Wie wichtig ein Zentimeter sein kann. Das Bangen jeder Viertelstunde, der Messwert, die Wasserhöhe, der Blick auf eine Zahl. Eine Zahl, die wenig aussagt, aber alles bedeutet: 721 Zentimeter. 722. 723. Die Elbe in Dresden, die Mulde in Grimma, der Pegel, das Wasser, die Angst. Werden es wieder mehr als neun Meter? Dresden zittert vor Tschechen-Welle titelte gerade die Bild- Zeitung. Geht die Welle über die Mauer? Geht unsere Stadt unter, geht unser Dorf unter, geht unser Haus unter – oder gleich das ganze Land? Das waren die Fragen der letzten Tage.

Wie wichtig eine Jahreszahl sein kann. "Wird es wieder so schlimm wie 2002?", fragten die Menschen jetzt ihre Bürgermeister, ihre Feuerwehr, ihren lieben Gott. 2002, vor elf Jahren, sprach man vom "Jahrhunderthochwasser". Es war eine Art zweite Stunde null des Ostens – nach 1989. Eine Zäsur, ein Dammbruch, mit dem überfluteten Dresden als Symbol. Ein Ende und ein Anfang: 2002, die Nachwendezeit teilt sich an diesem Jahr – ganz klar. Nie war der Osten so sehr am Boden. Aber auch: Nie wurde dem Osten so aufgeholfen. 2002 war das Jahr, in dem die Deutschen sich zu lieben begannen. West liebte Ost liebte West liebte Ost – auf Flut folgte Spendenflut. 2002, eine Tragödie. Aber seitdem: so viel Glück.

Und jetzt, und nun? Noch mal die Frage: Wird es wieder so schlimm wie 2002? Man kann jedenfalls sagen, es gibt einen Unterschied zwischen dem Hochwasser damals und heute. 2002 bezwang die Flut die Leute. Heute bezwingen die Leute die Flut.

Die Frage ist ja eigentlich nicht, ob 2013, wie 2002, ein "Jahrhunderthochwasser" ist. Die Erkenntnis der Stunde lautet vielmehr, dass 2002 gar keines war: Damals schien der Jahrhundertbegriff die richtige Kategorie zu sein. Weil er groß genug klang für das Unfassbare. Er hörte sich nach Wahrheit an. Aber er war vor allem Selbstbetrug. Ein Wort wie Opium. Es machte müde und stillte den Schmerz: Was Jahrhundertrang hat, kommt so schnell nicht wieder. Das redete man sich ein. Ein tragischer Irrtum, wie man heute weiß. Der auch dazu führte, dass man den Flutschutz danach nicht so sehr ernst nahm. "Jahrhundertflut", wen stört da, wenn es noch zehn Jahre braucht, bis eine Flutmauer steht?

Aber das Wasser kam eben schneller zurück, die trübe Brühe drang in die Gassen von Gößnitz bis Gera: 2013, im Juni.

Stanislaw Tillich, Sachsens Ministerpräsident, weiß vielleicht am besten, dass jetzt das Land die Flut bezwingt. Eine Reise mit ihm, dem CDU-Mann, durchs Krisengebiet, vor drei oder vier Tagen in Döbeln. Tillich steht an der Mulde, diesem Strom, der völlig außer Rand und Band ist – ein ostdeutscher Mississippi jetzt. Der Fluss verschlingt die ganze Welt, aber Tillich sagt sehr gefasst: "Hier gibt niemand auf, wissen Sie?" Tillich kann man manches vorwerfen: Ob er nach 2002 genug für den Flutschutz tat? Das ist ein Thema für die kommenden Wochen. Doch jetzt, das weiß er, muss er sich bei den Menschen zeigen.

Dabei war er, als das Wasser kam, schon auf dem Weg ins Ausland: bereit zum Abflug in die Türkei, zu einer Wirtschaftsreise. Das Gepäck war längst verladen, der Rest der Delegation saß in der Maschine – aber Tillich hätte ein Land besucht, dass gerade vorrangig mit sich selbst beschäftigt ist; in dem heftige Proteste toben. Tillich entschied, kurz vor Abflug, dass sein eigenes Land jetzt wichtiger ist.

"Die Menschen", sagt er bei seinem Auftritt in Döbeln, "haben sich alles schön gemacht nach 1990. Das wurde 2002 zerstört. Die Menschen haben sich danach wieder alles schön gemacht. Das wurde nun erneut zerstört. So etwas kratzt an der Moral."

Eigenartigerweise lautet die mediale Erzählung von der Flut in diesen Tagen: Der Osten geht wieder unter, und dieses zweite Mal ist es vielleicht jener Schlag, von dem sich die Menschen so schnell nicht erholen. Eine andere Erzählung kommt der Wahrheit näher: Land unter im Osten, ja, schon wieder! Aber während die Flut 2002 das Land noch kalt überraschte, binnen Stunden unterspülte – ist diesmal hier jeder gewappnet. Diesmal stiegen die Pegel nicht von einer Stunde auf die andre, sondern: Zentimeter für Zentimeter. Tag für Tag. So langsam geht die Welt nicht unter. So viele haben ihre Sachen noch in Sicherheit gebracht.

Man kennt seinen Gegner, es ist derselbe wie vor elf Jahren. Da ist die Einsicht: Man kann es meistern. Man begegnet dem Optimismus im Internet. Leute haben auf Facebook eine Umfrage gestartet: "Welche Hilfe kannst Du bieten?" Man begegnet dieser Zuversicht auf den nassen Straßen und in den provisorischen Turnhallenschlaflagern, die die Evakuierungsopfer nun bewohnen. Man sieht diese Zuversicht in den Gesichtern der Bürger; Abertausender Sandsackbefüller und Aufräumhelfer überall. Ist das Heldenmut, der diesen Trotz erzeugt, diese Beharrlichkeit? Nein, nicht pathetisch geht es hier zu, eher geerdet: Es gibt diesmal so etwas wie Krisen-, ach: Katastrophenzuversicht.

Land unter. Aber uns spült hier nichts fort.

Dass Thomas de Maizière, der Verteidigungsminister, der in Dresden lebt, seine Soldaten ins Krisengebiet geschickt hat – das ist in all dem "Land unter" eine besondere Anekdote. Denn Land unter, das gilt für Thomas de Maizière in diesen Tagen ja auch ganz persönlich: Jetzt, da seine Karriere auf dem Spiel steht im Streit um das Drohnenprojekt Euro Hawk. Sollte die Debatte um seine Schuld, die bis vor wenigen Tagen das ganze Land elektrisierte, mit in den Fluten versinken? Diese Flut, und wenn das auch makaber klingt, könnte de Maizières Karriere retten. Es wird eine Millimeterentscheidung.