Auf den Namen "Röstigraben" tauften wir die Kluft zwischen der Deutschschweiz und der Romandie bei nationalen Abstimmungen. Später zeigte sich der Graben eher zwischen der städtischen und der noch bäuerlichen Schweiz.

Heute warten auf uns Volksabstimmungen von großer Tragweite für die Zukunft der Schweiz (Mindestsalär, 1:12, Grundeinkommen, Erbschaftsteuer). Ich denke, dass diesmal die Trennung im Land eine andere sein wird. Die Schweiz wird zwischen Ängstlichen und Zuversichtlichen geteilt sein.

Die Jusos wollen mit der Leidenschaft jeder jungen Generation die Welt verändern. Sie machen dies geschickt und haben ihrer Partei Agenda und Tempo aufgezwungen. Aber sie bleiben eine kleine Elite, der man aufgrund ihres jungen Alters kein geschichtliches Gedächtnis zumuten kann.

Beunruhigender ist die Anzahl der Ängstlichen und Frustrierten. Die Gründe für diese Gefühle sind nicht leicht zu verstehen. Bloß, ein ausgewogenes Urteil darf man nur gestützt auf Statistiken, generelle Zustände fällen.

Armin Müller, Chefökonom der Handelszeitung, hat versucht, einige der Irrtümer, die hierzulande verbreitet zu sein scheinen, zu analysieren. Sein Befund: Sind die Gewinne auf Kosten der Löhne gestiegen? Nein. Die Lohnschere hat sich nicht massiv erweitert. Werden die Reichen reicher? Nein. Weil man die Pensionskassen vergisst, mit einem Vermögen von 625 Milliarden Franken, dazu kommen die 42 Milliarden der dritten Säule. Die Indizes beweisen, dass die Vermögensverhältnisse seit 100 Jahren stabil sind. Werden die Armen immer ärmer? Nein. Die relative Armut zwischen 2008 und 2010 ist wieder zurückgegangen (von 15,6 auf 14,2 Prozent). Uns geht es gut, wir sind zufrieden, das zeigen auch Umfragen.

Warum dann dieses Unbehagen, diese Angst? Die ZEIT kam in einer Recherche über Deutschland zum Schluss, dass die Welt düsterer gesehen wird, als sie ist, und bemerkte, dass mit zunehmendem Vermögen die Angst steigt, das Erworbene zu verlieren. Duffy, der verstorbene französische Mediävist, verglich die Furcht vor dem Tod im Jahr 1000 und die im Jahr 2000. Im Jahr 1000 habe die christliche Welt das Urteil Gottes und die Hölle gefürchtet. Im Jahr 2000 fürchte man den Verlust von allem, was man hat.

Vielleicht sollte man sich mal fragen, ob das heutige Unbehagen nicht zu tun hat mit einer Erziehung, welche die junge Generation vor der Härte des Lebens schonen wollte und sie nicht gelehrt hat, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

Ich hoffe, dass nicht Angst die nächsten Abstimmungen dominieren wird. Besser eine Gesellschaft, die gegen die relative Armut kämpft, als eine, in der man zur Armut verurteilt ist.