Haariges Thema. Das nackte Männerbein ist aus dem Fokus geraten, mindestens seit – wann? Meine Mutter pflegte zu sagen, dass sie sich in die Beine meines Vaters verliebt habe (so sportlich! so wohlskulptiert), was mich schon als kleines Mädchen so schockierte, dass ich vergaß nachzufragen, bei welcher Gelegenheit man sich etwa 1944 in die nackten Beine eines Mannes verlieben konnte. Nun gut, es war Krieg. Jetzt ist fast Sommer. Und man sieht sie überall. Nackte Männerbeine. Nicht auf den Straßen, Gott hat noch den Daumen auf der Temperaturkurve, aber rechts und links daneben, hinter Glas, wie auf dem Sprung.

Man geht durch die Straßen und sieht bei H&M ein Himbeersakko zu beigefarbenen Shorts. Daneben: taubenblaues kurzes Beinkleid, mit oben Creme, einreihig geknöpft, schmales Revers. Man sieht beim exklusiven Herrenausstatter wild abgefahrene Muster bei Beinkleidern, die es nicht zu den Knöcheln schaffen und Waden bloßlegen, deren Schwung zu schmalen Hemden kombiniert wird. Nicht bei Boss natürlich, bei Boss wirkt ja schon ein nachtblauer Anzug über sich selbst erschrocken. Cos kombiniert ein elegantes Bomber Jacket (Retrostrick melange) zu dunkelblauen Shorts, die etwa eine Handbreit über Knie enden. Neue Fragen stellen sich. Wie kurz darf, wie lang muss es sein? Welche Farbe geht noch, man sieht ein sehr, sehr kurzes Teil in Nude (dt. "nackt"), eine Farbe, die Kate Middleton für Highheels in Lack einführte. Der stilbildende Andrew Bolton, Fashion Kurator des New Yorker Metropolitan Museum, dachte noch, er könne diesen feuchten Frühling im knöchellangen Hochwasser-Flanell durchqueren, was jetzt kommt, ist bester Sandy-proof. Hosen, die Wogen von Blicken standhalten sollten.

Die Wirkung der kurzen Hose für den Mann wird ihn beschäftigen. Nimmt sie, gibt sie Männlichkeit? Wie hip wäre Verweigerung? Könnte es im Wahlkampf neue Akzente setzen, müsste etwa auch Merkel Bein zeigen, wenn Steinbrück sich vorwagte? Werden Haare wichtig, wenn ja, in welchem Ton? Und: Wie viele Stimmen kosten blanke Spargelbeinchen, vor allem: wessen Stimmen? Von Rentnern? Erstwählern? Muslimen? Was passiert bei luftumspülten Beinen mit Testosteron, wirken Shorts ähnlich kastrierend wie das gefürchtete Tragen von Büro-Kaffeekannen durch Männerhand?

Das muss natürlich nicht sein. Heinrich VIII. trug kurz, und zwar Ballonhöschen, und niemand hätte gedacht, er sei schwul. A propos schwul: Spannend wird es, wenn das Bundesverfassungsgericht demnächst schwule Paare in den Genuss der steuerlichen Subvention der Hausfrauenehe heben wird. Es wird sich zeigen, ob Männer, wie heute nur Frauen es tun, die Nichtausübung einer Berufstätigkeit als sexuell anschmiegsame Rolle interpretieren – kurz: Wer trägt demnächst Höschen? Anders gefragt: Wie schwul darf Männlichkeit werden?

Bei Dior Homme laufen noch langhosige, schmoll-lippige Toy-Boys, an denen das Härteste das Leder ihrer bulligen Reisetaschen ist. Bei Mad Men wäre Don Draper in Shorts unvorstellbar. Aber Roger Stirling – wie cool wäre das denn, weißes Haar zu elegantem Shorts-Suit? Schon sinken die Ladys auf die Designercouch, aufseufzend.

Wie wird es weitergehen? Mit kleinen Absätzen? Goldenen Schnallen, einem kriegerischen Musketier-Look? Hohen Absätzen, der schlanke Corpus überzogen mit babyviolettem Flaum, mit dem das Modehaus Céline dieses Frühjahr die Frauen auf die Pirsch schickt? Männer! Fürchtet euch nicht, es wird sehr, sehr hübsch.