Es beginnt schon mit einer Lüge. Langenthal ist gar keine Stadt, auch wenn sie sich so nennt. Langenthal ist ein Dorf mit 15.000 Einwohnern. Mit einem Ausländeranteil von 20 Prozent, das entspricht dem Schweizer Durchschnitt. Mit Riegelhäusern und Gemüsegärten. Auf der Straße grüßen sich die Passanten, die Clientis-Bank wirbt mit dem Motto "Hier vertraut man sich", und die Spezialität der Metzgerei Stettler sind ihre Buure-Knacker.

Langenthal liegt weit weg vom Schuss. Der nächste Autobahnanschluss ist zehn Kilometer entfernt, der Weg dorthin führt über schmale Straßen durch dichte Wälder, vorbei an satten Wiesen, auf denen Kühe grasen.

Doch die Idylle trügt, wie so oft. "Bekämpfe die PNOS", hat jemand an die Wand des Restaurants Stadthof gesprüht. Langenthal hat ein Problem: seine Rechtsextremen.

Kein Klischeebild

Im Berner Oberaargau ist seit Jahren die größte Rechtsextremenszene der Schweiz zu Hause. Ihre Mitglieder entsprechen nicht dem klischierten Bild der Dumpfbacke mit dem kahl rasierten Kopf. Sie stammen aus allen Schichten, sind Bauarbeiter, Verwaltungsbeamte oder Kaufleute. Ihre politische Heimat ist die PNOS, die Partei National Orientierter Schweizer. In der Vergangenheit wurde sie vom Bund wiederholt als Sicherheitsrisiko eingestuft.

PNOS-Chef Dominic Lüthard auf einer Demonstration gegen Minarette in Langenthal im Oktober 2010 © Michael Buholzer/Reuters

Die PNOS hat nach eigenen Angaben gerade mal 300 Mitglieder, eine Zahl, die über die Jahre immer etwa gleich geblieben ist. Die Partei hat Ableger in verschiedenen Regionen der Schweiz, aber eine politische Kraft ist sie nur im Oberaargau. 2004 wählten die Langenthaler den Rechtsradikalen Tobias Hirschi ins Stadtparlament. 2011 nahm die PNOS an den Nationalratswahlen im Kanton Bern teil. Ihre sieben Kandidaten erzielten zusammen 20.000 Wählerstimmen.

Doch wieso wurde gerade in Langenthal zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ein Brauner in ein Schweizer Parlament gewählt? Und wie kommt es, dass eine Partei mit gerade mal 300 Mitgliedern über 20.000 Stimmen erhält?

Gegen "Schmarotzer", für die Todesstrafe

Die Frage geht an Dominic Lüthard, Präsident der PNOS. "Weil wir in der Region verwurzelt sind", sagt er. Die PNOS weibelt auf der Straße und in den Vereinen. "Wir bekommen immer viele positive Rückmeldungen." Vergangenes Jahr am 1. August hatte Lüthard einen großen Auftritt auf dem Rütli. In einem braunen Poloshirt, sich an einem Blatt Papier festhaltend, in einem Meer von Schweizerfahnen, gab er vor grimmigen jungen Männern seine Show zum Besten, wetterte gegen "das fremde Lumpenpack", "die Schmarotzer" und sprach sich für die Todesstrafe aus.

Heute empfängt Dominic Lüthard im Restaurant Da Luca gegenüber dem Bahnhof von Langenthal. An Tischen aus Marmorimitat sitzen ältere Herren, die am Vormittag ein Glas Rotwein trinken und im Fernsehen Eurosport schauen. Lüthard ist ein freundlicher 30-Jähriger mit gepflegtem Zweiwochenbart. Sein Umgangston ist zuvorkommend, er wirkt sympathisch. Auf seine Rütli-Rede angesprochen sagt er: "Ich wusste, wenn ich das sage, komme ich in die Medien, und darum ging es." Es sei ein Spiel, das er mit den Medien treibe. "Mit der Forderung nach längerem Mutterschaftsurlaub hätte ich wohl kaum punkten können", sagt er.

Doch Lüthard provoziert nicht um der Provokation willen. Er meint es ernst mit seinem Fremdenhass.

"Mir ist nicht wohl, wenn ich von Menschen umgeben bin, die eine Sprache sprechen, die ich nicht verstehe", sagt er. Der PNOS-Präsident will eine "völkische" Schweiz, also ein Land ohne Durchmischung. Die Ausländer sollten abhauen und die Integrationsbeauftragten zu Heimreiseberatern umgeschult werden.

Derselbe Dominic Lüthard, der eine Schweiz ohne Fremde propagiert, wuchs in einem beschaulichen Dorf im Oberaargau auf. Seine Mutter war in der sozialdemokratischen SP, sein Großvater ebenfalls. Dominic Lüthard aber gelangte schon als Teenager in die rechtsextreme Szene – seither kommt er da nicht mehr raus. Heute ist er zwar nicht mehr gewalttätig, aber vor den Richter muss er trotzdem immer wieder. Verschiedentlich war er wegen Rassendiskriminierung angeklagt, wurde bisher aber immer freigesprochen. Dieses Jahr muss er vor dem Berner Obergericht antraben, weil er mit einem Besen Papp-Minarette von einer Schweizerfahne wischte und damit den Anschein erweckte, den Islam mit Schmutz gleichzustellen.

Ein politisches Klima, das behagt

Aber mit dem Gesetz in Konflikt steht nicht nur Parteipräsident Lüthard. Unter den PNOS-Kadern ist das Sammeln von Gerichtsvorladungen ein Volkssport. Sie wurden angeklagt wegen Raufhandel, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Verstoß gegen die Antirassismusstrafnorm. Zehn Rechtsextreme wurden verurteilt, die meisten von ihnen zogen sich darauf aus der Öffentlichkeit zurück.

Nach einer Stunde im "Da Luca" verabschiedet sich Dominic Lüthard. Er muss ins Schützenhaus, um das Obligatorische zu schießen. Eine fundierte Antwort, warum seine braunen Ideen hier im Oberaargau verfangen, konnte oder wollte er nicht geben.