Seit über zwei Wochen tobt ein verbissener Kampf um die syrische Kleinstadt Kussair, die an einer wichtigen Verbindungsroute zwischen der Hauptstadt Damaskus und dem Nachschubhafen Latakia nahe der libanesischen Grenze liegt. Kämpfer der schiitischen Hisbollah-Miliz haben auf Seiten der regulären Armee in die Auseinandersetzung um diese Schlüsselstellung eingegriffen.

Längst hat sich der Bürgerkrieg in Syrien zu einem Konflikt entwickelt, in den zunehmend die ganze Region einbezogen wird. Es geht nicht mehr hauptsächlich nur um das Überleben des autokratischen Regimes von Baschar al-Assad. Die Hauptkampflinie verläuft nun zwischen schiitischen und sunnitischen Bevölkerungsgruppen, zwischen dem Iran und den salafistischen Ölstaaten am Golf. Sie mischen mit Geld, Waffen und Legionären mit. Und auch Israel droht nun tiefer in die unübersichtliche Gemengelage gezogen zu werden. Sollte Russland tatsächlich, wie angekündigt, seinem Verbündeten in Damaskus moderne S-300-Flugabwehrraketen liefern, dürfte der jüdische Staat wohl der Versuchung nachgeben, mit einem Präventivangriff die neue Bedrohung auszuschalten, um nicht die eigene Luftüberlegenheit zu gefährden. Es ist anzunehmen, dass in diesem Fall das syrische Regime oder dessen Alliierte von der Hisbollah versuchen werden, Vergeltung zu üben.

Mitten in diesem Hexenkessel stecken 381 österreichische Soldaten, verteilt auf 14 Stützpunkte in dem schmalen Streifen Gelände, der auf den Golanhöhen Israel von Syrien trennt. Dort in der entmilitarisierten Zone sollen sie als UN-Beobachter die Einhaltung der Waffenstillstandsbedingungen nach dem Jom-Kippur-Krieg überwachen. Seit fast 40 Jahren zeigt die Republik so Präsenz im Nahen Osten.

Trotz einiger Todesfälle galt der Dienst unter dem Blauhelm als eher langweiliger denn riskanter Einsatz. Das hat sich nun geändert: Auch die Männer dieser Friedensmission könnten jetzt schnell zwischen die Fronten, wenn nicht gar ins Visier der Konfliktparteien geraten.

Eine diplomatische Schlappe, die Österreich in der vergangenen Woche bei der Außenministerkonferenz der EU in Brüssel einstecken musste, erhöht nun die Gefahr, dass österreichische Blauhelme in Mitleidenschaft gezogen werden. Unter gewissen Voraussetzungen dürfte das sogar wahrscheinlich sein. Zwar hatte Außenminister Michael Schindelegger zuvor stets angekündigt, Österreich werde sich gezwungen sehen, sein Kontingent vom Golan abzuziehen, sollte die EU ihr Waffenembargo für die syrische Rebellenallianz ersatzlos auslaufen lassen.

Genau dieser Fall trat ein, weil sich die Interventionisten aus Frankreich und Großbritannien mächtig ins Zug legten. Seit Monatsbeginn ist nun jedes EU-Land berechtigt, Kriegsmaterial an eine der zerstrittenen Aufständischengruppen zu liefern. Auch wenn Franzosen und Briten vorläufig, zumindest offiziell, davon absehen wollen, um nicht alle Druckmittel vor der groß angekündigten Syrienkonferenz, die im Juni oder Juli in Genf stattfinden soll, aus der Hand zu geben. Doch mit dieser Entscheidung hat die EU Partei bezogen und ist ein Stück weit in den Konflikt hineingeschlittert.

Die EU hat ihre Position deklariert. Und ein EU-Staat hat eine Gruppe von Soldaten in sehr exponierter Position stationiert. In der meist wenig differenzierenden Logik des Nahost-Konfliktes kann das sehr leicht eine explosive Gleichung ergeben. Ob und wann es dazu kommt, ist kaum abzusehen.

Dennoch will die Regierung derzeit aber keinen Abzug der Blauhelme ins Auge fassen. Die Mission, sagen die Militärs, lasse sich gegenwärtig noch durchführen. Am Wochenende wurde sogar das Staatsoberhaupt mobilisiert, um im Radio die Einsatzbereitschaft des UN-Kontingents zu versichern.

So vehement nun die Opposition, Freiheitliche ebenso wie Grüne, einen Abzug fordern, die Österreicher dürften wohl noch eine ganze Weile in ihren Beobachtungsposten ausharren. Zwar ist von ihrem ursprünglichen Auftrag nicht mehr viel übrig geblieben, doch die UN-Präsenz hat vor allem symbolische Bedeutung. Sowohl Israel als auch Syrien sind daran interessiert, dass sich nichts daran ändert. Insofern steht Österreich unter internationalem Druck: Zieht die Republik ihre Soldaten ab, das größte Kontingent der rund 900 Mann starken Truppe, ist die Mission nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Das Bundesheer gibt sich indes äußerst zugeknöpft und lässt nur spärliche Informationen an die Öffentlichkeit dringen. Vor allem die Exit-Strategie ist umstritten. Das Bundesheer behauptet, die streng geheime Planung sei abgeschlossen; der grüne Sicherheitssprecher Peter Pilz beharrt hingegen darauf, dass es keinerlei Vorbereitungen für einen raschen Abzug gebe.

Vorläufig wird aber wieder ein Teil des Kontingents ausgetauscht. Da die Blauhelme bei der letzten Rotation im November vergangen Jahres auf dem Weg zum Flughafen Damaskus in das Kreuzfeuer der Rebellen gerieten, erfolgt die Anreise erstmals über Tel Aviv. Das Material wird hingegen über den Libanon angeliefert – mitten durch das Kernland der Hisbollah.