Deiche erhöhen, den Flüssen mehr Raum geben, Bodenversiegelung reduzieren und Wohnungsbau in Gefahrenzonen vermeiden – man weiß heute, wie Hochwasserkatastrophen zu verhindern sind. "Wir haben aus den Erfahrungen gelernt, und man sieht Erfolge durchblitzen", sagt Torsten Schlurmann, Leiter des Franzius-Instituts für Wasserbau an der Universität Hannover.

Anders als bei der Jahrhundertflut 2002 sind die Deiche diesmal fast nirgendwo aufgeweicht oder gebrochen – ein Ergebnis der Verstärkungsmaßnahmen, für die Bund und Länder Hunderte Millionen Euro ausgegeben haben. Auch das Katastrophenmanagement funktioniert bei dieser Flut besser. "Die Einsatzpläne lagen schon fertig in den Schubladen", sagt Schlurmann, "Sandsäcke wurden dort eingesetzt, wo sie die meiste Wirkung erzielen." Die Bevölkerung habe besonnen reagiert. "In Passau haben Leute vorbeugend ihre Keller geflutet, damit der Schlamm später erst gar nicht eindringen kann."

Die großen Fehler der Vergangenheit sind allerdings noch lange nicht behoben. Im Zuge der Industrialisierung haben Deutschlands Flüsse 70 bis 80 Prozent ihrer natürlichen Überschwemmungsflächen eingebüßt, nur ein minimaler Teil davon wurde zuletzt zurückgewonnen. Am Rhein sind die schon 1990 in einem deutsch-französischen Vertrag vereinbarten Ausbauziele für Überschwemmungsgebiete noch nicht einmal zur Hälfte erreicht worden.

Auch die Rückhaltefähigkeit der Böden nimmt weiter ab. "Viel zu schwere Maschinen in der Land- und Forstwirtschaft verdichten den Boden", beklagt Winfried Lücking, Wasserexperte des BUND. Natürliche Wasserrückhaltung sei zwar "eine der drei Säulen des bayerischen Hochwasserschutzkonzeptes 2020", kritisiert sein bayerischer Kollege Richard Mergner, "doch diese Säule existiert hauptsächlich in Reden". Die oberbayerischen Moore sind enorm wichtige Puffer für Starkregen, doch geschehe viel zu wenig für ihre Renaturierung.

Kritik kommt auch aus den Niederlanden. Der Hydrologe Hubert Savenije von der Universität Delft beklagt die deutsche Kleinstaaterei beim Deichbau. Tatsächlich legt jedes Bundesland eine eigene Kronenhöhe fest. "Aber Hochwasserschutz sollte sich nicht an lokalen Interessen, sondern am Allgemeinwohl orientieren", sagt Savenije. In den Niederlanden richtet sich die Deichhöhe nach einer streng volkswirtschaftlichen Rechnung: Je größer der Wert der Infrastruktur hinter dem Deich, desto höher wird er gebaut.

Die Bundesregierung hat prüfen lassen, ob diese Idee importiert werden könnte. Ergebnis: Nicht durchsetzbar. So bleibt es bei den alten Zuständen: Je höher und stabiler die Deiche in Sachsen gebaut werden, desto größere Probleme bekommen weiter stromabwärts Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.