Eine Schatzkiste mit nie gesehenen Gemälden. Von einer Malerin, deren Entdeckung die Geschichte der Kunst verändern wird. Das ist der Traum eines jeden Kunsthistorikers, und nun scheint er sich tatsächlich zu erfüllen: Früher als alle anderen, so heißt es, noch vor Mondrian, Malewitsch und Kandinsky, habe die Künstlerin Hilma af Klint (1862 bis 1944) die Malerei revolutioniert und das erste abstrakte Bild der Moderne gemalt. Eine Frau, die ihr Akademiestudium in Stockholm mit Auszeichnung abschloss, die mehr als 1500 Gemälde und Zeichnungen hinterließ und von der bislang kaum jemand Notiz nahm – bei so einer Geschichte bekommt der Kunstbetrieb schwere Herzrhythmusstörungen.

Schade nur, dass die Sensation so sensationell dann doch nicht ist. Die "Pionierin der Abstraktion", wie ihre in Stockholm entwickelte und nun im Hamburger Bahnhof in Berlin gastierende Ausstellung heißt, war keineswegs so unbekannt, wie manche Zeitungen schreiben. Auch wenn die stets von Zweifeln geplagte Malerin zum Ende ihres Lebens ein 20-jähriges Ausstellungsverbot verfügte und so ihr verblüffend eigenständiges Werk der Wirkungsgeschichte lange entzog, sind ihre Bilder immer wieder groß gezeigt worden, in Stockholm, London, New York oder Frankfurt. In Fachkreisen kennt man diese Künstlerin ohnehin, verbucht sie aber zumeist als okkultistisches Spezialphänomen.

Denn af Klint begann als präzise Naturzeichnerin und leitete ihre abstrakten Arbeiten zunächst aus botanischer Anschauung ab. Dann jedoch lässt sie sich von esoterischen Motiven leiten, sie malt auf Weisung höherer Wesen. Und sie versteht ihre Abstraktion als Ausdruck einer anderen, fernen Welt. Hingegen begreift sie die formale Reduktion nie als Eigenwert und interessiert sich auch nicht für theoretische Reflexion. Deshalb halten manche Kunsthistoriker ihr Werk nicht für satisfaktionsfähig. Beflissentlich übersehen sie, dass auch einige von den etablierten Abstrakten – Klee ebenso wie Kandinsky – zum Okkultismus neigten.

Bei af Klint kam allerdings hinzu, dass sie sich in einen kleinen, ausschließlich weiblichen Zirkel zurückzog. Sie schützte sich gegen einen von männlichen Vorurteilen geprägten Kunstbetrieb, sie brauchte die Abgeschiedenheit, um ihren Studien nachzugehen. Es war eine systematische, fast schon wissenschaftliche Suche nach Bildern von einer übernatürlichen, unkörperlichen Welt. Ihr Werk – von den floralen Ornamenten bis zu den Prismen-Zeichnungen und strengen geometrischen Reduktionen – ist frei von romantischen Träumereien. Iris Müller-Westermann, die Kuratorin der Ausstellung, nennt sie eine Forscherin und möchte das Verständnis für die frühe Abstraktion im 20. Jahrhundert verändern. Es sei damals um die Öffnung für das Immaterielle gegangen, nicht allein um geometrische Zuspitzungen.

In Zusammenarbeit mit der Hilma-af-Klint-Stiftung hat Müller-Westermann die Archive digitalisieren und das Gesamtwerk fotografieren lassen. Sie hofft auf eine wissenschaftliche Schonzeit für das Werk und wünscht sich, dass die Stiftung, die dem Vernehmen nach kein nennenswertes Kapital besitzt, Verkaufsversuchungen widersteht. Private Sammler würden für die nie gehandelten Bilder gewaltige Summen zahlen, denn dieses Werk trifft den Nerv eines Kunstmarktes, der sich gerade mit hohen Einsätzen an der Moderne und ihren Nachfolgern orientiert. Auch deshalb übrigens erscheint die af Klint von 2013 der Kritik so viel sensationeller als die von 1989, als sie zum ersten Mal in einer Einzelausstellung des Moderna Museet gezeigt wurde.

Löst man sich von dem Spiel um Rekorde, Preise und genealogische Hierarchien, bleibt als Orientierungshilfe nur das singuläre Werk selbst, das nach langen Jahren der Randexistenz ein wenig detektivische Geduld verdient. Doch gerade dem Nicht-Avantgardismus in diesen Bildern nachzuspüren lohnt sich. Noch um 1920 tauchen Hafer-Rispen als zarte Zitate auf einem Blatt auf, das theosophische Symbole zu minimalistischen Diagrammen reduziert. Zuweilen scheint af Klint ihrem Landsmann, dem Naturforscher Carl von Linné, und den zoologischen Zeichnungen seiner Systema Naturae näherzustehen als der Malereigeschichte ihrer Zeit. Gerade der botanische Blick bereitet und prägt ihre Abstraktionen, hier scheinen Natürliches und Übernatürliches eine lange verlorene Partnerschaft einzugehen. Noch die reduziertesten Formen dienen dem Zweck, das konkrete Abbild einer spirituellen Welt zu entwerfen.

So wird die Ausstellung – als behutsame Nachbarschaft der Gegensätze inszeniert – zu einer Entdeckungsreise. In ihr verwandeln sich religiös-mystische Motive wie die schwarz-weiße Spiegelung eines Schwans im Nu in ornamentale Muster höchsten Abstraktionsgrades, um wiederum in Prismen oder Kreisgeometrien übersetzt zu werden. Hier kämpft nicht eine Künstlerin um ihren Individualstil. Vor den Augen der Ausstellungsbesucher wird das malerische Handwerk zum Kaleidoskop, in dem mathematische Raster ebenso ihren Platz haben wie expressive Gesten. In den monumentalen Tempel-Gemälden fallen Schrift und Linie zusammen, der niedlichste Schnörkel und das rationalste Diagramm finden zu friedlicher Koexistenz.

Die enorme Freiheit dieser Malerin auf der Höhe ihrer Zeit und ihre völlige Isolation lassen sich nicht trennen. Einige ihrer radikalsten Formentscheidungen werden erst Jahrzehnte später zum Gemeingut der Malereigeschichte. Hilma af Klint hat aber keinen Einfluss auf diese Geschichte genommen. Sie ist eine Pionierin ihrer selbst. Und das kann, wie diese Ausstellung zeigt, aufregender sein als ein später Umsturz der Kunstgeschichte.

Vom 15. Juni bis zum 6. Oktober im Hamburger Bahnhof Berlin (hilmaafklintinberlin.de)