Schon vor zwei Jahren hat Walter Kohl ein autobiografisches Selbsthilfebuch geschrieben. Jetzt folgt ein zweites, das man als therapeutisches Bastelbuch benutzen könnte. Es gibt darin Raum für allerlei Notizen und Arbeitsblätter. Unter dem Stichwort "Mein Versöhnungsweg" finden sich Anweisungen wie: "Alles auf den Tisch legen: – Brief(e) an mich selbst, – Verdichtung mit Highlighter".

Haltungsnoten für solche Meditationsstile zu vergeben sollte vielleicht nicht der Literaturkritik obliegen, besser einer Instanz, der es leichter fällt, zu sagen: Wenn’s hilft! Walter Kohls neuestes Projekt ist denn auch ein "Zentrum für eigene Lebensgestaltung", in dem man sich "ohne Absolutheitsansprüche" austauschen kann. Von öffentlichem Interesse aber wird auch das doch wieder nur der Rolle wegen sein, die Kohl die harte Arbeit am Selbst überhaupt erst aufgenötigt hat: die Rolle des Sohnes von Altbundeskanzler Helmut Kohl.

Die zentrale Verletzung des jungen Walter lokalisiert er selbst um den Deutschen Herbst 1977 herum, dessen terroristische Bedrohung in der Wahrnehmung des Kindes zugleich diffus und unmittelbar gewirkt haben muss. Kohl schildert eine Szene, in der ein Polizeibeamter ihm die Summe nennt, die bei seiner Entführung maximal als Lösegeld ausgegeben werden würde. Der Wert seiner Person kam ihm ausgemacht vor, so schreibt er, "auf Punkt und Komma auszudrücken in Deutscher Mark": fünf Millionen. Seine Eltern schienen einverstanden zu sein, konnten ihn jedenfalls vor der Angst nicht schützen. Möglicherweise hätte der Satz genügt, den Walter Kohl einmal seinem eigenen Sohn sagt: "Du musst dir keine Sorgen machen, dein Papa ist immer für dich da." Unter existenziellen oder praktischen Gesichtspunkten auch eine fromme Lüge. Allerdings eine, die aus einem völlig anderen emotionalen Klima stammt als aus dem jener Generation, die sich keine eigenen Gefühle leisten konnte oder wollte. Die ein Grillfest an die Bombenangriffe auf Dresden erinnern konnte. Kohl erzählt das von seiner Mutter Hannelore.

Sprachlich hält sich Kohl an die Maxime: "Ich liebe einfache Sätze, die als Binsenweisheiten daherkommen, unter Umständen aber doch mehr aussagen als ein langer Vortrag." Hinter verbindlichen Phrasen therapeutischer Rhetorik dräut der psychologische Plot nur umso prototypischer. Zumal der Leser die Umrisse des mächtigen Schattenmannes ja sofort vor Augen hat, um den es geht: diese massive Vaterfigur, die endlich nicht mehr Ursache für alles sein soll, doch kaum zu überwinden ist, zumal sie gleichzeitig abwesend und unansprechbar ist. Um Helmut Kohls Gebrechlichkeit im Alter kümmert sich mittlerweile seine zweite Frau, deren Geburtsjahrgang genau zwischen dem der beiden Söhne liegt, zu denen Helmut Kohl keinen Kontakt mehr hält – ob auf eigenen Wunsch oder auf Druck seiner Frau, ist nicht mit letzter Sicherheit zu klären.

Als Ausweg aus dem finsteren Herzen des alten BRD-Patriarchats weist Walter Kohl den Imperativ "Leben, was du fühlst". Die nächste Generation kann sich dann vielleicht damit beschäftigen, die ganz eigene Tyrannei dieses Drangs zur Selbsterforschung zu verarbeiten.