Holger Härter wird kämpfen. Wer geglaubt hatte, ein sich über neun lange Monate hinziehendes Strafverfahren wegen Kreditbetrugs habe ihn mürbe gemacht und ein mildes Urteil sei für den einstigen Finanzchef von Porsche schließlich hinnehmbar, hat sich getäuscht. Der Prozess gegen ihn und einen Mitangeklagten vor der 11. Großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Stuttgart war am vergangenen Dienstag noch keine Minute zu Ende, da kündigte er an: "Wir gehen selbstverständlich in die Revision, und ich bin sicher, dass wir vor dem BGH gewinnen werden." Zu 180 Tagessätzen je 3.500 Euro, insgesamt also 630.000 Euro Geldstrafe hatte die Kammer ihn gerade verurteilt – ein "moderates Strafmaß", wie der Vorsitzende Richter Roderich Martis betonte, das der vermögende Angeklagte locker tragen könne.

Für die Ankläger war der Spruch eine herbe Niederlage – auch wenn die Richter ihnen die Schuld der Angeklagten im Grundsatz bestätigten. Oberstaatsanwalt Hans Richter hatte im Verfahren hoch gegriffen und klargemacht, dass er ein Exempel gegen die großen Finanzjongleure statuieren wollte. Nicht irgendeinen Individualschaden, den die Banken durch den vermeintlichen Kreditbetrug erlitten hätten, sondern ein Verstoß gegen das Funktionieren des Finanzsystems und das menschliche Zusammenleben sei zu sühnen – mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr zur Bewährung und einer Million Euro Geldauflage. "Wo wollen wir denn sonst Freiheitsstrafen verhängen, Hohes Gericht?", hatte der Ankläger plädiert, "es ist nicht der dringende Hunger, den wir beim Dieb strafmildernd berücksichtigen, wenn er Lebensmittel stiehlt, wenn er seinen komfortablen Arbeitsplatz und seine Boni retten will."

Die Staatsanwälte hatten nachweisen wollen, dass Härter im Jahr 2009 gegenüber der Bank BNP Paribas falsche Angaben gemacht hatte, um eine dringend benötigte Kreditverlängerung über zehn Milliarden Euro für Porsche zu bekommen. Der Stuttgarter Autobauer hatte sich während der weltweiten Finanzkrise bei dem Versuch übernommen, den ungleich größeren VW-Konzern zu übernehmen. Härter hatte das kühne Projekt durch ausgeklügelte Aktienoptionsstrategien angeschoben. Doch als es eng wurde, so die Ankläger, habe er der kreditgebenden Bank die Risiken seiner Strategien verschwiegen und den wahren Finanzbedarf als zu gering beziffert.

Um diesen Nachweis zu führen, war in 29 Verhandlungstagen mithilfe von Zeugen und Gutachtern um den Bedeutungsgehalt von finanztechnischen Begriffen wie Net Purchase Price und Nettoliquiditätsbedarf gerungen worden. Der Angeklagte Härter hatte in grafikgestützten Vorträgen, die eher an ein Seminar als an eine Gerichtsverhandlung erinnerten, seine Auslegungen dargeboten. Oberstaatsanwalt Richter hatte in einem Zeitungsinterview verlauten lassen, die Finanzmanager bedienten sich mittlerweile einer Spezialsprache, die man früher als "Rotwelsch" – mithin als Gaunerjargon – bezeichnet hätte. Ein Bankmanager hatte die Begriffsverwirrung mit dem Resümee lichten wollen, es komme letztlich darauf an, was "cash aus der Täsch" zu zahlen sei. Daran fand selbst der nüchterne Vorsitzende Martis jetzt in seinem Urteilsvortrag Gefallen – wenn alle den anschaulichen Begriff verwendet hätten, hätte man sich das aufwendige Verfahren womöglich sparen können.

Härters Strafverteidigerin Anne Wehnert, die das Verfahren mit fundierten Beweisanträgen und Prozesserklärungen geprägt und mit einem scharfen Plädoyer gekrönt hatte, nahm das Ergebnis weniger lustig. Das Gericht habe in neunmonatiger Beweisaufnahme nichts dazugelernt. Als ein wichtiger Sachverhalt sei zum Beispiel herausgekommen, dass das oberste Entscheidungsgremium der BNP in Paris über den Kredit an Porsche längst befunden hatte, ehe Finanzchef Härter jene Erklärungen gegenüber der Frankfurter Dependance abgab, auf die sich die Betrugsanklage stützte. Frankfurt habe, anders als das Gericht in seinem Urteil erklärtermaßen annehme, gar keine eigene Entscheidungsbefugnis gehabt.

Sinn des ganzen Verfahrens sei ohnehin gewesen, Holger Härter für einen weiteren Prozess weichzuklopfen. Gemeinsam mit Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking haben die Staatsanwälte in Stuttgart Ende 2012 gegen ihn Anklage wegen Marktmanipulation im Zuge der versuchten VW-Übernahme erhoben. Die Eröffnung des spektakulären Verfahrens wird für den Herbst erwartet. Weich geworden ist Härter allerdings offenkundig nicht.