Die Datenbrille, die man sich bald aufsetzen darf, um per Sprachbefehl seine Umwelt zu filmen, Fremde in der SBahn mit ihren Informationen im Netz abzugleichen oder sich den Weg bequem per Google Maps durch die Stadt zu bahnen, entspringt dem Geist des Spionagefilms. Der Spion – und James Bond ist nur die herausragende Figur der Kalter-Krieg-Gattung – hatte seit je Gerätschaften, die ihm einen Vorteil gegenüber seinen Gegnern verschafften, den Kugelschreiber, der mit Giftpfeilen ausgestattet war, verborgene Kameras in einer Armbanduhr und allerlei mehr. Die Agentenfantasien, aus denen sich heute zahlreiche Produkte der Netzindustrie speisen, hatten dabei stets eine Asymmetrie der Waffen zur Voraussetzung: Ich habe etwas – einen Chip im Hirn, ein als Regenschirm getarntes Gewehr, ein fliegendes Auto –, das der Gegner nicht hat.

Der Brille, die Google entwickelt hat und bald auf den Markt bringt, ist vordergründig ebenfalls das Versprechen eingeschrieben, dass deren Träger einen Wissens- und damit Wettbewerbsvorteil hat: Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich weiß, dass du in einem Forum über Gewichtsprobleme räsoniertest. Ich schaue mir während unserer ersten Begegnung deine Kinderfotos an, denn deine Privatsphäreneinstellungen im Sozialen Netzwerk lassen das zu. Per Gesichtserkennungssoftware offenbaren sich die Spuren, die du im Netz abgelegt hast – zumindest potenziell und in Zukunft: Google meldete, die Gesichtserkennung zunächst nicht freizuschalten, aber, wie man längst mit Blick auf den technischen Fortschritt weiß: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." (Friedrich Dürrenmatt)

Nun wird im Unterschied zum Spionageequipment die Brille für jeden erwerbbar. Sollte sie sich wie das Handy flächendeckend durchsetzen, wäre die Asymmetrie der Kampfmittel prinzipiell aufgehoben. Denn dumm wäre, wer nicht ebenfalls aufrüstete. Wir dürften allesamt digital beobachtete Beobachter werden. Ungleich wäre freilich das Ausmaß des Contents, den man jeweils vom Beobachteten gewinnt. Der Brillenträger würde auf der Straße diejenigen, die unbekümmert Informationen von sich freigeben, von jenen unterscheiden, die diskret und vorsichtig sind. Mit jenen, die zur Kontaktaufnahme einladen, etwa durch die Angabe gleicher Interessen im Netz, könnte er sogleich ertragreich in Kontakt treten. Die oft beschworene Virtualität des Netzes würde mit dem Realen, dem unmittelbar körperlichen Kontakt, in Echtzeit verkoppelt. Womöglich wären schlechterdings jene suspekt, die nichts oder so gut wie nichts von sich preisgeben, deren Gesicht auf keinen Link verweist, auf keine Selbstdarstellung, keine Postings.

Wenn das Netz eine protestantisch-amerikanische Erfindung ist, die zur bekenntnisfreudigen Veröffentlichung von Privatem – etwa in Sozialen Netzwerken – stark anregt, so ist derjenige, der sich nicht offenbart, nicht nur kurios, sondern verdächtig, ganz wie Edgar Allen Poes Man of the Crowd, der alte und verfluchte Wanderer, dem der Icherzähler durch die Großstadt folgt. Er sei, heißt es in der Erzählung, "die Verkörperung, ist der Geist des Verbrechens. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann in der Menge. Es wäre vergebens, ihm noch weiter nachzugehen, denn ich würde doch nichts von ihm, nichts von seinen Taten erfahren." Nicht eine bestimmte Tat macht den Mann der Menge verdächtig, sondern der Umstand, dass er sich nicht klar bestimmen lässt. Sein Verbrechen ist seine Undeutbarkeit, seine partisanenhafte Undeutlichkeit.

Noch immer leben wir im Bann der Aufklärung, die unser Alltagsverhalten einst radikal zu verändern suchte. Die Forderung nach demokratischen Strukturen im 18. Jahrhundert ging einher mit der Forderung nach einem neuen Menschen. Die sündige Reizbarkeit an den Höfen sollte in ruhende Scham überführt werden, das Zeremoniell in friedvolle Intimität, die Exaltiertheit, das Präsentieren des parfümierten Körpers sollte privater Häuslichkeit weichen. Sei es in Schillers Kabale und Liebe oder in Lessings Sara Sampson, die Botschaft war weitreichend und simpel: Wer nichts zu verbergen hat, zeigt sich in transparentester Offenheit – und nicht als lasterhafter Höfling, der nach Maßgabe der Verstellungskunst handelt und im Geist der Intrige. Und auch nicht, dürfen wir heute ergänzen, als Großstadtpartisan, der seine Daten verbirgt.