Thea Westreich gehört zu den bekanntesten Kunstberaterinnen der USA und betreut mehrere international agierende Privatsammlungen. Sie und ihr Mann Ethan Wagner haben zudem selbst eine rund 850 Werke umfassende Sammlung zeitgenössischer Kunst zusammengetragen, die sie kürzlich anteilig dem Whitney Museum in New York und dem Centre Pompidou in Paris vermachten. Im Phaidon Verlag hat das Paar jetzt – in englischer Sprache – das Buch "Collecting Art for Love, Money, and More" veröffentlicht.

DIE ZEIT: Im Mai verkaufte Christie’s in New York allein an einem Abend Gegenwartskunst im Wert von einer halben Milliarde Dollar. Es war die umsatzstärkste Auktion der Geschichte. Haben Sie für Ihre Kunden mitgeboten?

Thea Westreich: Wir haben bei einem halben Dutzend Losen mitgeboten, aber keines davon ersteigert. Wir suchen für unsere Kunden nach Werken, die in ihre Sammlung passen, und recherchieren dann einen vernünftigen Preis, bis zu dem wir mitsteigern. Bei dieser Auktion übertrafen die Gebote allerdings bei Weitem jeden angemessenen Wert. Übrigens auch für solche Kunstwerke, die gerade nicht in Mode sind. Der Galerist Larry Gagosian fragte sich nach der Auktion verwundert, ob im Saal Crack versprüht worden sei.

ZEIT: 58 Millionen Dollar für eine recht kleine Papierarbeit von Jackson Pollock sind also zu viel?

Westreich: Es gibt nur 147 Drip-Paintings von Jackson Pollock aus den vierziger Jahren. Wenn Sie unbedingt eines davon besitzen wollen, zahlen Sie dafür jeden Preis. Man könnte sich aber auch die Frage stellen: Will man einen einzelnen Pollock so teuer kaufen, oder baut man mit demselben Geld eine ganze Kunstsammlung auf?

ZEIT: Wer zahlt so viel Geld? Woher rührt der neue Boom auf dem Kunstmarkt?

Ethan Wagner: Heute gibt es einfach mehr Künstler, Galeristen, Kunstbegeisterte und Sammler als je zuvor. Im obersten Preissegment funktioniert Kunst zudem als Investment. Reiche wollen durch den Kunstkauf ihr Vermögen schützen.

ZEIT: Verschaffen die hohen Preise der Kunst mehr Aufmerksamkeit? Oder lenken sie eher von ihr ab?

Wagner: Wenn die Preise für junge Künstler hochschießen, dreht sich die Aufmerksamkeit nicht mehr um die Qualität der Kunstwerke, sondern um die Qualität der Preise. Das passiert schnell, es geschieht über Nacht. Manchen Künstlern gefällt das, für viele ist es ein Problem. Denn es ist ungeheuer schwer, die hohen Preise auch auf Dauer zu halten. Wenn Preise plötzlich wieder sinken, kann der Markt für solche Künstler schnell komplett zusammenbrechen.

ZEIT: Der Titel Ihres Buches lautet: Collecting for Love, Money and More. Kann man die Werke eines Künstlers überhaupt noch aus reiner Liebe sammeln, wenn die Preise in die Millionenzone steigen? Zwingen einen diese Summen nicht zu einem ökonomischen Denken über die Kunst?

Wagner: Wenn ein Künstler, den Sie lieben, sehr teuer wird und Sie nur ein begrenztes Budget haben, sind Sie raus aus dem Markt. Das passiert uns selbst regelmäßig. Es war ein enttäuschender und schwieriger Moment, als wir uns Gemälde von Christopher Wool nicht mehr leisten konnten. Dann muss man sich in neue Künstler verlieben.