Am 14. Juni wird das iranische Volk zu den Urnen gerufen. Doch was kann man schon von Wahlen in einem autoritär geführten Staat erwarten?

Acht Männer treten zur Präsidentenwahl an. Der sogenannte Wächterrat hat sie zugelassen, nachdem er sie sorgfältig auf ihre Eignung geprüft hatte. Wobei Eignung heißt: Von ihnen darf nicht die Spur einer Gefahr für das System ausgehen. Entsprechend ist die Riege der Kandidaten. Nur einer von ihnen steht im Ruf, ein Reformer zu sein, allerdings ein sehr blasser Reformer. Alle anderen sind in der einen oder anderen Form mit dem obersten religiösen Führer Ali Chamenei verbunden, dem wahren Herrscher des Irans. Was also könnte sich ändern?

Alles und nichts – so lautet die widersprüchliche, auf den ersten Blick verwirrende Antwort.

Die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Menschen haben sich nicht verbessert. Die Inflationsrate ist hoch, es herrscht Misswirtschaft und Korruption. Der Iran leidet unter den schmerzhaften Sanktionen, die ihm vom UN-Sicherheitsrat wegen des Nuklearstreits auferlegt worden sind. Tausende junge Iraner verlassen jedes Jahr ihre Heimat, weil sie dort keine Zukunft für sich sehen. Es sind oft die Besten und Qualifiziertesten.

Diese Lage verlangt nach Veränderungen und Reformen, doch das Regime will sich auf nichts dergleichen einlassen. Das Volk soll abnicken, was man ihm vorlegt. Die Iraner aber neigen zur Unberechenbarkeit – sie brechen gerne aus dem Schema aus, das Despoten für sie vorgezeichnet haben.

Das letzte Mal taten sie das im Jahr 2009. Der amtierenden Präsident Mahmud Ahmadinedschad trat damals zum zweiten Mal zur Präsidentschaftswahl an. Man rechnete mit seiner Wiederwahl, denn er war Chameneis Mann. Und gegen den Willen des Führers, so dachte man bis dahin, geschieht im Iran nichts. Chamenei ist der Herr des Landes. Der Sieg schien also eine sichere Sache zu sein.

Doch es kam zu einer gewaltigen Überraschung. In den Wochen vor der Wahl mobilisierten sich rund um einen Kandidaten namens Mir Hussein Mussawi Menschenmassen, die bald die "grüne Bewegung" genannt wurden. Tausende unterstützten offen Mussawi. Ob er am Wahltag die Mehrheit der Stimmen gewonnen hat, lässt sich wegen möglicher Wahlfälschungen nicht feststellen. Sicher ist aber, dass das Regime damals von Mussawis Popularität völlig überrumpelt wurde. Ahmadinedschad wurde kurzerhand zum Wahlsieger ernannt. Wochenlang gingen daraufhin Zehntausende Iraner auf die Straße. Das Regime schlug die Proteste nieder und verfolgte die Oppositionellen. Tausende gingen ins Exil, unzählige landeten im Gefängnis. Mussawi steht bis heute unter Hausarrest.

Die Erinnerung an 2009 ist auf beiden Seiten frisch. Sie prägt auch die bevorstehende Wahl. Die Herrscher und ein großer Teil des Volkes stehen einander in einer Mischung aus Misstrauen, Angst und Unversöhnlichkeit gegenüber. Für die Paläste der Macht war 2009 das Jahr der tödlichen Gefahr. Zum ersten Mal in der dreißigjährigen Geschichte der Islamischen Republik forderten Zehntausende Iraner nicht nur Reformen – sie verlangten auch das Ende des Systems. Sie sprachen der Islamischen Republik Iran das Existenzrecht ab, das sie aus ihrer Sicht verwirkt hatte, weil sie den Willen des Volkes wiederholt mit Füßen getreten hatte. Es ging um alles oder nichts. Entsprechend gnadenlos war die Reaktion. Das Regime war zu allem bereit, weil es alles zu verlieren hatte.

Diese Brutalität hat die oppositionellen Iraner scheinbar bis heute gelähmt. Doch die Ereignisse des Jahres 2009 bleiben auch eine Quelle der Kraft. Denn viele Iraner sehen in den damaligen Protesten den Vorläufer zum Arabischen Frühling. Tatsächlich folgten die Aufstände in Tunesien, Libyen, Ägypten, Jemen und Syrien den iranischen Protesten im Sommer 2009. Der Iran also wäre aus dieser Sicht Vorreiter der demokratischen Bewegungen, welche die gesamte Region erfasst haben und bis heute nicht abgeflaut sind.