Die ersten Szenen dieses Tartuffe sind nicht von einem unsterblichen Franzosen, sondern von einem jungen Dänen. Sie könnten aus Thomas Vinterbergs Dogma-Film Das Fest stammen, denn man sieht minutenlang, wie die Mitglieder einer zerrütteten Familie fahl, stumm und ohne Blick füreinander sich in schönster Bauhaus-Helligkeit am Frühstückstisch eines kostbar renovierten Landhauses versammeln. Diese erste Szene spielt bei angeschaltetem Saallicht, sie zeigt jeden Spieler noch in seinem privaten Ennui, und erst als dieses General-Licht erlöscht, schießen Leben, Farbe, Temperament in die Menschen ein: Jetzt sind sie zu "Figuren" geworden, jetzt sind sie auf der Bühne, jetzt sind sie in Gesellschaft. Der große Mechanismus (Lüge, Verstellung, Einschüchterung) ist angelaufen. Die Zuschauer aber wissen: Das Leben, das jetzt aufgeführt wird, ist falsch, die Wahrheit lag im Schweigen des Anfangs.

Einmal blitzt sie dann noch auf, die Wahrheit: Als die Kette von Madame Pernelle, der Herrscherin des Hauses, reißt, rollen zahllose schwarze Perlen über den Boden, und alle stürzen nieder, um die wertvollen Murmeln zu fangen, ehe sie in den Ritzen verschwinden – die Angst ums Erbe, welche die Familie beherrscht, ist hier in einer kleinen szenischen Erfindung gebannt.

Luc Bondy, der scheidende Intendant der Wiener Festwochen (er widmet sich künftig ganz dem Pariser Odéon-Theater, dessen Intendant er schon ist), gibt mit Molières Lustspiel um den frömmelnden Erbschleicher, Lustmolch, Verräter Tartuffe seinen Abschied von Österreich, und es ist eine letzte Geste der Verschwendung und Selbstbeschenkung, dass er um den Frühstückstisch der Familie Orgon einige der größten Schauspieler in teilweise kleinen Rollen noch einmal versammelt: Klaus Pohl, Michael König, Gertraud Jesserer beispielsweise.

Auch die große Edith Clever spielt, nach Jahren der Theaterabstinenz, eine vergleichsweise geringe Rolle, man könnte allerdings auch sagen: Sie spielt die geheime Regisseurin. Edith Clever ist nämlich die Zofe Dorine, die früh durchschaut, dass Tartuffe eine gewaltige Gefahr für das Haus Orgon darstellt, und so eilt sie auf hohen Schuhen hellseherisch über die Bühne, immer bereit, das stürzende Familiengebäude aufzufangen und zur Intrige Tartuffes die rettende Gegenintrige zu inszenieren. Sie ist das Herz, der Kopf, die wahre Mutter der Familie.

Auf der obersten Rollenebene begegnen sich die beiden maßgeblichen Burg-Schauspieler ihrer Generation, der 71-jährige Gert Voss als der wohlhabende Bürger und Patriarch Orgon und der 45-jährige Joachim Meyerhoff als Tartuffe.

Die beiden Figuren sind einander hier viel näher, als sie es in den meisten Tartuffe-Inszenierungen sind, beiden ist erkennbar unwohl in ihrer Haut, mit beiden möchte man keinesfalls tauschen, beide sind von den Eigenschaften, die Molière ihnen gibt, gehetzt und zerrüttet. In vielen Tartuffe-Inszenierungen hat Orgon etwas süffig Blödes und genießerisch Pralles – er verfällt dem Mann, der ihm Haus, Frau und Tochter nehmen will, mit Wonne: Er sonnt sich in den Giftblicken des Betrügers und hat, während er ausgeraubt wird, die beste Zeit seines Lebens, solange der Räuber Tartuffe ihm lieb zublinzelt. Bei Voss aber ist Orgon ein zermürbtes, schwer atmendes, ausrinnendes Mängelwesen, welches sich an Tartuffe festkrallt, weil es spürt, dass um es her die Welt ins Kippen gerät. Orgon wird dieser Welt nicht mehr lang angehören, und so ist seine Liebe zu Tartuffe ein letzter, wahnwitziger Akt des Glaubens und der Gnade: Er will Tartuffe retten, um selbst gerettet zu werden.

Tartuffe wiederum hat oft etwas so unangreifbar Maliziöses, als sei er gegen alle Begierden gefeit und gebe ihnen nur aus Langeweile nach – ein Supergangster der Komödienliteratur, der die Dummheit seiner Opfer wie ein Volksschauspiel genießt. Joachim Meyerhoffs Tartuffe aber ist ein Lüstling mit hässlich hängender Unterlippe, dem die Lust auf Frau Orgon (Johanna Wokalek) die Züge verzerrt: Er hasst diese Frau für die Begierde, die sie in ihm weckt. Und in den Momenten, da die Schlinge sich um seinen Hals zieht, ist Tartuffe wie ein wilder, um sich schlagender Findlingsjunge, der sich davor fürchtet, aus der Gesellschaft wieder herausgezerrt zu werden, in die er sich mühevoll hineingestohlen hat.