Anfang 2013 beschlossen elf Staaten der EU, aus einer alten Idee ein Projekt zu machen und den Handel an den Finanzmärkten zu besteuern. Seither wuchs der Widerstand. Vor ein paar Tagen nun war zu hören, dass die Verhandlungen in Brüssel über die Ausgestaltung der Finanztransaktionssteuer wohl zu Änderungen führen werden. Ein Sieg der Bankenlobby, Skandal!, sagen Befürworter. Recht so!, sagen Gegner.

Zwei Ziele verfolgt die Steuer: erstens die Finanzwelt an den Kosten der Finanzkrise zu beteiligen. Zweitens den immer schneller wirbelnden Handel zu verlangsamen. Bisher sehen die Pläne der EU-Kommission vor, den Handel mit Aktien oder Anleihen mit 0,1 Prozent des Marktwerts und den Handel mit Derivaten mit 0,01 Prozent des Nominalwerts zu besteuern. Eine Besonderheit ist die Extraterritorialität: Theoretisch muss auch eine amerikanische Bank, die einer Schweizer Bank in Singapur ein Wertpapier verkauft, die Steuer zahlen – solange das Wertpapier aus einem der elf Staaten stammt. Insgesamt rechnet die EU mit Einnahmen von 35 Milliarden Euro im Jahr.

Der Protest kommt aus drei Ecken: von den Banken, aus Staaten und Institutionen sowie aus der Industrie. Worum geht’s?

Zunächst: die Banken. Ihr Protest war zu erwarten. Bemerkenswert sind allerdings die Zahlen, die mancher aufruft. So soll die Landesbank Baden-Württemberg die Kosten, die ihr entstehen würden, mit bis zu drei Milliarden Euro veranschlagt haben – pro Jahr. Dies dürfte ein Grund dafür sein, dass der Finanzminister des Landes, Nils Schmid von der SPD, die aktuellen Pläne in einem Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) als "Mist" bezeichnet hat. Eine Studie der US-Investmentbank Goldman Sachs wiederum kommt allein für die Deutsche Bank auf Steuern von 26 Milliarden Euro. Für alle 42 betrachteten Banken auf 170 Milliarden Euro. Pro Jahr.

Diese Studie unterstellt freilich Handelsaktivitäten auf heutigem Niveau. Der Betrag dürfte also niedriger liegen, denn es ist ja das Ziel der Steuer, die Handelshäufigkeit zu reduzieren. Dennoch sind die hohen Milliardenzahlen möglicherweise nicht ganz falsch. Denn die Steuer fällt wohl gleich mehrfach an. An jeder Transaktion sind zwei Akteure beteiligt – und beide müssen die Steuer entrichten. In aller Regel hängt an einer Transaktion aber auch noch ein Absicherungsgeschäft, die Abwicklung und mehr, und jeder in der Kette, ob Bank, Broker oder Börse, müsste Geld abführen. Daher ist gerade viel von bisher kaum erfassten "Kaskadeneffekten" die Rede, die schon bei simplen Transaktionen zu hohen Belastungen führen könnten.

Dann: Staaten und Institutionen. Dass Großbritannien gegen die Pläne klagt und dabei Luxemburgs Unterstützung findet, muss nicht weiter stören – beide Länder leben von ihrer Finanzindustrie. Sorgenvolle Töne kommen aber auch von der Europäischen Zentralbank oder Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Sie befürchten, dass die Steuer den Markt für Repos austrocknet. Repos sind Finanzierungen, die sich Banken gegen Sicherheiten untereinander gewähren, für niedrige Margen, oft sehr kurzfristig, daher in hoher Frequenz. Künftig könnte jedes dieser Geschäfte Geld kosten und für den, der die Finanzierung gewährt, unrentabel werden. Nachdem der Markt für unbesicherte Refinanzierungen infolge der Finanzkrise kollabiert ist, könnte ein Ende auch der Repos dazu führen, dass Banken sich noch mehr über Notenbanken refinanzieren. Diese Bande würden enger statt loser. Das missfällt der Aufsicht.

Schließlich: die Industrie. Die derzeitige Definition von "Finanzinstituten" hat zur Folge, dass auch Konzerne der Realwirtschaft betroffen wären. Diese müssen sich wie Banken refinanzieren und gegen Zins-, Preis- oder Währungsrisiken absichern. Bayer befürchtet Kosten von bis zu 45 Millionen Euro im Jahr, Siemens von bis zu 100 Millionen Euro. Eine Studie des Deutschen Aktieninstituts schätzt die jährliche Belastung für 24 deutsche Konzerne auf bis zu 1,5 Milliarden Euro. Wenn das stimmt, hilft das dem Fiskus – ist aber wohl kaum eine Strafe für die Banken.

Was von all diesen Zahlen und Sorgen interessengeleitete Schwarzmalerei ist, was berechtigte Bedenken sind – das müssen die EU und die elf Staaten, unter ihnen Deutschland, nun klären. Möglich, dass die Architekten der Steuer die Folgen unterschätzen. Möglich, dass die Gegner maßlos übertreiben. Angesichts der diskutierten Dimensionen scheint aber zumindest eine Überprüfung der Pläne sinnvoll. Im Gespräch ist vieles, von Ausnahmen bis zu einer schrittweisen Einführung. Sicher scheint eines: Zum 1. Januar kommt die Steuer nicht. Die Verhandlungen werden wohl frühestens 2014 enden.