Staatsbesuche gibt es jeden Tag. Dieser aber sollte zur Legende werden – obwohl zunächst nichts darauf hinwies. John Fitzgerald Kennedy, seit dem 20. Januar 1961 der 35. Präsident der USA und mit 43 Jahren der jüngste in dieses Amt gewählte Politiker (und der erste Katholik), hatte für das Frühjahr 1963 eine Reise nach Irland, England und Italien geplant. Da lud ihn Bundeskanzler Konrad Adenauer ein, doch auch nach Bonn zu kommen.

Kennedy kannte Deutschland; er hatte es schon in jungen Jahren besucht. Zuerst im August 1937 als 20-jähriger Student, gemeinsam mit seinem Freund Lem Billings. Aus Italien kommend, reisten die beiden nach Bayern und fuhren dann an den Rhein; im Kölner Dom ging Kennedy zur Messe.

Die Deutschen gefielen ihnen nicht sonderlich. "Sie sind arrogant; die ganze Rasse ist arrogant, sie fühlen sich allen überlegen und zeigen das auch, sie sind unerträglich. Wir haben schlimme Erfahrungen mit ihnen gemacht", notierte Billings. Um das "Heil Hitler"-Getue der Nazis zu persiflieren, antworteten sie jedes Mal mit "Hi ya Hitler". Die Jugendherbergen waren, wie Kennedy später erzählte, voll "arroganter, übel riechender Deutscher". Dennoch blieben Hitler und die Hitlerjugend nicht ohne Eindruck auf Kennedy.

Zwei Jahre später kam er nach Berlin und noch einmal nach München, wo er allerdings von SA-Leuten angepöbelt wurde, als diese sein Auto mit britischem Kennzeichen bemerkten. Es war der letzte Besuch vor dem Krieg. Doch gleich im Juli 1945 reiste Kennedy (der als Soldat im Pazifik gegen die Japaner eingesetzt war) erneut nach Deutschland, diesmal in der Entourage des Marineministers James Forrestal. In Potsdam stießen sie zur Delegation von Präsident Harry S. Truman, der dort mit Stalin und Englands Premier Attlee über die Neuordnung Europas konferierte. Kennedy fuhr durch Berlins zerstörte Innenstadt und registrierte den Leichengeruch der immer noch – "sweet and sickish"– über einigen Straßen lag.

Weiter ging es nach Bayern, ins unversehrt gebliebene Berchtesgaden. Sie besichtigten die Ruinen von Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg und das luftige Kehlsteinhaus, wo Kennedy ins Schwadronieren geriet. Hitlers "grenzenloser Ehrgeiz für sein Land" habe ihn "zu einer Bedrohung für den Frieden in der Welt" gemacht. "Und doch", so notierte der junge Amerikaner nach wie vor sonderbar fasziniert, "hatte Hitler etwas Geheimnisvolles, in seiner Weise zu leben und in seiner Art zu sterben, das ihn überdauern und weiter gedeihen wird. Er war aus dem Stoff, aus dem Legenden sind."

Zum Freund der Deutschen hatten die Besuche Kennedy im Reich kaum gemacht, zumal er auch späterhin nie vergessen konnte, dass sein älterer Bruder Joseph P. ("Joe") 1944 im Krieg in Europa ums Leben gekommen war. So verwundert es nicht, dass gleich nach seinem Amtsantritt Anfang 1961 im Weißen Haus entschieden wurde, den Begriff "deutsche Wiedervereinigung" nicht länger in Papieren für den Präsidenten zu erwähnen. Es hieß nun "Selbstbestimmung für Deutschland".

Adenauer deutet einen Verzicht auf die deutschen Ostgebiete an

Im April 1961 traf Kanzler Adenauer – inzwischen 85 Jahre alt – erstmals Kennedy in Washington. Im Schlusskommuniqué heißt es schlicht, die Freiheit der Bevölkerung von West-Berlin soll erhalten bleiben. Kein halbes Jahr später, am 13. August, ließ SED-Chef Walter Ulbricht die Mauer errichten.

Doch beeinträchtigte der Bau keine Interessen der Westmächte. Genauso reagierten sie auch: überhaupt nicht. Anfang 1962 erreichte die Krise im deutsch-amerikanischen Verhältnis einen Höhepunkt. In Bonn wurde bekannt, dass die Amerikaner die Einrichtung einer neuen Behörde planten, die alle Transitautobahnen durch die DDR kontrollieren sollte. Dabei wollten sie auch DDR-Vertreter akzeptieren. Adenauer, der strikt an seiner Politik der Nichtanerkennung des zweiten deutschen Staates festhielt, konnte das ganze Unternehmen nur mit größter Mühe verhindern.

Von nun an setzte er auf den französischen Präsidenten Charles de Gaulle. Die neue Hinwendung zu Frankreich gipfelte im Élysée-Vertrag vom Januar 1963 – der wiederum in Washington zu einer "tiefgreifenden Beunruhigung" führte, wie der deutsche Botschafter berichtete. In dieser Situation lud Adenauer Kennedy nach Bonn ein. Ein Arbeitsbesuch war geplant; Kennedys hochschwangere Gattin Jacqueline blieb in Washington.