Ein digitaler Tsunami. The next big thing . Eine Revolution. Kaum ein Begriff ist groß genug, um das zu beschreiben, was da gerade, aus den USA kommend, über die akademische Welt hereinbricht. Elite-Unis wie Stanford und Harvard stellen einen Teil ihrer Vorlesungen ins Netz, kostenlos und für jeden überall zugänglich. Diese sogenannten massive open online courses (Moocs) werden die Lehre gravierend verändern, sagen Professoren, Bildungsexperten und Kapitalgeber, die die Entwicklung eng begleiten. Ob zum Besseren oder Schlechteren, ist offen.

Tatsache aber ist: In den USA sind die Umwälzungen bereits in vollem Gange (Titelgeschichte Uni für alle,ZEIT Nr. 12/13) Etwa drei Millionen Menschen haben sich bereits für derlei Onlinekurse angemeldet. Staatliche Hochschulen wie etwa die kalifornische San José State University ersetzen damit Einführungsveranstaltungen – um mehr Menschen mit akademischer Bildung zu erreichen und gleichzeitig Geld zu sparen. Erste Studien zeigen, dass es ihnen mit webbasierten Vorlesungen sogar gelingen kann, die Durchfallquoten zu senken. Investoren stecken Millionen in Onlineplattformen wie Coursera und Udacity, auf denen Professoren Erklärvideos veröffentlichen können. Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben 60 Millionen Dollar in den Aufbau ihrer Plattform EdX gesteckt. Noch fließt davon kaum etwas zurück, aber die Hoffnungen, mit Moocs nicht nur die Lehre zu verbessern, sondern auch Geld zu verdienen, sind groß.

Und in Deutschland? Im Vergleich zu dem Tsunami, der über amerikanische Unis hinwegfegen mag, ist hierzulande bislang eher ein laues Lüftchen zu spüren. Es gibt einzelne Professoren, die solche digitalen Möglichkeiten für sich und ihre Studenten zu nutzen wissen. Doch die meisten Unis tun sich schwer mit dem Thema. Sie haben derzeit mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, mit der unzureichenden Finanzierung etwa und mit hohen Studentenzahlen. Zudem sehen viele für sich keine Vorteile in den Kursen, sie fürchten eher hohe Anlaufkosten. Es gibt, zumindest im Moment, für viele Unis weder den Druck noch den Anreiz zu handeln. "Beobachten und abwarten" scheint daher die Devise vieler Hochschulleitungen zu sein. "Man muss nicht jeden kurzlebigen Trend mitmachen", sagt der Kanzler der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Bernd Klöver. Moocs allein würden den Ansprüchen einer am Studienerfolg ausgerichteten Lehre kaum gerecht werden. Ungeklärt sei etwa, wie die Qualität der Angebote gesichert werden kann und ob und wie virtuell erbrachte Leistungen für ein Präsenzstudium anerkannt werden können. Die Skepsis gegenüber digitalen Lernformen sitzt tief. Manch ein Lehrender erinnert sich an den Hype um das E-Learning zur Jahrtausendwende, als Politik und Wirtschaft Millionen investierten, um virtuelle Hochschulen aufzubauen. Die Erfahrungen waren ernüchternd, auch weil die Technik noch nicht ausgereift war.

Das allerdings ist heute anders. Tablet-Computer und schnelle, kabellose Internetverbindungen sind weit verbreitet und ermöglichen das Lernen zu jeder Zeit an jedem Ort. Wer heute studiert, ist mit dem Internet aufgewachsen und nutzt es selbstverständlich, um sein soziales Leben zu organisieren. Studenten fragen sich, warum sie sich in einen Hörsaal mit 800 Leuten setzen sollen, um sich eine langweilige Vorlesung anzuhören – wenn sie sich das gleiche Wissen auch aus dem Netz holen und dort sofort mit Kommilitonen diskutieren können.

Die Digitalisierung ist aktuell wohl die wichtigste Entwicklung in der Hochschulbildung. Vor allem international konkurrierende Spitzenuniversitäten werden sich dem Trend auf Dauer nicht verweigern können. Die TU München und die Universität München stellen bereits einige Onlinekurse auf der Plattform von Coursera bereit – pro Land nimmt das kalifornische Unternehmen nur fünf Spitzen-Unis in sein exklusives Netzwerk auf. Andere Hochschulen werden ihr Engagement dagegen nur vorantreiben, wenn sie sich davon konkrete Vorteile versprechen. Das könnte die Erschließung neuer Zielgruppen sein oder der Ausbau der Weiterbildung.