Was soll man vom Wetter sagen? Das Mindeste wäre, selbst wenn man nach einer vorsichtigen Formulierung sucht, dass es nicht den besten Charakter hat. Selbst wenn es jetzt so tut, als wolle es wieder die Sonne strahlen lassen, hat es doch gerade eben mit seinen Regenfluten ganze Städte überschwemmt, Menschen getötet oder obdachlos gemacht und nebenbei noch weite Teile der Landwirtschaft um ihre Erntehoffnung gebracht. Und das war nur eine Fingerübung! Das Wetter kann Landschaften auch dauerhaft zerstören, Menschen zu Tausenden ertrinken, erfrieren oder verdursten lassen.

Der schlechte Ruf des Wetters ist historisch gut begründet. Selbst wenn wir uns nicht an die Dürren und Überschwemmungskatastrophen der Geschichte erinnern würden, würde das Jahr 2013 schon reichen, den Mitteleuropäer misstrauisch zu machen. Ein bitterharter Winter, der nicht enden wollte, ein Frühjahr, das kaum wärmer war und die Pflanzen vertrocknen ließ, ein Frühsommer, der das Land in Wassermassen begrub – und nun Sonne, als wäre nichts geschehen? Verhält sich das Wetter nicht wie ein höhnischer Onkel, der die Familie zu Kaffee und Kuchen auf die Terrasse lädt, nachdem er sie zuvor um Glück und Obdach gebracht hat?

Früher war das Wetter Schicksal, heute womöglich Menschenwerk

Im Süden und Osten Deutschlands, in Österreich und Tschechien wird die Sonne auf Stätten der Vernichtung strahlen, im Norden, wenn die Elbe weiter steigt, womöglich neue Katastrophen kalt ausleuchten. Man kann leicht verstehen, dass die verbitterten Menschen in heidnischer Zeit das Wetter der Willkür der Götter, dem launischen Zeus und seinem mürrischen Bruder Poseidon zuschrieben. Das Alte Testament, das die launische antike Götterbande durch einen gütigen Schöpfergott ersetzte, hat diesen mit gutem Grund erst mal eine Verzichtserklärung unterschreiben lassen, was das blindwütige Wettermachen anlangt. Seine Unterschrift war bekanntlich der Regenbogen, der nach dem Ende der Sintflut erschien.

Aber mit Überschwemmungen und Dürren war es deswegen noch nicht vorbei. Es zeigte sich, dass auch der neue, gütige Gott sehr zornig werden konnte, wenn er an die Sünden der Menschheit dachte. Erst Aufklärung und Wissenschaften konnten plausibel machen, dass in Wetterkatastrophen nicht notwendig Schuld und Verstrickung der Erdenbewohner steckten; es gab auch die Luftströmungen, die Hoch- und Tiefdruckgebiete, die in Stürmen und Gewittern nach gefährlichem Ausgleich suchten.

Indes könnte es, wenn nicht alle Zeichen trügen, mit diesen gnädigen Entlastungsstrategien der meteorologischen Wissenschaft schon wieder vorbei sein. Die Experten, wenn sie die Überschwemmungen unserer Zeit erklären, verweisen gerne auf die begradigten Flüsse, auf die vom Asphalt versiegelten Landschaften, auf die steppengleichen Flächen der modernen Landwirtschaft – mit anderen Worten: auf Menschenwerk. Menschenwerk sind auch die Staudämme, die anderswo für Dürre sorgen, die abgeholzten Wälder und die berühmten Treibhausgase, die den natürlichen Ausgleich der Atmosphäre zerstören. Erst recht aber gerät der Mensch ins Visier der Wetterfahnder, wenn es um nichts anderes geht als sein zahlreiches Vorhandensein: sein Atmen, das schädliches Kohlendioxid erzeugt, sein Vieh, das Kohlendioxid erzeugt, sein Heizen und vor allem sein Autogefahre und Warentransportgewerbe, die beide zusammen noch viel mehr Kohlendioxid in die Luft blasen. Der Mensch vermehrt sich und damit das Unheil, das seine unmittelbaren und mittelbaren Ausdünstungen, sagen wir ruhig: Abgase für das globale Wettergeschehen bedeuten.

Klimawandel ist der Begriff, unter dem man die menschengemachte Wetterentgleisung gerne fasst, und leider passt, was wir 2013 bisher erlebt haben, recht gut in ein Szenario, das manche Experten für eine zunehmende Erderwärmung durch Kohlendioxid entworfen haben. Es soll nämlich nur in den bisher schon heißen und trockenen Gegenden noch heißer und trockener werden, in den gemäßigten Zonen dagegen nicht wärmer, sondern nur feuchter. Wenn das stimmt, hätte der amerikanische Präsident Barack Obama durchaus recht, die Dürre im Westen seines Landes ebenso wie die Regenfluten im Osten als Zeichen des Klimawandels zu lesen – was im politischen Geschäft natürlich auch heißt, die unbelehrbaren Treibhausgasliebhaber unter seinen republikanischen Gegnern dafür verantwortlich zu machen.

Wenn der Mensch schuld am Wetter wird, lassen sich ganz neue ideologische Schlachten schlagen. Es ließe sich auch, wenn man nicht nach Gut und Böse sortierte, sondern die Menschheit kollektiv verantwortlich machte, eine neue Theorie der Erbsünde formulieren. Die Wetterschuld, die sich damit vor uns auftürmte, wäre so ungeheuerlich, dass man jene Experten versteht, die umgekehrt nichts unversucht lassen, alle Regen- oder Dürrekatastrophen auf die natürliche Schwankungsbreite der Wetterstatistik zurückzuführen. Alles schon mal da gewesen! Ob es damit gelingt, den schrecklichen Verdacht wieder aus der Welt zu schaffen, dass der Mensch der schlimmste Wettermacher von allen sein könnte, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlicher ist die Rückkehr zur trostlosen Einsicht des Sophokles, dass vieles ungeheuerlich sei, aber nichts ungeheuerlicher als der Mensch.

Was das heißt? Wir sind der Wettergott selbst und können uns nur selbst beklagen.

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