Die massive Gewalt der türkischen Polizei in Istanbul macht mich traurig und wütend. Als die ersten Bulldozer im Gezi-Park anrückten, um Bäume zu fällen, wurden sie dort von friedlichen Demonstranten empfangen: Es war ein buntes Grüppchen von Umweltschützern, Liberalen, Linken, Feministinnen und sogar einigen AKP-Wählern. Sie waren nicht unbedingt politisch, ihr gemeinsames Ziel war nur, eine der letzten Grünflächen in dieser 14-Millionen-Stadt zu erhalten. Die ganze Aktion erinnerte an Occupy Wall Street: Zelte wurden aufgestellt und Bäume bewacht.

Die brutale Polizeirazzia begann am frühen Morgen. Als die Bilder der Jugendlichen, die dem Tränengas und Pfefferspray ausgesetzt waren, durchs Netz gingen, waren Tausende Bürger entsetzt. Ihre Wut hat die Büchse der Pandora geöffnet, in der viel alte, angestaute Wut steckte. Innerhalb von acht Stunden wurden dann zwei Millionen Tweets über die Gewalt im Gezi-Park verschickt. Selbst Leute, die sich als nicht politisch bezeichnen würden, sind auf die Straße gegangen. So ist aus einer Umweltschutzaktion eine türkeiweite Demonstration gegen die Regierung geworden.

Im Westen spricht man sofort vom "Türkischen Frühling" oder "Türkischem Sommer". Ich finde diese Analogie zweifelhaft. Die Türkei ist anderen Ländern im arabischen Raum zwar in vielerlei Hinsicht ähnlich, aber es gibt auch zahlreiche Unterschiede. Die Türkei hat eine lange Tradition der Moderne, Verwestlichung, Pluralität, Säkularität und Demokratie. Auch wenn vieles nicht ausgereift ist, kann die Türkei solche Konflikte friedlich lösen.

Die Regierungspartei AKP war in den vergangenen zehn Jahren enorm erfolgreich und hatte viel Rückhalt in der Bevölkerung, zum Teil sogar bei den liberalen Intellektuellen. Man war die von oben diktierte Politik der Kemalisten leid. Die AKP war EU-freundlicher, als die kemalistische Elite es je war. Die AKP schien die Stimme des Volkes zu sein, nicht die der Privilegierten. Doch der Erfolg hat die Partei überheblich werden lassen und blind für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Gesellschaft. Besonders jene, die die AKP nicht gewählt haben – immerhin 50 Prozent –, fühlen sich fremd im eigenen Land. Viele befürchten, dass der Staat sich zu sehr in ihr Leben einmischt – vom Alkoholverbot bis zum Ratschlag, sich nicht mehr öffentlich zu küssen.

Das hier ist kein Türkischer Frühling, aber ein wichtiger Scheidepunkt, an dem es nur einen Weg nach vorne gibt: die Besinnung auf Menschenrechte, Frauenrechte und eine pluralistische Demokratie.

Elif Shafak ist eine vielgelesene türkische Autorin

Aus dem Englischen von Sarah Schaschek