Wichtig ist, dass es nicht nach Wahlkampf aussieht. Deshalb hat Angela Merkel die Gummistiefel zu Hause gelassen und trägt im überfluteten Passau am Dienstagmorgen stattdessen wasserfeste Wanderschuhe, ein rotes Jackett und einen dunklen Sommermantel. Die Kanzlerin verspricht den Opfern der Flut Hilfe, hundert Millionen Euro, im Zweifel mehr. "Angesichts der Tatsache, wofür wir sonst Geld ausgeben, ist dieses Geld gut ausgegebenes Geld", sagt Merkel mit ernster Miene in ihrem typischen Merkel-Deutsch.

In Pirna legt die Kanzlerin Stunden später selbst Hand an und verlädt einen Sandsack. Im thüringischen Greiz, wo das Schlimmste überstanden ist, scherzt sie aufmunternd mit den Bürgern. Mit Krisen kennt Merkel sich aus, nur war die Krise bislang weit weg. Nun steht Merkel bis zu den Knien drin. Die Kanzlerin als Macherin, das ist eine neue Rolle für Merkel. Es ist die Rolle, in der Gerhard Schröder 2002 auf den letzten Drücker die Wahl gewann. Schon deswegen verbieten sich die Gummistiefel für Merkel.

Man konnte die Kanzlerin zuletzt häufiger in neuen Rollen betrachten: Paparazzifotos zeigten sie als nette Omi, die mit den Enkeln Urlaub macht. Im Bundespresseamt empörte man sich über diesen Angriff auf die Privatsphäre, aber in ihrer Wirkung waren die Bilder unbezahlbar: Wann beobachtet man schon mal einen Politiker heimlich und erwischt ihn dabei, dass er netter ist, als man dachte? Als Ossi-Funktionärin mit zweifelhafter Vergangenheit wollte eine Biografie sie zeichnen. Hängen geblieben sind vor allem schöne Jugendfotos und die Information, dass Merkel ein Leben vor der Politik hatte. Es steht zu vermuten, dass ihr auch die neuen Bilder eher nützen werden: Die Kanzlerin steht ihren Landsleuten in der Not bei und hilft. In den Wahlumfragen liegt die CDU seit Wochen stabil bei 40 Prozent, während die SPD bei schlappen 23 Prozent herumdümpelt.

Was also spricht eigentlich dagegen, dass Merkel im Herbst eine absolute Mehrheit bekommt?

So gut wie alles.

Denn die Kanzlerin und mehr noch ihre Partei leiden allem Anschein zum Trotz an schwerer Auszehrung, inhaltlich wie personell. Das Tempo und die Selbstverständlichkeit, mit denen Merkel die Pläne der SPD abkupfert, verschlägt selbst hartgesottenen Wahlkampfprofis den Atem. Und mit der Milliarden-Affäre um Verteidigungsminister de Maizière rückt in den Mittelpunkt, was hinter dem Bild der scheinbar unangreifbaren Kanzlerin aus dem Blickwinkel verschwunden war: Die Machtpartei CDU hat im Land keine Macht mehr, sie hat keine Ideen, und sie hat bald keine Leute mehr. Sie hat nur noch Merkel, die über allem zu schweben scheint. Reicht das?

Je mehr Minister Merkel abhandenkommen, umso dringlicher stellt sich die Frage: Wer ist da eigentlich noch? De Maizière, bislang eine der stärksten Stützen der Kanzlerin, droht zu einem Problem zu werden. Dass ihm mit seinem Bericht, mit dem er am Mittwoch, nach Redaktionsschluss der ZEIT, zu den Vorgängen um die Drohne Euro Hawk Stellung nehmen wollte, der Befreiungsschlag gelingen könnte, glaubt man nicht einmal in seinem Ministerium. Zu viele Fragen sind offen, zu hoch sind die Summen, um die es geht. Zu verführerisch ist für die Opposition die Aussicht, durch Angriffe auf ihren besten Mann die Kanzlerin selbst zu beschädigen.

Die landete inzwischen ihren vermeintlich nächsten Coup: Merkel adoptierte die Mietpreisbremse der SPD und versprach Wohltaten in Höhe von rund 20 Milliarden Euro: höhere Mütterrenten, mehr Kindergeld, kostenloses Internet für alle. Doch je mehr die Kanzlerin aus dem Wahlprogramm der SPD absaugt, desto lauter wird die Frage: Fällt ihr eigentlich gar nichts Eigenes ein?