DIE ZEIT: Herr Gabriel, in welchem Zustand befindet sich Europa?

Sigmar Gabriel: In jeder Hinsicht in einem schlechten. Wirtschaftlich, weil die Krise entgegen allen Versprechungen von Angela Merkel jeden Monat größer wird und nicht kleiner. Finanziell, weil ebenfalls entgegen allen Versprechungen die Schulden um über eine Billion gestiegen statt gesunken sind. Sozial, weil die soziale und kulturelle Spaltung massiv zunimmt, und politisch, weil das Elitenprojekt Europa von den Menschen in einer Mischung aus Distanz und Ohnmacht erlebt wird. Jacques Delors hatte recht: Niemand verliebt sich in einen Binnenmarkt.

ZEIT: Es verliebt sich aber auch keiner in ein Sozialgesetzbuch. Und die Tatsache, dass es Deutschland gerade ganz gut geht, hat auch mit dem Europa zu tun, das Sie beschreiben.

Gabriel: Ich bin für das genaue Gegenteil der marktkonformen Demokratie Angela Merkels. Ich bin für demokratiekonforme Märkte. Europa hat sich mit der Aufklärung mal von der Vorherrschaft der angeblich gottgewollten Fürsten befreit. Jetzt braucht Europa eine zweite Aufklärung: die Befreiung von angeblich gottgewollten Märkten. Im Übrigen reicht es doch nicht, wenn es Deutschland gut geht. Schauen Sie sich die Verhältnisse in Spanien oder Portugal an.

ZEIT: Uns geht es gut, weil es den anderen schlecht geht?

Gabriel: Unser Leistungsbilanzüberschuss hat eine zweite Seite im Leistungsbilanzdefizit der anderen. Es ist falsch, zu behaupten, Deutschland sei "der Lastesel" und der "Nettozahler" Europas. Wir sind die großen Gewinner und Nettoprofiteure.

ZEIT: Muss es uns also ein bisschen schlechter gehen, damit es den anderen ein bisschen besser geht?

Gabriel: Quatsch. Aber wenn wir wollen, dass es uns weiterhin so gut geht, müssen wir in Europa investieren. Immerhin haben wir seit Einführung des Euro eine halbe Billion Euro in Deutschland mehr eingenommen als ausgegeben. Einen Teil dessen müssen wir wie jeder kluge Unternehmer auch wieder investieren.

ZEIT: EU-Kommissar Günther Oettinger hat Europa einen Sanierungsfall genannt.

Gabriel: Zu Recht! Nur ist er selbst mit verantwortlich für den Sanierungsfall. Der Mann ist führendes CDU-Mitglied. Er hat diesen Irrsinn des Kaputtsparens immer mitgemacht.

ZEIT: Sie doch auch, Sie haben jeder Etappe der Regierung Merkel im Bundestag zugestimmt. Warum hat die SPD es nicht geschafft, eine Alternative zum Kurs der Regierung deutlich zu machen?

Gabriel: Wir haben beim Fiskalpakt vereinbart, einen Wachstums- und Investitionspakt in Europa zu schließen. Das war die Bedingung für unsere Zustimmung. Das hat Frau Merkel auf unseren Antrag sogar im Deutschen Bundestag beschlossen. Zwölf Monate danach ist aber nichts passiert. Frau Merkel begeht fortgesetzten Wortbruch. Nun will sie die gleichen Zahlen, 120 Millionen Euro Investitionsvolumen, neu verpacken und als neues Wachstumspaket verkaufen, kurz vor der Wahl.

ZEIT: Warum haben Sie nicht von Anfang an offen auf Konfrontation mit der Regierung Merkel gesetzt, wie es Teile Ihrer Partei wollten?

Gabriel: Wir haben immer dort zugestimmt, wo wir Schlimmeres für einzelne EU-Staaten verhindern wollten. Das war richtig so. Was hätte es denn für die Stabilität in Europa bedeutet, wenn wir einfach nur immer Nein gesagt hätten? Aber der Wortbruch Angela Merkels hat eben den zweiten Teil – die Wachstumspolitik – verhindert. Deshalb brauchen wir jetzt eine Wende in der Europapolitik. Eine, die den Leuten nicht weiter vorgaukelt, die anderen müssen sparen, wir nichts zahlen – und schon ist alles wieder gut.