Nein, es gibt kein schöner Land auf Erden. Und schon gar kein besseres. Nirgends erheben sich die Berge majestätischer, nirgends ist die Demokratie direkter. Ein Mensch kann nirgends glücklicher sein als bei uns. So denken wir Schweizer.

Aber auch ein auserwähltes Volk muss träumen. Und wenn die Schweizer das tun, dann heißt ihr Eldorado: Schweden. Seit Jahrzehnten gilt das skandinavische Königreich den Schweizern als Wunderland. Egal, welcher politischer Couleur sie sind.

Erst träumten sich die Linken nach Norden ins Volksheim. Ein Staat, der seine Bürger von der Wiege bis zur Bahre in einer sanften, sozialdemokratischen Umarmung hält: Was gibt es Schöneres? In den neunziger Jahren, als dem schwedischen Wohlfahrtsstaat das Geld ausging und die Liberal-Konservativen das Land mit radikalen Reformen umpflügten, waren es die Bürgerlichen, die fasziniert von Bern nach Stockholm schauten. So also macht man das: die Staatsschulden verkleinern, das Bruttoinlandsprodukt steigern, die Post privatisieren, die freie Schulwahl einführen und jedem Bürger die Freiheit lassen zu entscheiden, in welchem Fonds er seine Pension anlegen will. Und von links bis rechts bestaunte man das schwedische Pisa-Wunder. Wie können Schüler so schlau sein?

Von Schweden lernen – das ist bis heute ein Gemeinplatz unter hiesigen Kommentatoren und Politikern.

Wir haben die Wahl: Zersiedlung oder Ghetto

Doch das Schweden, von dem die Schweizer schwärmen, war und ist ein Trugbild. Es stammt direkt aus dem Prospekt des Möbelhauses Ikea: Da gibt es keine Armen, keine Reichen, sondern nur die Mitte.

Kein Wunder, dass sich manch ein Schweden-Freund die Augen rieb, als er dieser Tage las: Straßenschlachten in Stockholm, Jugendunruhen in Malmö. Utopia brennt!

Es war in den sechziger Jahren, als die schwedischen Sozialdemokraten ihr sogenanntes Millionenprogramm lancierten. Eine Million neue Wohnungen wollten sie in zehn Jahren aus dem Boden stampfen. Dies in einem Land mit damals knapp acht Millionen Einwohnern. Das Unterfangen gelang. In den schwedischen Vorstädten sprossen die Plattenbauten. 1974 meldete die Regierung stolz: Wir haben unser Ziel um 6.000 Wohnungen übertroffen.

Auch in der Schweiz baute man Großsiedlungen in den Grüngürteln um die Städte. Doch während zurzeit in Rosengård bei Malmö Autos, Schulen oder Gemeindezentren brennen, stellen die Schweizer ihre "Wohnmaschinen" unter Denkmalschutz, etwa Le Lignon bei Genf, das längste Wohngebäude Europas.

Wie kommt das?

Passiert ist in Schweden und der Schweiz dasselbe. Auf die Euphorie der sechziger und siebziger Jahre folgte die Ernüchterung. Die Neustädte boten zwar günstigen Wohnraum, aber wer es sich leisten konnte, verließ die kleinen Wohnungen – und zog in eine bessere Gegend. Am liebsten ins eigene Hüsli. Zurück blieben Problemviertel.

In der Schweiz stand Mitte der siebziger Jahre erst ein Dutzend Betonsiedlungen. Fortan ließ man die Finger davon, nun wurde in die Fläche gebaut. Keine Gemeinde wollte ein Ghetto beheimaten. Lieber lockten sie gute Steuerzahler mit günstigen Parzellen. Der Preis, den die Schweiz dafür bezahlt, ist bekannt: Das Mittelland ist ein Siedlungsbrei.

In Schweden hingegen, mit seiner zentralen Planung, standen schließlich gegen fünfzig Trabantenstädte im grünen Umland. Von Malmö bis Stockholm, von Göteborg bis Linköping. Bis heute gilt der Masterplan als Lösung aller Probleme. Als kürzlich ein Schweizer Journalist nach Schweden reiste, um sich das ökologische Vorzeigequartier Hammarby zeigen zu lassen, sagte man ihm: "Was du in erster Linie tun musst, um nachhaltig zu leben, ist: nach Hammarby ziehen. Den Rest besorgen unsere Stadtplaner."

Die Frage ist also: Zersiedlung oder Ghetto? Ordnung im Großen oder Chaos im Kleinen?

Wer von oben herab plant, der teilt ein Land in großen Hieben. Der teilt es in ein Drinnen und ein Draußen. Darauf beruht auch das schwedische Modell – aller Gleichheitsrhetorik und teuren Integrationsbemühungen zum Trotz. Die Menschen in Quartieren wie Rosengård leben in Parallelgesellschaften. Der Ausländeranteil übersteigt 80 Prozent. 30 Prozent aller schwedischen Jugendlichen haben keinen Job.

Mit Schwärmerei lässt sich keine Politik machen

So erinnert Schweden an Frankreich, das sich seine Probleme vom Hals hält, indem es ganze Bevölkerungsgruppen in die Banlieues aussperrt. Ein Land, das sich kein Schweizer Politiker oder Kommentator zum Vorbild nehmen würde.

1936 verfasste der amerikanische Journalist Marquis W. Childs sein Buch Middle Way . Es beschreibt den Mittelweg des skandinavischen Landes zwischen Kapitalismus und Sozialismus und wurde zur Blaupause für eine weltweite Schweden-Begeisterung.

Heute müssten die Schweden-Freunde ein anderes Werk zur Hand nehmen: Ich, Zlatan Ibrahimović, die Autobiografie des Starfußballers aus Rosengård. Childs nannte die Schweden "ultimative Pragmatiker", die darauf eingehen könnten, was als Realität erscheint. Siebzig Jahre später schreibt Ibrahimović: "Bierbüchsen, Jugosound, leere Kühlschränke und den Balkankrieg, das gab es zu Hause."

Der Traum vom fernen Eldorado inspiriert – und er ist gutes Kolumnistenfutter. Aber Politik lässt sich mit solcher Schwärmerei keine machen.