Das will Julian, 9 Jahre, aus Hannover von der ZEIT-Redaktion wissen

Lustig ist, lieber Julian, dass Du mit Deiner Frage ausgerechnet aus Hannover kommst! Aus der Stadt, in der man das reinste Hochdeutsch spricht. Und sich natürlich fragt: Warum können nicht alle Deutschen unser Hochdeutsch sprechen? Es gäbe keine Verständnisprobleme mehr. Schluss mit den dummen Witzen auf Kosten von Bayern, Sachsen und Ostfriesen! Und die Kinder müssten keine zwei Sprachen mehr lernen – Dialekt und Hochdeutsch.

Ich schmuggele Dir jetzt mal zwei Wörter in Deine Frage: Warum sprechen die Menschen in Deutschland immer noch verschiedene Dialekte? Damit will ich andeuten, dass die Dialekte – man kann auch sagen: Mundarten – sehr alte Ausdrucksformen sind. Viel älter als das Hochdeutsche! Viele sind im frühen Mittelalter entstanden, am Ende der Völkerwanderung, als die umherziehenden germanischen Stämme sesshaft wurden und eigene Sprachen entwickelten. Manchmal lag nur ein Fluss oder ein Höhenzug zwischen zwei Dialektgebieten, manchmal eine Landesgrenze. Und weil sich die meisten Menschen jahrhundertelang nicht aus ihren Dörfern und Städten bewegten, störte es niemanden, wenn 30 Kilometer weiter eine völlig andere Sprache gesprochen wurde.

Erst mit zunehmendem Handel, bequemeren Transportmöglichkeiten und natürlich durch die besseren Möglichkeiten zu verreisen entwickelte sich neben den Dialekten wieder eine gemeinsame "Standardsprache", wie die Sprachwissenschaftler sagen. Das ist ein bisschen so wie heute mit Englisch, mit dem man fast überall irgendwie zurechtkommt. Und so wie das Internet Englisch weltweit verbreitet, hat in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls ein Medium dem Hochdeutschen geholfen – das Radio. Bald hatte sich herumgesprochen, dass der moderne Mensch Hochdeutsch spricht. Doch in den Herzen der Menschen sah es anders aus: Noch vor 60 Jahren, als ich ein Kind war, kam den meisten Deutschen das Hochdeutsche wie eine Fremdsprache vor.

Heute verschwinden die Dialekte. Nur noch jeder vierte oder fünfte Deutsche spricht die meiste Zeit Mundart. Und es werden immer weniger. Am schnellsten stirbt der Dialekt in Norddeutschland und überall dort, wo Niederdeutsch oder "Platt" gesprochen wird. Doch selbst Bayern ist betroffen. Menschen ziehen immer öfter um. Sie sind viel mit Autos oder der Bahn unterwegs. Und immer mehr Einwanderer lernen am liebsten Hochdeutsch statt Pfälzisch oder Schwäbisch oder Hessisch. Und die Eltern reden mit den Kindern nicht mehr Mundart, damit sie es später im Leben leichter haben.

Das Sterben der Dialekte finden aber auch immer mehr Menschen schade. In Bayern gibt es Vereine zur Rettung des Bairischen – und in Hamburg lernen die Kinder an manchen Schulen wieder Platt. Warum? Himmiherrgottsakrament: weil man auf Hochdeutsch nie und nimmer so saftig schimpfen und fluchen kann wie im Dialekt! Bestimmt hat die Liebe zum Dialekt auch mit Heimatgefühl zu tun. Und sicher ist auch: Dialekt macht Spaß. Musiker wie die Kölner Gruppe BAP schwören auf kölsche Texte. Asterix und Obelix auf Sächsisch oder Schwäbisch sind toll! Star Wars auf Hessisch oder Kölsch – umwerfend komisch!

Das beste Argument für Platt und Co.: Dialekt ist reine Natur! Wusstest Du, lieber Julian, dass viele Vögel einen Dialekt pfeifen? Vogelkenner hören am Gesang von Buchfinken, aus welcher Ecke des Landes sie kommen. Dat is jeck, wa?