Also eines vorweg, natürlich gibt es auf Mauritius einen Fußballplatz. Einen neuen sogar, einen Kunstrasenplatz direkt hinter dem Gebäude des Mauritischen Fußballverbandes. Nicht dass jemand denkt, Fußball spiele hier eigentlich keine Rolle. Dass der Platz genauso wie das Gebäude bezahlt wurde vom Weltfußballverband, der Fifa, und Mauritius’ Fußballmannschaft nur Platz 189 der Weltrangliste einnimmt, braucht niemanden zu stören. Die Symbolik zählt. Die Fifa ist zu Gast bei Freunden.

Auf Mauritius also, auf einer Insel im Indischen Ozean, wollte der vielleicht wichtigste Sportverband der Welt vergangene Woche die vielleicht wichtigsten Reformen seiner Geschichte verabschieden. So großspurig hatte er das zumindest angekündigt. Dass wenige Journalisten den weiten, teuren und eher nach Urlaub klingenden Weg nach Mauritius fanden, wird der Fifa nicht missfallen haben. Die Fifa bestimmt die Deutungshoheit über die Symbolik gerne selbst.

Und genau mit dieser Hoheit ist das so eine Sache, wenn man Großes ankündigt, am Ende aber wenig herauskommt.

Vor allem wenn es um den Weltfußballverband geht. Denn der hat kein gutes Image. Korruptionsvorwürfe, Verdächtigungen, Schmiergeldzahlungen – wohl noch nie hat der Sport in nicht mal drei Jahren so viele Korruptionsgeschichten auf einmal gehört. Ein Ehrenpräsident, der sein Amt missbraucht hat, Vorstandsmitglieder, die für Vermarktungsrechte Millionen kassierten oder ihre Stimmen für WM-Austragungsorte einfach an den Meistbietenden verschachern wollten. Ein Präsidentschaftswahlkampf 2011, in dem der Herausforderer im Nachhinein wegen Interessenkonflikten gesperrt wird und der Amtsinhaber Sepp Blatter ein Entwicklungshilfe-Projekt zum Wahlkampf nutzt.

Und jetzt also Mauritius. Freitag. Der Abschluss der Reformen. So sollte es sein. Groß angekündigt. Nur welche Reformen?

Zehn Minuten fährt man mit dem Auto vom Herzen des mauritischen Fußballs zum Kongresszentrum SVICC in der Hauptstadt Port Louis, sozusagen dem Herzen der vermeintlichen Fifa-Reformen. Ein bisschen sieht das Gebäude aus wie eine vom Himmel gefallene Riesenschildkröte, von der es hier in einer extra nach diesem Tier benannten Bucht so manches Exemplar gibt. Mitten in die Landschaft gepflanzt, will das Kongresszentrum nicht so recht zur Urlaubsidylle passen. Irgendwie ist das fast so wie die Fifa und ihre Reformen, das will auch nicht so richtig zusammenpassen. Auf den neu gebauten Straßen zum Kongresszentrum fährt außer den Fifa-Limousinen niemand. Man fragt sich, wie Mauritius nur so schnell die nagelneuen, natürlich deutschen Luxuskarossen für die Fifa-Vorstände besorgt hat. Und wer sie bezahlt hat.

Die Fifa beauftragt Anti-Korruptions-Experten. Von deren Vorschlägen bleibt wenig übrig

Drinnen im Tagungsgebäude sind es gefühlte null Grad. Anzugträger sind klar im Vorteil, aber Frauen gibt es hier sowieso kaum. "Hier geht es um unsere Zukunft", hört man Joseph S. Blatter, den Fifa-Präsidenten, den vielleicht einflussreichsten Menschen im Weltsport, vor den etwa 600 Delegierten am Morgen sagen. Die Fifa setze nun neue Standards in der Korruptionsbekämpfung im Weltsport, sagt er und meint das wahrscheinlich tatsächlich so.

Da ist sie wieder, die der Fifa eigene Deutungshoheit von Symbolen. 2011, inmitten der öffentlichen Aufregung über die Korruptionsaffinität von Fußball-Offiziellen, hatte Blatter selbst einen Reformprozess ausgerufen. Die Fifa bat den Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth, ein externes Reform-Beratungsgremium aus weltweiten Anti-Korruptions-Experten zusammenzustellen. Die machten daraufhin Reformvorschläge. Aber von den Vorschlägen blieb wenig übrig – obwohl die Fifa das Gremium selbst beauftragt und bezahlt hatte.

Vor allem die Reformen des Exekutivkomitees, des Vorstands der Fifa, wurden von eben jenem direkt wieder einkassiert. Die Anti-Korruptions-Experten des externen Beratungsgremiums hatten vorgeschlagen, externe unabhängige Mitglieder in den Vorstand aufzunehmen, um auf diesem Wege mehr Kontrolle zu erreichen. So wie das in Aufsichtsräten von Unternehmen üblich ist. Abgelehnt.

Neu gewählte Mitglieder des Vorstandes oder der Präsident sollten von unabhängigen Experten überprüft werden. Abgelehnt. Zudem sollten die Gehälter und Boni der Führungsetage offengelegt werden. Bei einem Unternehmen wie der Fifa mit einem Jahresumsatz von knapp 1,2 Milliarden Dollar im Jahr 2012 eine verständliche Forderung. Verschoben. Genauso wie die Beschränkung von Alter oder Amtszeit.

Auf Mauritius wohnen die Vorstandsmitglieder im teuersten Hotel der Insel – bloß keine Störung!

Wenn man das alles Michel Platini, dem Präsidenten der europäischen Fußballunion Uefa, möglichen Blatter-Nachfolger und selbst Exekutivkomitee-Mitglied, aufzählt, erwidert der nur, man könne ja nicht alle Vorschläge akzeptieren. So einfach ist das in der Fifa-Welt. Und selbst Wolfgang Niersbach, der deutsche Fußball-Verbandspräsident, sagt, man dürfe nicht ungerecht sein: "Wir sind auf dem richtigen Weg."