Man kann es mögen oder nicht: Wir leben in einer Welt, in der Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist. 18 Seiten in der ZEIT zu unserer Arbeit sind da eine gute Nachricht.

"Mut ins Programm", hat Giovanni di Lorenzo in seinem Leitartikel gefordert. Er hat völlig recht. Wir brauchen mehr Mut. Mehr kreative Formate. Mehr Überraschungen. Unser Freitagabend ist oft zu seicht (leicht darf er sein), der Vorabend im Ersten überzeugt sowohl in der Qualität wie in der Quote bisher nicht, und auch die Samstagabendunterhaltung ist nicht immer so, wie sie sein sollte.

Di Lorenzo fordert eine lustvolle Debatte darüber, was wir sein wollen und was wir sind. Ja, er hat recht. Diese Debatte brauchen wir, wir führen sie auch. Man kann dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk viel vorwerfen, aber keine übertriebene Konsenskultur. Wir diskutierten oft und leidenschaftlich über Sendeplätze, Inhalte, Talkshows und über ganze Sender. Gern auch öffentlich.

Wo Menschen aus neun Sendern mitreden und noch Kollegen vom ZDF hinzukommen, gehört gepflegter Dissens zum Programm wie Tagesschau und Tatort. "Lutz Marmor, nehmen Sie diesen Vorschlag wieder vom Tisch", forderte kürzlich mein ZDF-Kollege Thomas Bellut, weil ihm der ARD-Vorschlag zur Zusammenarbeit bei den Digitalkanälen zu weit geht. Da haben wir zumindest den Medienjournalisten hochwertige Unterhaltung geboten. Natürlich erfordert der neue Rundfunkbeitrag, dass wir uns noch stärker der Kritik unseres Publikums stellen. Dieses Publikum sind allerdings nicht ausschließlich ZEIT -Autoren, die auf dem Titel die selbstreferenzielle Frage stellen: Ist das noch unser Fernsehen?

Ich möchte ein Zuschauerversteher sein. Ein Programm nur für Redakteure und Eliten wäre zutiefst undemokratisch. Deshalb wünsche ich mir mehr Mut auch von der Kritikerseite: mehr Mut zur Publikumsnähe, mehr Mut zu originellen Thesen und vor allem mehr Mut, Fakten in ihre Texte zu integrieren. Empiriefreie Thesen haben den Vorteil, dass sie auf den ersten Blick sexy und vorwärtsgewandt daherkommen. So ist das auch mit der Überschrift Dieses Fernsehen ist tot. Klingt knackig und überzeugend. "Ja, macht mehr Internet", dort lebt noch was!

Dieses gefühlige "Wir gucken doch alle nur noch online amerikanische Serien auf unserem Tablet" beschreibt vielleicht einen Teil der Lebenswirklichkeit junger Feuilletonisten. Die Realität ist eine völlig andere: Das Fernsehen ist immer noch das Leitmedium in Deutschland. Drei Stunden und 42 Minuten sieht der Deutsche im Schnitt pro Tag fern. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es immer noch zwei Stunden und 17 Minuten, auch wenn diese Gruppe das Internet 13 Minuten länger nutzt.

Die Menschen sehen insgesamt deutlich mehr fern als noch vor zehn Jahren. Und erfreulicherweise ist unser Marktanteil gleich hoch geblieben. Noch eine Zahl, die medienaffine Menschen gerne unter den Tisch fallen lassen: 24 Prozent der Deutschen sind immer noch offline. Das sind Beitragszahler, die wir nicht im digitalen Nirwana links liegen lassen wollen und können.

Sicher, wir möchten auch für Feuilletonisten Programm anbieten und müssen uns da anstrengen. Das in der ZEIT erwähnte Frühstücksfernsehen von Olli Dittrich läuft auch im Ersten. Die heute-show im ZDF ist bei jungen Zuschauern ebenfalls rekordverdächtig schnell zum Kult geworden. Der NDR sendet Extra 3 und den preisgekrönten Tatortreiniger, der Bayerische Rundfunk Quer . Am Ende soll aber nicht wenigen alles gefallen – wichtig ist, dass allen etwas gefällt.

Giovanni di Lorenzo hat einen konkreten Vorschlag: "Jeder Sender müsste sich zum Beispiel regelmäßig der Prüfung stellen: Wo haben wir ein Format erfunden, wo ein Moderationstalent aufgebaut?" Wir stellen uns dieser Prüfung sehr gerne. Alexander Bommes vom NDR oder Chris Guse vom RBB und Anna Planken vom WDR sind zum Beispiel solche Moderationstalente. Fast alle ARD-Sender haben Ideenwettbewerbe, in allen Programmen gibt es jedes Jahr neue Formate. So haben wir beim NDR 7 Tage entwickelt, bei dem junge Autoren eine Woche in eine fremde Lebenswelt eintauchen – sie gehen nach Auschwitz, auf den Bauernhof oder zum Bund. Dieses Jahr startet Krude TV, das im besten Sinne völlig gaga ist. Und der SWR hat den interaktiven Tatort erfunden.

Nicht alles landet auf dem Schirm, nicht alles Neue ist erfolgreich. Ich stimme dem designierten WDR-Intendanten Tom Buhrow zu, der sagt: Fehlermachen ist wichtig.

Uns ARD-Intendanten eint der Wunsch, dass unsere Programme gesehen werden, nicht weil wir "scharf auf Quote sind", wie uns Kritiker gern vorwerfen, sondern weil wir möchten, dass unsere wichtigen Inhalte nicht einsam in Schönheit sterben. Das schaffen wir, indem wir zum Beispiel beliebte Serien am Dienstagabend vor unseren Politikmagazinen senden. Das nennt sich "Audience Flow", Publikumsfluss, und es funktioniert.

Wir haben im vergangenen Jahr im Schnitt auf allen ARD-Kanälen zusammen 25 Stunden Dokumentation pro Tag gesendet. Mal zur Primetime, häufig nach 22 Uhr. Bei Arte laufen Dokus oft früher. Ich glaube, dass Zuschauer die anspruchsvollen Inhalte zur Hauptfernsehzeit finden können – eine Fernbedienung zu benutzen ist keine intellektuelle Herausforderung. Für die Menschen, die selbst Programmdirektor sein wollen, müssen wir neue Wege gehen. Ob das Label Einslike in unserer Mediathek für Jugendliche so ein Weg ist, wissen wir noch nicht. Wir müssen ausprobieren, was funktioniert. Das Gleiche gilt für den jungen Kanal, den die ARD gerne schnell mit dem ZDF auf den Weg bringen möchte.