Investoren, Finger weg!

Basel hat Fieber. Wie immer im Juni, wenn die wichtigste Kunstmesse der Welt in der Stadt ist. Die Art Basel ist der Megabasar des Kunstbetriebs. Mit Happenings und Partys, mit Podien und Performances. Doch im Zentrum von allem steht: das große Geschäft.

300 Galerien buhlen um die Gunst der 60.000 Besucher. Also um deren Geld. Der weltweite Kunstmarkt machte 2012 einen geschätzten Umsatz von 52 Milliarden Franken. Tendenz steigend, trotz Krisen und Rezessionen. Und die Schweiz gehört, auch dank der Art Basel, zu den fünf wichtigsten Handelsplätzen.

Nur: Lohnt es sich auch, Kunst zu kaufen?

Ist also Edvard Munchs Der Schrei seine 120 Millionen Dollar wert, die er vor einem Jahr bei einer Auktion erzielte? Oder hat sich der anonyme Käufer von Jackson Pollocks No. 5, 1948 über den Tisch ziehen lassen, als er dafür die Rekordsumme von 140 Millionen Dollar hinblätterte? Und was ist dem Kunstbeflissenen zu raten, der seine Tausender in einem echten Urs Fischer, einem Original-Brancusi oder in einem Marmor-Sofa von Ai Weiwei anlegen will?

Das fragten sich auch die beiden Ökonomen Luc Renneboog und Christophe Spaenjers; der eine ist Professor an der Universität Tilburg, der andere lehrt an der HEC Paris. Gemeinsam haben sie über eine Million Kunsttransaktionen analysiert. Die Verkäufe und Käufe von Bildern und Zeichnungen aus den Jahren 1957 bis 2007 bilden die umfangreichste Kunsthandel-Datenreihe, die je zusammengetragen und ausgewertet wurde. Ihre Ergebnisse publizierten die beiden Wissenschaftler kürzlich im Fachjournal Management Science.

Und siehe da: Kunstkaufen ist lukrativ. Zumindest auf den ersten Blick.

"Kunst hat jährlich um 3,97 Prozent an Wert gewonnen", schreiben die Ökonomen Renneboog und Spaenjers in ihrem Paper. Das entspricht dem durchschnittlichen Ertrag, den ein Anleger mit Unternehmensanleihen erzielt.

Doch das Geschäft mit der Kunst hat einen Haken: das hohe Risiko.

"Kunstanlagen haben im Schnitt eine kleinere jährliche Rendite als Finanzanlagen und weisen ein größeres Risiko aus", sagt der Zürcher Ökonom Bruno S. Frey. Eine Aktie, eine Option oder eine Fondseinlage liegen heute relativ sicher als digitale Datei auf irgendeinem Bankserver. Aber Kunst altert, sie wird geklaut oder zerstört. Und manch ein neu entdeckter alter Meister entpuppte sich nach dem Kauf als erstklassige Fälschung.

Wer in Kunst investiert, arbeitet den Superreichen in die Hände

Zudem bezahlt, wer sein Geld in Kunst anlegt, horrende Versicherungsprämien. Sie betragen bis zu 0,5 Prozent des Werkpreises. Für das 140 Millionen Dollar teure Action-Painting von Jackson Pollock macht das 700.000 Dollar – pro Jahr.

Bereits der Erwerb eines Kunstwerks ist viel teurer als der Kauf eines Wertpapiers. Wer eine Finanzanlage erwirbt, bezahlt seiner Bank rund ein Prozent des Kaufpreises; bei einem Gemälde, einer Plastik oder einer Videoinstallation sackt der Händler bis zu 25 Prozent ein.

Kunst-Hedgefonds konnten sich nie durchsetzen

Die New York Times vergleicht den heutigen Kunstboom mit dem Goldrausch im frühen 19. Jahrhundert: "Unmengen von Menschen wollten Gold finden, aber das Geschäft machten die Mittelsmänner, die Pickel und Waschpfannen verkauften." In der Kunstwelt sind das die Berater, die Galeristen – oder die Künstler. Aber die fiebrigen Kunstkäufer, die Goldsucher, sie gehen meist leer aus.

Sogar wer Abermillionen in seine Kunstsammlung steckt, macht nicht den großen Reibach. Es ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Gemälde, das für mehr als 30 Millionen Dollar den Besitzer wechselte, mit einem Gewinn weiterverkauft wurde. Kein Wunder also, dass sich Kunst-Hedgefonds, die das Geld von mehreren Anlegern in Gemälden anlegen wollen, bis heute nicht durchgesetzt haben. Die Gefahr eines Verlustgeschäfts ist den knallharten Rechnern zu hoch, die Rendite zu gering. Sie setzen lieber auf andere Boombranchen: Immobilien oder Rohstoffe.

Das größte Risiko für einen Investor birgt aber der seltsame Charakter des Kunstmarkts.

An der Aktienbörse platzieren Abermillionen Anleger mit den unterschiedlichsten Interessen ihr Geld: Die Pensionskasse setzt auf Sicherheit, der Daytrader auf den schnellen Gewinn. Der Kunstmarkt hingegen wird von ein paar milliardenschweren Sammlern dominiert. Sie kaufen die wichtigsten Werke, sie setzen die Trends, sie arbeiten Hand in Hand mit Künstlern und Galeristen. Kurzum: Sie machen die Preise.

Untersuchungen des englischen Kunstmarkts zeigen: Verdient das reichste Promille der Bevölkerung nur ein Prozent weniger, stürzen die Kunstpreise um zehn Prozent nach unten. Wer in Kunst investiert, der wettet also auf die unaufhaltsame Wohlstandsvermehrung der Superreichen.

Für die Ökonomen Luc Renneboog und Christophe Spaenjers ist deshalb klar: Unterm Strich sind Kunstinvestments "viel weniger attraktiv als Finanzanlagen".

Trotzdem streifen dieser Tage fiebrige Kunstsammler durch die Basler Messehallen und setzen ihre Unterschriften unter millionenschwere Kaufverträge. Man kann nur hoffen,dass sie von anderen als pekuniären Interessen getrieben sind. Denn Bruno S. Frey sagt: "Kunst zu kaufen lohnt sich, wenn sie gefällt." Die Freude am Besitz könne die geringere Rendite leicht übertreffen.