Sein dichtes Haar leicht genialisch nach hinten gekämmt, die charakteristisch hohe Stirn über wachen Augen dutzendfach zerfurcht: Das Antlitz von Walter Jens ähnelte verblüffend dem des Dichters Stefan George. Die antike griechische Welt liebten beide, den hohen Ton beherrschten sie wie niemand sonst in ihrer jeweiligen Generation – doch während George den Staat einiger Auserwählter herbeidichten wollte, besang der zeitlebens asthmakranke Walter Jens die Demokratie. Seine republikanische Rhetorik machte den schlaksigen Professor zum wortmächtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik. Am 9. Juni ist er für immer verstummt: Neunzigjährig verstarb der gebürtige Hamburger Walter Jens in seiner Wahlheimat Tübingen.

Der Krankheit abgerungen war sein ganzes langes Leben. Einen Großteil seiner Kindheit verbrachte der Sohn eines kleinen Bankdirektors und einer Volksschullehrerin lesend in Sanatorien; Thomas Manns Zauberberg trug er denn auch in den Kriegsjahren stets als Lebenselixier bei sich. Jahrzehnte später kamen immer wieder Depressionen hinzu. Doch seit 1951 war er mit seinem ebenfalls aus Hamburg stammenden Schutzengel verheiratet: Die zentrale Rolle von Inge Jens für Leben und Werk ihres Mannes kann man kaum hoch genug veranschlagen. Es war eine besondere intellektuelle Symbiose, die in späten Jahren dem Paar mit seinen Büchern über die Familie Mann eindrucksvolle Bestsellererfolge bescherte.

Die Krankheit war für Jens zunächst ein Glück: Der Abiturient des renommierten Hamburger Johanneums musste 1941 ihretwegen nicht zur Front, sondern konnte studieren, erst in Hamburg beim Gräzisten Bruno Snell, dann in Freiburg, wo er auch Martin Heidegger hörte. 1944 wurde der 21-Jährige mit einer Arbeit über Sophokles promoviert. Jens und der Nationalsozialismus: Das ist wie bei vielen seiner Generation ein komplexes Thema. "Oh, wie ich ihn hasse, diesen Zwang", hatte seine Mutter bereits 1934 angesichts einer Naziparade ausgerufen. Es gibt die übliche Anpassung des Hitlerjungen Walter, aber auch Distanz zum Regime – seinen Professor Snell begrüßt er mit "Guten Tag" und nicht mit "Heil Hitler". Im Juni 1944 wagt er vor gleichgesinnten Studenten, darunter der spätere Historiker Ernst Nolte, einen Vortrag über den Emigranten Mann und ruft in virtuoser Doppeldeutigkeit "Thomas Mann, du großer Dichter, auf Wiedersehen!" aus – niemand denunziert ihn.

Hingegen erfahren er und die Nation 2003, dass Jens am 20. November 1942 die Mitgliedschaft in der NSDAP trotz Aufnahmesperre erfolgreich beantragt hatte. "Ich frage mich selber: Warst du in der NSDAP?": Jens kann sich nicht erinnern, bekannte allerdings seine Scham darüber, dass er in einer Rede als 18-, 19-Jähriger von "entarteter Literatur" gesprochen habe.

Nach 1945 begann eine glanzvolle, partiell atemberaubende Karriere. 1949 habilitiert er sich in Tübingen über Tacitus, 1950 erscheint sein heute vergessener Roman Nein. Die Welt der Angeklagten, der zu einem internationalen Erfolg wird; im gleichen Jahr ist er erstmals bei einer Tagung der Gruppe 47 dabei. Bald wird er neben Walter Höllerer, Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki und später Hans Mayer zum führenden Kritiker in der Gruppe.

Martin Walser beschrieb 1962 ironisch den Kritiker Jens als Mann mit den Scherenhänden, mit denen er sich manches vom Leib hält: "Vor allem aber wird er Dein Vorgelesenes immer wieder in die Luft werfen und immer wieder selbst auffangen, um zu sehen, wie schwer es ist, wie viel es aushält." 1956 bekommt Jens eine Professur in Tübingen, später wird daraus ein Lehrstuhl für Rhetorik. Die in den fünfziger Jahren ehrgeizig betriebene Prosa gibt er weitgehend auf; er übersetzt fortan viele antike Stoffe, schreibt gelehrte Essays – und der überfüllte Hörsaal seiner Universität lässt ihn zum akademischen Star werden.

Tübingen als geistige Lebensform ist in den sechziger Jahren nicht mehr nur die Reminiszenz an Hegel und Hölderlin, sondern wird von den aus der DDR übergesiedelten Intellektuellen Ernst Bloch und Hans Mayer verkörpert – und eben vom 40-jährigen Walter Jens. Später gesellt sich noch Hans Küng hinzu, mit dem er eng befreundet ist.

Der öffentliche Intellektuelle wird für Jens zur bevorzugten Daseinsform, in der er virtuos diverse Rollen spielt. Ebenfalls 1963 wird er zum Begründer der publizistischen Fernsehkritik: Wöchentlich kommentiert er in dieser Zeitung unter dem legendären Pseudonym Momos das TV-Geschehen. Und er ist auch Stammvater aller heutigen Fußball-Intellektuellen: Als Kind Fan des Eimsbütteler TV, später Torwart einer Studentenmannschaft, lebt der Professor seine Leidenschaft für den Sport in Reden und Talkrunden aus; er befreundet sich mit dem Bremer Trainer Otto Rehhagel.

Längst ist Jens das intellektuelle Spielfeld der Antike zu klein. Er beschäftigt sich mit seinen Hausgöttern Lessing und Fontane, schreibt viel über Literaturgeschichte. Und es folgt die protestantische Kehre: Die Bibel wird in den siebziger Jahren zur wichtigsten Anregung für ihn; bald übersetzt er die Evangelien neu. Regelmäßig reist er in die DDR, wo er engen Kontakt zu evangelischen Christen hält. Da ist er schon der friedensbewegte Pazifist: 1979 redet er als Gast auf dem SPD-Parteitag vehement gegen Helmut Schmidts Nachrüstungspläne, 1983 ist er mit seiner Frau dann bei der legendären Sitzblockade gegen Mittelstreckenraketen in Mutlangen dabei, wofür er sich vor Gericht ebenso verantworten muss wie acht Jahre später für den Unterschlupf, den er amerikanischen Deserteuren während des Golfkriegs gewährt. Seine zahllosen Ämter hat das nicht beeinträchtigt: Von 1976 bis 1982 war er Präsident des PEN-Zentrums; nach 1989 organisierte er so umstritten wie erfolgreich die Vereinigung der Berliner Akademie der Künste mit ihrem östlichen Pendant.