Als das Wasser kam, wehrten sich die Menschen nach Kräften: Sie stellten Schutzwände auf, brachten ihr Hab und Gut in Sicherheit und verstärkten die Dämme. Die Gemeinde Baumgartenberg in Oberösterreich hatte Glück, der Machlanddamm hielt dem Druck der Wassermassen stand. Nur ein paar Zentimeter hätten gefehlt, und das gigantische Bauwerk wäre überspült worden. Es war erst im vergangenen Jahr fertiggestellt worden, fünf Jahre eher als geplant. "Das war auf Messers Schneide", sagt Bürgermeister Erwin Kastner. "Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen."

Besonders gefährdete Gebiete waren nach der Hochwasserkatastrophe des Jahres 2002 sogar ganz geräumt worden. 250 Häuser wurden für die Schutzmaßnahmen abgesiedelt. Wer blieb, steht nun erneut vor den Trümmern seiner Existenz. Für jene, die ihre Heimat verlassen haben, hat die Flut die Bestätigung gebracht, dass es richtig war zu gehen. Seit dem Jahrhunderthochwasser vor elf Jahren setzt die Politik auf ein umfassendes Hochwassermanagement. Nicht nur Dämme sollen künftig die Fluten zurückhalten, die Flüsse sollen wieder Platz bekommen, sich auszubreiten. Ein Unterfangen, das sich als Illusion herausstellen könnte, zu verbaut sind die Ufer bereits.

Hochwasser und Überflutungen waren schon immer Teil der Menschheitsgeschichte. Sie begegnen in der Bibel, in Sagen und Märchen. Die Schwemme machte in der Antike den Boden in Ägypten fruchtbar, blieb sie aus, waren Hungersnöte die Folge. In Europa war die Flut ein Unheilsbringer – und wurde nicht selten als Strafe Gottes empfunden. Trotz aller Bemühungen und technischen Fortschritts: Der Mensch kann sich aus der Natur nicht herausnehmen.

Erwin Kastner ist seit 23 Jahren Bürgermeister und hat viele Hochwasser miterlebt. Seit dem 11. Jahrhundert sind Aufzeichnungen zu Überflutungen, die große Teile des Ortes zerstörten, in der Dorfchronik zu finden. Nun schützt ein 45 Kilometer langes System aus einem Erdwall, Mauern und Mobilwänden die oberösterreichischen Gemeinden entlang der Donau. Die Kosten dafür: 181 Millionen Euro.

Das Siedeln am Wasser brachte Vorteile: Lange war Wasserkraft die wichtigste Energiequelle, waren Flüsse wichtige Verkehrsadern und Müllabfuhr zugleich. Kleinere Hochwasser in kurzen Abständen, oft im Jahresrhythmus, waren nichts Besonderes. Auch große Fluten gab es immer wieder. Etwa das Jahrtausendhochwasser von 1501. "Wir haben aber praktisch keine Nachrichten über Todesfälle", sagt Christian Rohr. Der Oberösterreicher ist Professor für Umwelt- und Klimageschichte an der Universität Bern. "Es muss schon im ausgehenden Mittelalter eine Art Vorwarnsystem gegeben haben." Das Hochwasser sei Teil des Alltags und sogar ein Wirtschaftsfaktor geworden. Städte wie Wels, wo große Holzbrücken die Ufer verbanden, brauchten mehr Zimmerleute für häufige Reparaturen.

Im 19. Jahrhundert wurden die Flüsse Mitteleuropas zunehmend eingegrenzt, ihre Läufe begradigt. Doch das Wasser ließ sich nicht zähmen. Zwar verschwanden die kleinen, öfter wiederkehrenden Hochwasser. Geblieben sind die großen Ereignisse, die Jahrhunderthochwasser.

600 Meter weiter wieder aufgebaut

Konzertierte Absiedlungen ganzer Ortschaften sind historisch eher selten. Zu groß waren die Vorteile der Flusslagen, zu festgefahren die Besitzverhältnisse von Grund und Boden, zu kostspielig ein Neubau ganzer Siedlungsgebiete. Und doch finden sich Beispiele. So gab es bis ins 12. Jahrhundert nahe Wien eine Ortschaft zu beiden Seiten der Donau namens Neuburg. Immer wieder war sie vom Hochwasser zerstört worden. Bis schließlich der östliche Teil 2,3 Kilometer weiter weg neu errichtet wurde, erzählt Rohr. Er heißt seitdem Korneuburg.

Mehr als 700 Jahre später versank Oberndorf bei Salzburg 1899 komplett in der Salzach. Die Regierung machte die Katastrophenhilfe davon abhängig, den Ort 600 Meter weiter wieder aufzubauen. Das nächste große Hochwasser 1954 überstand Oberndorf trocken. Dann passierte lange Zeit nichts, der Fluss blieb in seinem Bett. Neue Einfamilienhäuser ließen den Ort wachsen. An die Hochwassergefahr konnte sich bald niemand mehr erinnern. 2002 kam es dann wieder zu massiven Schäden; ausgerechnet an der Stelle, die einst geräumt worden war.

Die Regierungen, gleich welcher Couleur, nahmen den Hochwasserschutz ernst – wenn auch die Kompetenzzersplitterung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden für Verzögerungen in der Umsetzung sorgte. Beim passiven Hochwasserschutz, also der Räumung gefährdeter Zonen, gehörte Österreich sogar zu den Vorreitern. Bereits in den siebziger Jahren war es in Niederösterreich zur Absiedlung von mehr als 100 Häusern gekommen – freiwillig und möglichst unter Beibehaltung der gewachsenen sozialen Bindungen. Die Flächen wurden in immerwährendes Grünland rückgewidmet.