Wenn das Wasser geht, beginnt das eigentliche Drama, heißt es. Dann werden die Verwüstungen sichtbar, das ganze Ausmaß der Katastrophe. Dann erst wissen die Menschen, wann sie wieder in ihre Häuser werden zurückkehren können. Und ob sie überhaupt werden zurückkehren können.

Grimma in Sachsen, 30.000 Einwohner, zwanzig Autominuten von Leipzig entfernt: Hier beginnt das Drama früher; als das Wasser noch da ist – und als es in der eilig errichteten Notunterkunft das erste Mal um die Frage geht, wer denn die Schuld daran trage, dass die Altstadt schon wieder überflutet ist, zum zweiten Mal binnen elf Jahren.

Grimma liegt an der Mulde, einem Nebenfluss der Elbe. 2002 gab es hier eine "Jahrhundertflut", von der die Bewohner glaubten, sie werde die einzige in ihrem Leben bleiben. Jetzt mussten 2.500 Bewohner von Grimma ihre Häuser und Wohnungen verlassen, die meisten sind zu Freunden oder Verwandten geflüchtet – und einige in die städtische Notunterkunft, eine Turnhalle mit 170 Feldbetten. Es riecht nach Erbseneintopf, die Leute spielen Karten oder stricken, Hunde schlafen unter den Liegen, Kinder turnen auf Weichbodenmatten und malen Bilder, auf denen die Sonne scheint.

An einem Biertisch in der Halle sitzt ein Rentnerehepaar, den beiden gehört ein Haus in der Altstadt. Sie hatten es nach der letzten Flut grundsaniert. Sie sagt: "Ich schaffe das kein zweites Mal." Und er: "Wir zahlen noch den Kredit vom letzten Hochwasserschaden ab." Sie haben Angst, dass die Hilfsbereitschaft nicht so sein wird wie 2002.

Seit das Hochwasser den Süden und Osten Deutschlands geflutet hat, ist viel vom Zusammenhalt der Bewohner die Rede, von mitfühlenden Politikern und Solidarität. Zehntausende Helfer sind in den Krisengebieten im Einsatz, sie schleppen Sandsäcke, packen mit an, wenn ganze Familien ihre Häuser verlassen müssen, bauen die Feldbetten in den Notunterkünften auf. Im bayerischen Passau stieg das Wasser der Donau so hoch wie zuletzt vor 500 Jahren. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hat die Flut Tausende Menschen vertrieben. In Niedersachsen bereitet man sich auf einen Rekordstand der Elbe vor.

Es ist eine Naturkatastrophe gewaltigen Ausmaßes, und der symbolträchtigste Ort in diesen Tagen ist Grimma – eine Stadt, die viele Deutsche auf der Landkarte auf Anhieb wohl nicht finden würden. Hier, so will es die Legende, sicherte sich Gerhard Schröder 2002 die Wiederwahl als Kanzler, als er in Regenmantel und Gummistiefeln über Sandsäcke stieg und Feuerwehrleuten die Hände schüttelte. Hier ließ er sich ein Jahr später, nach der gewonnenen Wahl, von den Bürgern feiern.

Auch in Grimma haben die Menschen zusammengehalten, als das Wasser kam, haben Koffer geschleppt und Suppe gekocht. Aber in Grimma hat das Hochwasser auch einen Streit unter den Bewohnern entfacht. Denn nach Schröders Besuch damals plante die Stadt, eine Hochwasserschutzmauer zu bauen. Grimma sollte gewappnet sein für die nächste Jahrhundertflut. Die Mauer sollte entlang des Flussufers gebaut werden, zwei Kilometer lang. Elf Jahre sind vergangen – und die Schutzmauer steht noch immer nicht.

"Es hat eine Nacht gedauert, bis die Berliner Mauer stand. Zehn Jahre, bis die Chinesische Mauer stand! Wie kann dann Grimma in elf Jahren nicht mal eine Schutzmauer bauen?", fragt ein älterer Mann, der in der Notunterkunft ausharrt.

Fragt man den sächsischen Innenminister, wieso die Mauer noch immer nicht steht, dann sagt er lang "äääh" und räuspert sich und sagt dann, es habe viele Abstimmungen gegeben, die Bürger hätten sich beschwert. Die Politiker geben den Bürgern die Schuld, sie hätten den Bau durch ihre Proteste verzögert. Durch Unterschriftenlisten. Bürgerinitiativen. Klagen.

In den Schriften der damals entstandenen Bürgerinitiative steht, dass die Mauer eine "Verschandelung des historischen Stadtbildes" sei. Dass man den freien Blick auf die Mulde "durch Schutzmauern versperrt bekommt". Einer, der sich gegen den Bau der Schutzmauer gewehrt hat, ist Dieter Wehner, ein Rentner, auch er musste in die Notunterkunft flüchten, sitzt jetzt mit am Biertisch in der Turnhalle. "Ich wollte den Mist nicht", sagt er. "Die Schutzmauer verdeckt die Sicht auf die historische Stadtmauer." – "Aber Dieter", sagt der Mann neben ihm. "Man muss doch zugunsten der Sicherheit auch mal auf historisches Gut verzichten!"

Vier Jahre dauerte es, bis die Planung und der Bau der Schutzmauer genehmigt wurden. 40 Millionen wird sie Sachsen am Ende kosten. Seit 2007 wird an der Mauer gebaut. Vergangene Woche, noch vor der Flut, teilte die Stadt Grimma auf ihrer Homepage mit, dass noch nicht einmal die Hälfte der Mauer fertig sei. Dann kam das Wasser.