So beeindruckend Marko Feingold als Mensch ist, so wenig imposant ist seine Erscheinung. Vergangene Woche hat der klein gewachsene Mann, der vier Konzentrationslager überlebte und dennoch die Lust aufs Leben nicht verlor, seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Noch immer kommt er regelmäßig in die Synagoge in der Salzburger Lasserstraße. Nach wie vor ist er Präsident der Salzburger Kultusgemeinde. Und er geht gern zu Fuß.

Nur abends, auf dem Nachhauseweg, kriege er es manchmal mit der Angst zu tun: "Dass hinter mir einer kommt und mich erschlägt, weil die Versicherung schon so lange meine Pension zahlen muss. Mit so einem langen Leben habe ich nicht gerechnet – und die anderen auch nicht."

Sein Humor ist entwaffnend und unbarmherzig komisch. Der Schalk sitzt ihm im Nacken. Immer wieder schimmert aber Ernst durch, wenn Feingold aus seinem Leben erzählt. Bitterer Ernst. Er grüble ständig über seine Vergangenheit nach, sagt er. So oft es geht, erzählt er in Vorträgen von ihr. "Das hält mich auf den Beinen. Das ist mein Stolz." Immer noch spricht er wie ein Wasserfall. Es sind allerdings nur zwei Wörter, mit denen er seine Lebensgeschichte oft zusammenfasst: Glück und Zufall.

Feingold, 1913 in Neusohl, in der heutigen Slowakei geboren, absolvierte eine Handelslehre in Wien, ging 1932 mit seinem Bruder Ernst nach Italien und machte dort mit dem Verkauf von Putzmitteln ein Vermögen. Sie lebten in Saus und Braus. Marko wechselte dreimal täglich die Kleidung. Ein Lebemann und guter Tänzer, der den Frauen gefiel. Im Februar 1938 kamen die Brüder nach Wien, um ihre Pässe verlängern zu lassen. Doch zunächst genossen sie den Fasching. "Dann war auf einmal der 13. März da." Adolf Hitler zog im Triumphzug in Österreich ein. Die Feingold-Brüder flohen, so rasch sie konnten, gerieten allerdings im folgenden Jahr in Prag in die Fänge der Nazibesatzer und wurden nach Auschwitz deportiert. Über die Konzentrationslager Neuengamme und Dachau kam Feingold 1942 nach Buchenwald. Sein Bruder überlebte nicht. "Im KZ gab es nur dunkle Stunden. Vom ersten Tag an wurde mir beigebracht, ich hätte nur noch ein paar Monate zu leben, dann ginge ich durch den Kamin. Ich wurde Maurer und hatte Glück. Dass es mit dem Verbrennen nichts wurde, verdanke ich Zufällen."

Nach der Befreiung des Lagers verschlug es Marko Feingold an die Salzach. In einem Bus voller abgemagerter Gestalten war er sitzen geblieben, bis ihm in Salzburg klar wurde, dass die Grenze zu Deutschland nicht mehr weit war. Er fand ein Übergangsquartier. In St. Peter, wo Essen für ehemalige KZ-Häftlinge verteilt wurde, ging es turbulent zu. "Einmal stieg ich auf einen Sessel, da hieß es plötzlich – der wird das jetzt führen. Es waren 550 Leute zu verpflegen." Feingold organisierte Lastkraftwagen, trieb Salat, Kartoffeln und Gemüse auf. Bald griffen auch die Amerikaner auf sein Organisationstalent zurück. Gemeinsam mit der Untergrundorganisation Bricha half er, Juden, die nach Palästina wollten, nach Italien zu schmuggeln.

Er selbst blieb in Salzburg, wo Österreichs einzige Bücherverbrennung stattgefunden hatte, und eröffnete ein Modegeschäft. Ob es schwer gewesen sei in einer Stadt Fuß zu fassen, die nachhaltig antisemitisch war? "Was heißt war? Ist und bleibt – für die nächsten hundert Jahre!", poltert Feingold unversöhnt."Salzburg hat eine ganz schiache Rolle gespielt nach 1945. Die großen Nazis sind hier hängen geblieben und wurden toleriert." Und doch habe sich vieles gebessert, räumt Feingold, der Kämpfer, schließlich ein.

Als 1977 der damalige Präsident der Kultusgemeinde starb, ging Feingold in Pension. Weil sonst niemand da gewesen sei, habe er einspringen müssen.

Erst vor 30 Jahren begann er Buch über seine Auftritte zu führen. Seither habe er vor 6.000 Schulklassen gesprochen und Vorträge für 50.000 Erwachsene gehalten. Er will aufklären. Denn die österreichische Geschichte sei noch immer nicht richtig aufgearbeitet worden. Auch die Opfer hätten zu lange geschwiegen. Feingold holt gern weit aus, spricht über Dollfuß, Mussolini – und schimpft über Karl Renner, den ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik. Nach dem Karl-Lueger-Ring müsse auch der Renner-Ring in Wien umbenannt werden, fordert er: "Wie kann ein guter Österreicher beim Anschluss sagen, ich bin dafür? Der muss ja gewusst haben, was zwischen 1933 und 1938 in Deutschland passiert war. Er hätte nie Bundespräsident werden dürfen."

Auch die Geschichtsvermittlung an den Schulen kritisiert Feingold. Noch immer würden viele Lehrer mit dem Stoff bei 1918 enden, meint er: "Das andere trauen sie sich nicht zu unterrichten – weil es da Parteienkonflikte gibt. Der Rote schimpft auf den Schwarzen und der Schwarze auf den Roten."

Die dritte Generation nach dem Holocaust wisse nichts über die Nazizeit. "Die erste hatte Angst, darüber zu sprechen. Deren Kinder haben nichts erfahren, und die Kinder dieser 50-Jährigen kommen jetzt zu mir und wollen was wissen", sagt er.

Am Abend geht Feingold nur noch selten aus. "Im gesetzten Alter ist das nicht mehr so wie mit 20, dass man jeden Abend tanzen gehen muss." Am 3. Juni hält er dafür wieder einen Vortrag. Bis dahin hat er "Urlaub" und erholt sich von seiner Geburtstagsfeier. Es war der schönste Tag im Mai. Die Sonne lachte vom Himmel. "Ich habe in der Zeitung inseriert, um mich bei allen Beteiligten zu bedanken. Nur wem soll ich für das Wetter danken?" Dem lieben Gott? "Ich weiß nicht. Kennen Sie seine Adresse?"