Sonntagmittag

Erdoğan twittert wieder. Er schreibt, dass er auch eine Moschee auf dem Taksim-Platz bauen lassen kann, wenn er will. Er brauche dafür keine Erlaubnis. Er twittert noch mal: "Wenn ihr 100.000 seid, dann bringe ich euch eine Million." Er wirkt wie ein verstörtes, um sich schlagendes und twitterndes Riesenkind, das bisher machen durfte, was es will.

Ich fahre wieder zum Taksim-Platz. Keine zwei Stunden nach Erdoğans Sätzen sind hier wieder 100.000 Menschen! Und der Regierungschef lässt, wie ich höre, weitere "Sicherheitstruppen" aus Ankara einfliegen.

Die Menschen beginnen damit, den Gezi-Park und den Taksim-Platz aufzuräumen. So etwas habe ich noch nie gesehen. Demonstranten, die aufräumen und zerstörte Straßen pflastern. Zwischendurch immer wieder aufbrausender Applaus. Die Menschen skandieren: "Tayyip, tritt zurück!" Tausende von Frauen stehen an ihren geöffneten Wohnungsfenstern und schlagen auf Kochtöpfe und Pfannen.

Später Abend

Ismail ruft an und sagt, dass bei ihm in der Straße in Beşiktaş die Polizisten sogar auf Menschen einprügeln, die sich in einer Moschee verschanzt haben.

Ich schalte in meiner Wohnung wieder CNN Türk ein, und diesmal läuft eine Dokumentation über die Strahlung auf dem Mars.

Montag, 3. Juni, morgens

Meine Freundin ruft an: "Schalte sofort CNN -Türk ein!"

"Warum? Ich weiß schon alles über Pinguine und den Mars."

"Wir haben in der letzten Nacht alle eine Demonstration vor der Redaktion von CNN Türk in Şişli organisiert! Sie berichten jetzt!!!!"

"Das ist ja wirklich eine Revolution", antworte ich. "Wenn man doch auch in Deutschland die Fernsehprogramme so verändern könnte!"

In der Nacht

Ich laufe vom Taksim-Platz. Hubschrauber kreisen mit Suchscheinwerfern über dem Gezi-Park und feuern aus der Luft Gasgranaten ab. Die Menschen schreien. Ich sehe Serkan an mir vorbeilaufen.

Dienstag, 4. Juni, Vormittag

Meine Freundin hat mir in den letzten Tagen so viel geschrieben wie noch nie. Hunderte von Mails, SMS und Facebook-Nachrichten.

Ihre letzte, eben gerade, habe ich mir abgeschrieben: "Ich habe die Menschen meines Landes noch nie so erlebt. Wie sie sich gegenseitig geholfen haben. Wie mutig sie waren. Wie würdevoll. So eine Bewegung, so eine Kraft. Auch wenn sich sichtbar nichts ändern wird, aber mein Land ist in diesen Tagen ein anderes Land geworden. Und ich bin so stolz auf meine Freunde, die alle dazu beigetragen haben. Deine Eylem."

Eylem bedeutet im Türkischen Handlung, Tat, Aktion.

Mitarbeit/Übersetzung: Bihter Somersan, Özge Öskan