Es war am Montagabend im Garten der deutschen Botschafter-Residenz in Ankara, als die Delegation aus Sachsen erste Anzeichen seltsamen Verhaltens zeigte. Kellner reichten gefüllte Weinblätter, doch anstatt die bereitliegenden Holzspieße zu benutzen, langten die angereisten Unternehmer und Journalisten mit bloßen Händen zu.

War das schon beginnende Verrohung?

Zu dem Zeitpunkt lief seit zwei Tagen jene Expedition, die als "Reise des sächsischen Ministerpräsidenten in die Türkei" angekündigt war – die in dieser Hinsicht aber nie auf Touren kam: Kein Tillich, nirgends in Ankara. "Die Delegation ist kopflos", sagt Christian Hoose, den die offizielle Reisebroschüre als hükümet sözcüsü führt. Das heißt Regierungssprecher auf Türkisch.

So begann, mit Efes-Bier und vagen Gedanken, darüber, wie die Reise irgendwie sinnvoll weitergehen könnte, eine irre Exkursion. Eine Reise, deren Verlauf künftig eine prickelnde Gruselgeschichte sein könnte auf Jahrestagungen deutscher Protokollbeamter.

Stanislaw Tillich nämlich war in Sachsen geblieben, der Flutkatastrophe wegen. Diese Entscheidung wurde erst bekannt, als die etwa 30 Mitglieder zählende Delegation bereits am Leipziger Flughafen mit Ziel Istanbul eingecheckt hatte. Sachsens SPD-Chef Martin Dulig hatte seinen Flug schon vorher abgesagt: "Jetzt ist keine Zeit für Auslandsreisen", ließ er per Pressemitteilung ausrichten.

Tillich aber, hieß es, komme vielleicht noch nach.

So nahm eine chaotische Reise ihren Lauf. Das also passiert, wenn eine Planung, die in 15-Minuten-Intervallen getaktet ist, durch Großes, Überraschendes zerstört wird: In Deutschland dauerregnet es mit schlimmen Folgen; in der Türkei fluten Wutbürger die Straßen. Hier Wasser, dort Wasserwerfer.

In Hörweite meutert Volk. Es trommelt mit Holzlöffeln

Zwischen allen Fronten: Die Türkei-Reise-Blase. In Hörweite meutert Volk. Es trommelt mit Holzlöffeln auf Töpfen und Bratpfannen. Aber um zu sehen, was da los ist, kaum einen Kilometer entfernt, muss man im Hotelfernseher CNN schauen.

Ungerührt referiert vor der Delegation jemand über den Wirtschaftsaufschwung in Zentral-Anatolien. Und über die "islamischen Calvinisten" – derweil sitzt ein Unternehmer aus Olbernhau dabei, bei dem daheim der Keller vollläuft. In dem sächsischen Raumschiff, das da gelandet ist, wird in Echtzeit die Flut daheim verfolgt. Auf wenigen Quadratzentimetern: Gemeinsam sichtet man Pegelkurven auf Smartphone-Displays. Derweil hat eine Abteilungsleiterin des Dresdner Wirtschaftsministeriums in der Not die Führung der Delegation übernommen. Beim nächsten Termin wird sie von türkischer Seite mit "Frau Staatssekretärin" angeredet. Was so ein Chaos alles befördert…

Schließlich fliegt kurzfristig ein echter Staatssekretär ein, Hartmut Fiedler (FDP). Auf der Gartenparty beim Botschafter überreicht er eine Armbanduhr mit Frauenkirchenmotiv. Über der Gesellschaft kreisen Polizeihubschrauber, der Wind trägt Reizgas von den benachbarten Straßen herüber.

Später, bei einer Tischrede, erzählt Fiedler, dass Sachsen jährlich 4000 Ingenieure hervorbringt. Übrigens mehr, als es Sachsen mit türkischen Wurzeln im Freistaat gibt.

Während in Meißen die Elbe schwillt, wird Meissener Porzellan verschenkt

Das System ist gnadenlos. Tillich hätte den türkischen Industrieminister treffen können, Fiedler bekommt einen Unterstaatssekretär zu Gesicht. Zum Abschied überreicht er diesem echtes Meissener Porzellan. Die Schachtel klemmt. Letzte Meldung: In Meißen läuft die Elbe über und beginnt, die Innenstadt zu überfluten. Zumindest die Kranzniederlegung im Atatürk-Mausoleum gelingt noch.

Vor dem Mausoleum gibt es eine Foto-Station, an der man sich schon die Bilder des gerade absolvierten Staatsakts der Sachsen anschauen kann. Das Foto des Staatssekretärs Fiedler ist mit "Stanislaw Tillich" beschriftet.

Überhaupt: Was ein Ministerpräsident alles drauf hat, das zeigt sich wirklich nirgendwo besser als im Ausland. Mit Milbradt durfte Sachsen Henry Kissinger in New York besuchen. Für Tillich tischte ein Scheich in Abu Dhabi einmal Babykamel auf, angeblich eine Delikatesse. Wenn Tillich fehlt, findet nicht mal eine Diskussion mit Studenten an der Universität statt.

Eigentlich hatte man damit gerechnet, dass die Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Thema auf der Reise sein würden. Im Chaos ging das fast komplett unter. Immerhin überreichte ein türkischer Professor, der auch schon zum NSU geforscht hat, der sächsischen Delegation am letzten Tag ihres Aufenthalts in Ankara ein Buch mit deutsch-türkischen Karikaturen. Das war dann zumindest ein passendes Geschenk auf dieser Karikatur von einer gut gemeinten Reise.