Sie steht in der Tür unter dem Blau der Glyzinien, die den Eingang des roten Backsteinhauses überwuchern, daneben der gelbe Ginster, wie gemalt, als trete sie soeben aus einem ihrer eigenen Bilderbücher hervor: die Zeichnerin und Malerin Judith Kerr. Jedes Kind kennt sie, millionenfach wurden ihre Bücher über den Tiger verkauft, der zum Tee vorbeikam und dann den Wasserhahn bis auf den letzten Tropfen leer trank, und über den Kater Mog, der so vergesslich ist. Jedes von diesen Büchern vermittelt die Atmosphäre eines unerschütterlichen Zuhauses inmitten einer farbigen Welt, dessen Vorbild zweifellos hier liegt: am Rand von zerzausten Wiesen, von unordentlichen Brachen und Wald, weit unten im Südwesten Londons, wo bisweilen ein Bus vorbeikommt. Seit mehr als 50 Jahren lebt und malt Judith Kerr in diesem Haus. Beinahe immer schon.

Warten Sie einen Moment, sagt sie, und springt die steile Treppe hinauf, ins Atelier unterm Dach, als sei sie ein junges Mädchen, im Nu ist sie oben und ebenso schnell zurück. Sie holt den Kaffee und setzt sich gegenüber, in die andere Sofaecke, überschlägt die Beine, zieht das Knie zu sich heran: ein Mädchen aus London, geboren 1923 in Berlin als Tochter des großen Theaterkritikers Alfred Kerr, das heute noch ein nuancenreiches Berliner Kinderdeutsch spricht. Am 14. Juni wird sie 90. Auf dem Tisch liegt das Buch Judith Kerr’s Creatures, eine englische Festausgabe ihres Werks, das Vorabexemplar, im Sommer wird es erscheinen.

Ist das merkwürdig, wenn man zu seinem 90. Geburtstag immer noch nach der Kindheit gefragt wird, zumal wenn Besuch aus Deutschland kommt? "Ich hoffe, dass ich jetzt besser zeichne als damals", sagt Judith Kerr mit ihrem feinen, aufmerksamen Lächeln, das Abstand wahrt. Ihre Kinderzeichnungen hat die Mutter geistesgegenwärtig Anfang März 1933 ins Fluchtgepäck gepackt, als die Familie innerhalb weniger Tage in die Schweiz aufbrach, gerade noch rechtzeitig, bevor die Pässe konfisziert wurden, und eingepackt hat sie auch Judith Kerrs erste Gedichte. Jetzt ist manches davon in einer Ausstellung im Bilderbuchmuseum auf Burg Wissem in Troisdorf zu sehen.

Diese Kindheit kennt fast jedes Schulkind in Deutschland, seitdem Judith Kerr die Geschichte ihrer Emigration erst in die Schweiz, dann nach Paris, dann nach London als Roman niederschrieb, der 1971 auf Englisch und auf Deutsch 1973 erschien: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl steht in Deutschland inzwischen in fast 1,3 Millionen Bücherregalen. Dieser Roman wuchs zu einer Trilogie an, die Kerr auf Englisch in diesem Haus verfasste, während ihre eigenen beiden Kinder Matthew and Tracy heranwuchsen, 1975 erschien Warten bis der Frieden kommt über die elenden Londoner Kriegsjahre, schließlich 1979 Eine Art Familientreffen, das vom Wiedersehen der erwachsenen Kinder Kerr mit ihrer Mutter in Berlin, nach deren Selbstmordversuch im Jahr 1956, erzählt.

"Mein Vater hatte die Begabung zum Glück. Ich habe sie auch"

Ja, ein wenig merkwürdig sei es schon, immer wieder nach der Kindheit gefragt zu werden, antwortet dann Judith Kerr: "Ich bin doch Zeichnerin und nicht Schriftstellerin. Ich habe versucht, auch noch einen normalen Roman zu schreiben, anderthalb Jahre lang. Aber es ging einfach nicht. Ich hatte einen perfekten Plot ausgedacht. Aber es gab einfach keinen Grund, warum ich das Buch schreiben sollte. Als ich hingegen am Rosa Kaninchen arbeitete, habe ich darüber vergessen einzukaufen. Es gab zum Abendbrot immer nur Schinken."

Mit Bleistift hat sie damals Seite um Seite vollgeschrieben und radiert, "bis das Papier durch war", ermuntert hat sie ihr Mann, der Drehbuchautor Nigel Kneale, der sechs Jahre nach seinem Tod in Kerrs Sätzen anwesend ist, als käme er gleich herein zum Tee, wie er es 52 gemeinsame Jahre über getan hat. Heimat, das war offenbar er, in diesem Haus. Wenn Judith Kerr von ihm spricht, wechselt sie vom Präsens ins Imperfekt und zurück, als sei er mal fort und dann wieder da. Überhaupt scheinen Menschen und ihre Werke an diesem Ort die einzigen Werte zu sein, die zählen, außerdem Katzen natürlich und die Blumen des Gartens, aber Kostbarkeiten im üblichen Sinne – Mobiliar, Kunst, Schmuck, Instrumente – sind nicht zu sehen.

Wer weiß, wie viel Zeit zum Fragen noch bleibt, also: fragen, fragen! Hat sie, die mit neun Jahren aus ihrer Muttersprache ins Französische, dann ins Englische emigrierte, den berühmten Stil ihres Vaters Alfred Kerr gekannt und geschätzt? "In der Grundschule sollte ich einmal das Leben einer Kuh beschreiben, und weil ich das so langweilig fand, schrieb ich: ›Und siehe da, die, die gestern noch fröhlich Gras fraß, liegt jetzt tot da!‹ Das fand ich fein: die Komma die! Aber so schrieb mein Vater wirklich nicht!" Sie lacht ein warmes Lachen, in ihr hat Alfred Kerr seine Anwältin. Seine Prosa besteht aus unerbittlich kurzen Sätzen, mit denen er focht wie mit schneidenden Klingen, Brecht war für ihn ein "Ragoutkoch", Karl Kraus ein "Zwanzig-Pfennig-Aufguß von Oscar Wilde", Thomas Mann war nicht amüsiert.