Es packt einen der schiere Zorn, wenn man sieht, wie dieser Tage in Istanbul und in anderen türkischen Städten die staatliche Macht demonstrierende Bürger angreift. Das will also das Land sein, dessen Regierung stolz von sich behauptete, der einzigen islamischen Demokratie vorzustehen. Dessen Premierminister Tayyip Erdoğan Syriens Diktator noch vor Kurzem ermahnte, auf die Stimme seines Volkes zu hören. Viele arabische Revolutionäre hatten sich die Türkei zum Vorbild genommen. Sie sahen ein modernes islamisches Land. Der Westen wiederum erblickte in der Türkei lange einen verlässlichen Partner, der eine Brücke zum arabisch-muslimischen Raum sein konnte.

Natürlich gab es Vorbehalte, als Erdoğans Partei AKP vor mehr als zehn Jahren an die Macht kam: eine islamisch-konservative politische Kraft an der Spitze des bisherigen laizistischen Bollwerks gegen die unberechenbare muslimische Welt! Und doch brachen in der Türkei verknöcherte Strukturen auf. Man kann es sich heute kaum vorstellen, aber mit der AKP hat der Staat einen nie da gewesenen Wandel durchgemacht.

Plötzlich war da die Rede von mehr Rechten für Minderheiten; es sah aus, als könnte es eine Aussöhnung geben zwischen frommen Türken und ihren streng laizistischen Landsleuten, die auf jedes Kopftuch in der Öffentlichkeit allergisch reagierten; Intellektuelle und Journalisten begannen, das Wort "Genozid" in den Mund zu nehmen, wenn von den Armeniern die Rede war. Und das Ausland? Es vertraute Erdoğan und investierte kräftig, besonders Deutschland. Der Türkei geht es heute besser als vielen EU-Ländern.

Nun also Wasserwerfer, Schlagstöcke, Gummigeschosse, Tränengas. Tote und Verletzte. Und ein Premier, der inzwischen selbst zum verhassten Establishment gezählt wird – einem turbokapitalistisch-muslimisch-spießigen Establishment, das mit immer mehr Regeln das Leben der Bürger bestimmen will (Nicht trinken! Nicht öffentlich küssen! Drei Kinder pro Frau!).

Dennoch erleben die Türken notwendige und gute Tage für ihre Demokratie. Dieser Protest wird von jungen, urbanen, von allen Parteien enttäuschten Mittelschichtlern angeführt, deren Ziele offenbar auch für ihre Mütter und Väter anschlussfähig sind: Die Wuttage von Istanbul zeigen eine lebendige Zivilgesellschaft. Tausende sind auf der Straße, und wer nicht demonstriert, der hilft auf andere Weise: Apotheker verbreiten über Facebook Rezepturen zur Behandlung von Tränengasverletzungen; Cafébesitzer teilen kostenlos Tee und Börek aus.

Sie alle fühlten sich schon mal freier in den vergangenen zehn Jahren. Deshalb ist dies auch kein "türkischer Frühling", der Taksim-Platz ist nicht der Tahrir-Platz, die Türkei ist nicht Ägypten. Sie ist zwar keine gewachsene Demokratie, aber eine, die wächst. Der türkische Staat kann nicht einfach durchregieren. Die Bürger wehren sich. Und das Ausland schaut genau hin. Die Türkei ist politisch und emotional Europa zu nah, als dass man wegschauen könnte.

Aus diesen beiden Gründen braucht auch niemand zu verzweifeln. Die Türkei geht uns nicht verloren. Im Gegenteil: Die Wutbürger von Istanbul sind eine Hoffnung. Gerade jetzt sollten die europäischen Politiker überlegen, wie sie die Türkei noch enger an Europa binden und den demokratischen Druck der Protestler aufrechterhalten können.