was ist das? Was soll es? Und woher kommt es? Wie kann es überhaupt sein, dass da ein Bild ist, wo eben noch Wasser war? In einer Bucht, die nur bei Ebbe zugänglich ist?

Wenn man Glück hat, trifft man gleich am Klippenrand auf einheimische Spaziergänger, die sagen: Das hat Tony Plant gemacht, ein Künstler, der diese kolossalen Zeichnungen mit einer Harke auf den Sand bringt. Er lebt in Newquay, einem der größeren Orte Cornwalls, in der Mitte der Nordküste gelegen. Bars, Surf-Shops mit bunten Hawaii-Impressionen an den Wänden und viele, meist junge Männer mit Brettern unterm Arm prägen das Stadtbild. "Ich mag besonders die nassen Fußabdrücke mitten auf der Straße", sagt Tony Plant, der heute, mit 50 Jahren, nicht mehr ganz so oft wie früher seine eigenen Spuren auf dem Asphalt hinterlässt. Die Sonne scheint an diesem Tag im Mai, aber wer kein Engländer ist, trägt noch eine lange Hose. Tony Plant öffnet die Haustür barfuß, trägt T-Shirt, Shorts, und seine Augen leuchten.

Das weiße Reihenhaus, in dem er mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt, hat keine Gardinen. Bei den Plants kann man hineingucken, so wie sie hinausschauen können. Auf dem Allzwecktisch, der Wohnraum und Küche verbindet, steht ein offener Laptop mit Plants Facebook-Seite. Er hat gerade Fotos von seiner letzten Strandarbeit hochgeladen. "Das ist irre" sagt er, "wenn ich etwas Neues reinstelle, dann ist das wie eine Flut. Es gibt eine Riesenwelle an Klicks und Kommentaren, die nach einer gewissen Zeit abschwillt, und irgendwann geht es wieder los."

Erst vor fünf Jahren hat er damit begonnen, die Strandbilder zu dokumentieren. Bis dahin war sein Werk mit jeder Flut unweigerlich verschwunden. "Ich will die Zeit sichtbar machen", sagt er, "Aufmerksamkeit erzeugen, für das, was ist." Ein wenig klingt er wie ein Biologielehrer mit Mission, wenn er darüber spricht, wie Menschen sich öffnen, wenn sie über Natur reden, dass es darum gehen muss, in aller Ehrlichkeit der Natur zu begegnen. Aktuell möchte er vor allem, dass die Menschen überhaupt gucken: "Alle sehen nur noch nach unten, jeder ist mit einem elektronischen Gerät beschäftigt, das er in den Händen hält."

Kunst, die gefunden werden muss

Um seinen Computer verstreut liegen Post-it-Zettel mit freundlichem Gekringel. Einige Skizzen erinnern an etwas Explodiertes, andere sind exakt, als seien sie mit Kreisschablonen gezeichnet, wie sie manchmal Cornflakespackungen beiliegen. Schon als Jugendlicher hörte Tony Plant, er könne fotografisch zeichnen. Diese Kunst zu vervollkommnen interessierte ihn aber nicht, "weil man immer schon weiß, was rauskommt". Plant ging nach London, lebte in besetzten Häusern und studierte am Chelsea College. Doch auch die fine arts, die hier gelehrt wurden, waren nicht sein Ding. Wenn er heute malt oder zeichnet, tut der Rechtshänder das meist mit links. "Mit rechts wird es einfach langweilig perfekt." Und das Galerie-Volk, das durch schöne Bilder angezogen wird, ist ihm immer noch egal. "Ich mache meine Sandzeichnungen für die drei, vier Leute, die zufällig vorbeikommen und die Sachen sehen. Die zu berühren, das ist erfüllend."

Im Haus der Plants hängen nur wenige Bilder, das Atelier ist überraschend übersichtlich. Die Kunst scheint sich vor allem in Tonys Innerem abzuspielen. Und ab und zu muss dieses Innere raus. Seine Frau Alice hat gelernt, mit dem Mann umzugehen, der am liebsten draußen ist. Wenn seine Unruhe nicht mehr auszuhalten ist, schickt sie ihn an den Strand.

Das Nichts sichtbar machen

Sechs Meilen sind es von Newquay bis zu den Bedruthan Steps, einer beeindruckenden Küstenlinie, von der Tony Plant jeden Fels zu kennen scheint. Ein grüner Flor mit bunten Wildblumen bedeckt die schwarzen Klippen, die sich bei Flut von den Wellen beklatschen lassen. Ist das Wasser fort, verwandeln sich die Felsen in frei stehende Skulpturen auf gelb leuchtendem Sand. Tony Plant weiß, wo die Ebbe welche Felsen freilegt, wo die Schatten welche Formen annehmen und wann man wo sein muss, um die vom Wasser befreiten Felsdurchgänge passieren zu können.

Bevor er die knapp 300 Stufen zum Strand hinabsteigt, betrachtet Tony Plant von oben die Bucht, die er ausgewählt hat. Er hat exakt im Kopf, was er zeichnen will. Er möchte "das Nichts sichtbar machen", einen leeren Kreis schaffen, der aus Dutzenden von Rundungen und Spiralen entsteht, die ihn umgeben. Aus etwa 50 Meter Höhe schaut er, was das Panorama dominiert, welche Kräfte in der Bucht wirken, wo er seinen zentralen Kreis setzen und in welchen Arealen er den Sand besonders aufwühlen muss, damit er dunkler ist und ein Gegengewicht bildet zu den schwarzen Felsen, die das auslaufende Wasser freigelegt hat.