Streiks bei Amazon, Lohndumping bei Edeka und ein Karstadt-Chef, der das Weite sucht. Im Einzelhandel herrscht Aufruhr, die Tarifverträge stehen zur Disposition – und damit ein Regelwerk, das über Jahrzehnte eine verlässliche Grundlage bot. Doch die bröckelt. Und das ist bedrohlich, nicht nur für die drei Millionen Beschäftigten im Handel, sondern auch für die Unternehmen. Schon heute steht es um ihr Image als Arbeitgeber nicht gerade zum Besten.

Aktuell geht es um die Erhöhung der Löhne und Gehälter; die Verhandlungen laufen schleppend. Eine Prognose wagt niemand, weder über den Inhalt noch über das mögliche Ende der Konflikte. Diesmal könnten sie besonders lange dauern. Denn die Kontrahenten sind so zerstritten wie nie zuvor.

Es sind nicht mehr nur die üblichen Querelen, die Gewerkschaften und Arbeitgeber trennen. Wie Blei lastet auf beiden Seiten ein gescheitertes Projekt, in das sie viel Hoffnung gesetzt hatten. Der Plan war, die gesamte Struktur des uralten Tarifrechts zu entrümpeln: eine notwendige, aber zeitraubende Detailarbeit. Zehn Jahre lang – einschließlich aller Pausen – arbeiteten Gewerkschafter und Arbeitgeber gemeinsam daran. Vergeblich. Schließlich siegte das Misstrauen. Die Gewerkschafter zogen sich Mitte vergangenen Jahres zurück. Seitdem geht fast nichts mehr zwischen ver.di und dem Branchenverband HDE, der die Händler vertritt.

Bei ver.di fürchtet man, dass die Arbeitgeber nur ein Ziel verfolgen. Und das lautet: Kosten senken. Das geht auf verschiedenen Wegen; der direkte ist, Löhne zu senken. Doch das wirkt plump und ist für jeden offensichtlich. Es geht auch eleganter, indem man die Qualifikation von Berufsbildern verändert oder die Arbeitszeit flexibilisiert – zulasten der Arbeitnehmer. Beim HDE streitet man ab, so hinterhältig zu agieren und nur das eine im Kopf zu haben. Dort heißt es, die Gewerkschafter hätten sich intern über ihre Strategie zerstritten, deshalb torpedierten sie das Projekt nun. Zurzeit ist nicht absehbar, ob und wann es wieder in Gang kommt.

Während die Gewerkschafter revoltieren, flüchten die Arbeitgeber aus der Bindung ebenjener Verträge, deren Reform bislang nicht gelang; manche gegen ihre eigene Überzeugung. Deshalb orientieren sich etliche auch ohne formale Tarifbindung weiterhin an den brauchbaren Regeln aus dem ansonsten verstaubten Werk. Es stammt noch aus der Zeit der Gaslaternen, in der es noch Kaltmamsells und Fahrstuhlführer gab, Teamabsprachen oder eine Vertrauensarbeitszeit aber noch unbekannt waren.

Doch es gibt auch Unternehmer, die das alles nicht interessiert. Sie ignorieren die Tarifverträge aus purem Eigennutz und speisen ihre Mitarbeiter mit Billiglöhnen ab. Waren es früher Schlecker, Lidl oder Aldi, die wegen umstrittener Praktiken in die Schlagzeilen gerieten, sind es neuerdings Kaufleute, die man lange Zeit eher zu den Guten zählte. Etwa die von Edeka.

Ihr ehemaliges Markenzeichen: Sie handeln seriös und sind fair zu den Mitarbeitern. Doch dann mehrten sich bei ver.di die Klagen. Und zwar von jenen, die in den privatisierten Läden arbeiten. Seit einigen Jahren verkauft der genossenschaftlich organisierte Edeka-Konzern seine Filialen verstärkt an einzelne Unternehmer, die zwar im Verbund bleiben, aber ansonsten selbstständig agieren. Nach der Beobachtung von ver.di heißt das für die Mitarbeiter nicht selten: weniger Rechte und weniger Geld. Tarifverträge sind plötzlich Tabu, Gewerkschaften und Betriebsräte sowieso. Jüngst kam ver.di einem Unternehmer von Edeka in Hamburg auf die Schliche, der seinen Verkäuferinnen im fünften Berufsjahr nur 6,50 Euro in der Stunde zahlt.

Über solches Gebaren kann sich Frank Ebrecht nur wundern. Er ist Prokurist bei Edeka-Niemerszein in der norddeutschen Metropole. In dieser Filialkette bekommt eine Verkäuferin den Tariflohn, und der beträgt 12,24 Euro. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass schlecht bezahlte Mitarbeiter morgens mit einem Lächeln in den Laden gehen und die Kunden freundlich und kompetent bedienen", sagt Ebrecht. Allerdings stößt Niemerszein mit seinen acht Filialen inzwischen an die Grenzen des guten Unternehmertums.

So würde Ebrecht die Ladenöffnungszeiten gerne verlängern, müsste dafür aber laut Tarif für die Arbeit in den Abendstunden kräftig drauflegen – ein klarer Wettbewerbsnachteil gegenüber jenen Konkurrenten, die in solchen Fällen externe Dienstleister engagieren, um Personalkosten zu sparen. Was deren Mitarbeiter verdienen, muss sie schließlich nicht kümmern.

Ebrecht könnte sich genauso aus der Verantwortung stehlen, hat aber "ein schlechtes Gewissen". Warum? "Dann hätten wir eine Zweiklassengesellschaft im Unternehmen." Und die käme weder bei den Mitarbeitern noch bei den Kunden gut an.