Es geschah an einem Montag

Nur eine schmale Straße trennt Thomas Matczak am 26. Januar 1998 in Jena von Uwe Böhnhardt. Er könnte hinübergehen und ihn festnehmen. Aber Matczak geht nicht hinüber, keiner seiner Kollegen geht hinüber an jenem Montagmorgen. Es ist kalt. Die Polizisten durchsuchen zwei Garagen nach Sprengstoff. Böhnhardt wird verdächtigt, Bomben zu bauen, als er gegenüber seinem Elternhaus eine Sporttasche in den Kofferraum seines Wagens legt und davonfährt. Thomas Matczak ist einer der letzten Polizisten, die ihn sehen, bevor Böhnhardt gemeinsam mit Uwe Mundlos und Beate Zschäpe verschwindet. Erst 13 Jahre darauf werden sie wieder auftauchen. Als NSU-Terrortrio. Da ist Böhnhardt tot, und Matczak hat ein Problem. Sein Gewissen. Er erinnert sich an jenen Morgen im Januar, aber er erinnert sich anders daran als seine Kollegen.

Im Mai 2013 steht Thomas Matczak noch einmal in derselben Straße, die Garagen gibt es noch immer, nur die Plattenbauten rundherum wurden renoviert und schimmern pastellfarben. Seit damals war er nie wieder an diesem Ort. Matczak läuft zum Haus Nummer 11, steigt die Treppen zum Eingang hinauf, sieht auf die Klingelschilder. Böhnhardt steht da. Die Eltern wohnen noch immer dort. Matczak weicht zurück, das hat er nicht gedacht. "Komisches Gefühl, oder?", sagt er leise. Er hat vermutet, dass sie weg sind, umgezogen, in der Vergangenheit versunken. Das ist einer dieser Augenblicke, in denen Matczak die damaligen Ereignisse sehr nah erscheinen, allzu gegenwärtig. Er schaut zu den Fenstern hinauf, überlegt, wo die Wohnung liegt, in der er vor 15 Jahren war. Sein Brustkorb bebt. Matczak ist 47, Kriminalhauptkommissar beim Staatsschutz der Kriminalpolizeiinspektion Jena, und er ist es nicht gewohnt, über seine Arbeit zu reden. Seine Antworten sind meist nach wenigen Sätzen zu Ende. Zwischendurch ist er lange still, muss durchatmen, bevor er weitersprechen kann. Er ringt um Atem und um Worte. "Ich bin zufrieden, dass endlich die Wahrheit herauskommt", sagt er. Er sagt "zufrieden".

Damals, nach der Garagendurchsuchung, beantragt Matczak seine Versetzung. Zwei Gründe dafür sind sein Frust und sein Unverständnis über ihren Verlauf, über die Flucht Böhnhardts. Der Einsatz, der so anders ist als alle davor und danach, wirkt heute wie ein Mahnmal in seiner Polizeilaufbahn.

Matczaks Kollegen Mario Melzer vom Landeskriminalamt Thüringen geht es ähnlich. Wenn er jetzt Beate Zschäpe im Fernsehen sieht, wie sie im Prozess auftritt, erinnert er sich an ihre Begegenungen, er kennt ihre Mimik und Gestik. Sie hat sich kaum verändert, seit er sie in den neunziger Jahren zweimal vernahm. "Genau mit diesem Blick hat sie mich angeschaut", sagt Melzer. Auch Uwe Böhnhardt saß einmal vor Melzer. Bevor es den NSU gab und das Trio untertauchte. Mario Melzer, 43, ist Kriminalhauptmeister beim LKA in Erfurt. Damals gehört er zur Sonderkommission Rechtsextremismus (Soko Rex), später zur Ermittlungsgruppe Terrorismus/Extremismus (EG Tex). Melzer jagt Rechtsextreme, er jagt auch Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe – das Trio, das noch nicht als Trio bekannt ist. Aber an jenem Januarmorgen 1998 ist Melzer bei einem anderen Einsatz. Zur Durchsuchung ist der Ermittler, der damals wahrscheinlich am meisten über das Trio weiß, nicht eingeteilt.

Thomas Matczak und Mario Melzer haben einander nie getroffen, sie kennen voneinander nur die Namen. Melzer erzählt rastlos, Matczak zaghaft. Melzer ist laut, Matczak leise. Melzer ist sich sicher, Matczak zweifelt. Vereint sind sie in ihrem Entsetzen über den Einsatz am 26. Januar 1998. Die Durchsuchung ist das Trauma der Polizisten Matczak und Melzer, ihre Auswirkungen spüren sie bis heute. Sie sind mit den Ermittlungen damals nicht einverstanden. Bis heute haben sie es schwer, ihrer Version der Ereignisse Gehör zu verschaffen. Bis heute denken sie darüber nach, warum es damals schiefging. Und bis heute treibt sie ein Gedanke um: Wäre der 26. Januar 1998 anders verlaufen, vielleicht hätte es den NSU nie gegeben. Vielleicht wären zehn Menschen noch am Leben.

Am Freitag vor dem 26. Januar erfährt Thomas Matczak, dass er am Montag das LKA bei einer Durchsuchung unterstützen soll. Worum es geht, weiß er nicht. Montagfrüh um sechs trifft er sich mit seinen Kollegen in Raum 202, im früheren Parteikabinett, der Kriminalpolizeiinspektion Jena. Matczak kann sich nicht mehr daran erinnern, wer die Besprechung damals führte. Der damalige Leiter der EG Tex vom LKA Thüringen, Jürgen Dressler, ist an jenem Morgen jedenfalls nicht dabei. Sein Vertreter Dieter Fahner ist somit der zuständige Einsatzleiter. Dressler sagt am 11. April 2013 vor dem Thüringer Untersuchungsausschuss, er sei seinerzeit bei einer Fortbildung gewesen. Sein Verhalten in dieser Geschichte ist nicht ganz eindeutig. Der Ermittlungsführer lernt am Tag der wichtigsten Durchsuchung von Rechtsextremen den Umgang mit Computerprogrammen? Das ist nur eine der vielen Merkwürdigkeiten jenes Tages. Matczak wundert sich noch immer darüber, gewöhnlich würde ein Ermittlungsführer die Fortbildung absagen oder die Durchsuchung verschieben.

Thomas Matczak weiß 1998 wenig über den Fall. Uwe Böhnhardt, den Namen, der auf dem Durchsuchungsbeschluss steht, hat er schon einmal gehört, in Zusammenhang mit mehreren Bombenattrappen und einer Bombe in Jena. Matczak wird erklärt, dass es auch diesmal um Sprengstoff geht. Zwei Teams werden gebildet. Er soll mit mehreren Kollegen zwei nebeneinanderliegende Garagen in Jena-Lobeda durchsuchen. Wie viele Beamte es genau sind, daran entsinnt er sich nicht mehr. Das zweite Team fährt zu einer weiteren Garage an einer Kläranlage. Gegen halb sieben morgens bricht Matczaks Team auf. Matczak denkt nicht weiter über den Einsatz nach, für ihn ist es Routine. Er kennt keine Hintergründe oder Absprachen mit der Staatsanwaltschaft. Vom Polizeipräsidium bis ins Neubaugebiet Jena-Lobeda brauchen Matczak und seine Kollegen vielleicht eine Viertelstunde. Gegen sieben, halb acht treffen sie dort ein und klingeln an der Tür der Familie Böhnhardt.

Vor dieser Tür hätte auch Melzer gern gestanden, diese Durchsuchung hätte seine Ermittlungen krönen können. Vielleicht wäre sie dann anders ausgegangen. Melzer hat an fast allen Fällen und entscheidenden Verfahren mitgewirkt, die schließlich zu den Durchsuchungen am 26. Januar 1998 führen.

Jena, 1996-1998: Das Vorspiel des Grauens

Als Melzer 1995 zur Soko Rex kam, beschäftigte er sich mit Strukturermittlungen in der rechten Szene. Nach dem Mauerfall hatte sich in Thüringen eine starke rechte Szene gebildet. Früh hörte Melzer von Tino Brandt, einem der Anführer der Rechtsextremen in Thüringen. 1996 gab es ein Treffen von Kameradschaften in einer Kneipe in Gräfenthal, dabei wurde ein Punk fast totgeschlagen. Einer der Täter beschrieb Brandt in Melzers Vernehmung als Anstifter dieser Aktion und Organisator der Szene. Melzer sagt, Tino Brandt habe die Kameradschaft Jena mit aufgebaut. Gründungsmitglieder waren unter anderem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Auch Beate Zschäpe gehörte bald dazu.

Im Zuge seiner Ermittlungen hatte Melzer häufig Kontakt mit dem zuständigen Staatsanwalt Gerd Michael Schultz in Gera. Melzer bemühte sich um ein Verfahren gegen Brandt und erinnert sich, dass Schultz ihm von einem Besuch des Verfassungsschutzes erzählt habe, die Beamten hätten gesagt, Melzer betreibe eine "Hexenjagd" auf Brandt. Er, Schultz, lasse sich aber nicht beirren und bringe das Verfahren wegen Landfriedensbruch trotzdem zur Anklage. In erster Instanz wurde Brandt verurteilt, in zweiter Instanz wurde er freigesprochen. Melzer sagt, er habe seit 1996 aus Vernehmungen gewusst, dass Tino Brandt V-Mann des Thüringer Verfassungsschutzes war. Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst 2001. Während Brandt als Spitzel arbeitete, liefen 35 Ermittlungsverfahren gegen ihn, unter anderem eines wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung, verurteilt wurde er nie. Ermittler wie Melzer hatten den Eindruck, dass Brandt immer rechtzeitig vor Polizeimaßnahmen gewarnt wurde.

Der Staatsanwalt Schultz will heute nicht mit Journalisten über die Vergangenheit sprechen. "Ich habe keine Zeit", sagt er am Telefon. In den Untersuchungsausschüssen redet er, dort sagt er, der Thüringer Verfassungsschutz habe damals alle paar Wochen bei der Geraer Staatsanwaltschaft vorbeigeschaut, Akten gelesen und Informationen abgefragt. Und einmal, das müsse 1996 oder 1997 gewesen sein, habe ein Verfassungsschützer Auskunft verlangt, warum er ausgerechnet Tino Brandt hinter Gitter bringen wolle. Brandt galt als der Kopf des Kameradschaftsnetzwerkes "Thüringer Heimatschutz", als die Schlüsselfigur der rechten Szene in Thüringen. Mario Melzer fragt sich bis heute, ob es diese ohne Brandt und dessen finanzielle Unterstützung durch den Verfassungsschutz in der Form überhaupt gegeben hätte. Der Thüringer Verfassungsschutz wird in dieser Geschichte eine fragwürdige Rolle spielen. Nach dem Ende des Kalten Krieges musste sich der Verfassungsschutz neu definieren. Fast entsteht der Eindruck, als habe er sich in Thüringen seine Existenzberechtigung selbst mitgeschaffen.

In den Jahren von 1996 bis zur Durchsuchung 1998 kam es in Jena zu mehreren Vorfällen, die das Trio in Melzers Gedächtnis prägten, bei denen es seine Gefährlichkeit bereits erkennen ließ. Diese Vorfälle wirken wie eine Probe für das, was danach geschehen sollte. Das Vorspiel des Grauens.

Am 13. April 1996 hing eine Puppe mit einem Davidstern an einer Autobahnbrücke in der Nähe Jenas. Daneben standen ein Karton und ein Verkehrsschild mit der Aufschrift "Bombe". Mario Melzer ermittelte damals in dem Fall. Auf dem Karton waren Uwe Böhnhardts Fingerabdrücke.

Am 6. Oktober 1996 wurde im Jenaer Ernst-Abbe-Stadion unter der Tribüne eine Kiste mit einem Hakenkreuz darauf und einer Bombenattrappe darin gefunden. Wieder ermittelte Melzer. Zum Jahreswechsel 1996/97 gingen Briefbombenattrappen bei der Ostthüringischen Zeitung, der Jenaer Polizei und dem Ordnungsamt ein. Beigelegt war ein rechtsextremes Schreiben. Am 2. September 1997 schließlich stießen spielende Kinder vor dem Jenaer Theater auf einen Koffer mit einem Hakenkreuz darauf. Erst einen Tag später stellte sich heraus, dass in dem Koffer eine selbst gebaute Bombe lag, gefüllt mit zehn Gramm TNT. Melzer war damals zufällig in Jena, ihm fiel die Ähnlichkeit der Stilisierung der Hakenkreuzfahnen auf. Für Melzer deuteten alle Indizien auf die Kameradschaft Jena. Er hatte Böhnhardt einmal vernommen, fand ihn grobschlächtig, ein Mann, der gut Anordnungen befolgen konnte. Melzer wusste von der engen Verbindung zwischen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos und dass sich Beate Zschäpe stets in ihrer Nähe aufhielt. Sie habe mit beiden Männern eine Beziehung geführt, sagt Melzer. "Die drei waren vollkommen verschworen."

Aus dem rechtsextremen Umfeld bekam Melzer zusätzlich Hinweise, dass Böhnhardt Bomben bastle. "Für mich standen die Leute um Böhnhardt als Hauptverdächtige fest", sagt er. Zugleich hatte Melzer im Kopf, dass das Kameradschaftsnetzwerk von einem V-Mann des Verfassungsschutzes angeleitet wurde.

Melzer erinnert sich an ein Treffen von LKA-Beamten 1997, an dem auch Thüringer Verfassungsschützer teilnahmen. Dort beschwerte er sich, dass er es nicht länger mittragen könne, dass spielende Kinder TNT fänden und er davon ausgehen müsse, dass die Täter aus einer Szene stammten, die von Tino Brandt, einer Quelle des Verfassungsschutzes, geführt werde. Melzer sagt, die Verfassungsschützer hätten darauf empört reagiert und alles abgestritten.

Melzer bemühte sich damals sehr, Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe zu stellen. "Ich wollte nur Straftaten aufklären. Ich bin Polizist. Wenn die drei wegen allem bestraft worden wären, was sie schon gemacht hatten, wäre Ruhe gewesen." Zwei Monate vor der Durchsuchung der Garagen wurde Melzer nach Stadtroda zu einer anderen Bombenermittlung geschickt. So nah aber wie Thomas Matczak kam Melzer einer Festnahme von Uwe Böhnhardt nie.

Matczak steht am 26. Januar 1998 gegen halb acht mit seinen Kollegen vor der Tür der Böhnhardts. Er weiß nicht mehr genau, wer öffnet. Er ist sich sicher, dass Böhnhardts Eltern da waren, Uwe Böhnhardt ist nicht da. Damit weicht er vom Durchsuchungsbericht und von den Aussagen seiner Kollegen ab, die sagen, Uwe Böhnhardt sei in der Wohnung gewesen und habe die Garage aufgeschlossen. Matczak erinnert sich, dass Böhnhardts Mutter laut wird und immer wieder "mein Uwe!" ruft. Er entsinnt sich, wie er in Uwe Böhnhardts Zimmer schaut und sein Blick auf eine blaue Tagesdecke auf dem Bett fällt. Es sieht nicht aus, als hätte Böhnhardt dort übernachtet. Böhnhardts Mutter weist den Vater an: "Geh mit runter, und guck genau hin, nicht dass die etwas finden, was vorher nicht da war!" Matczak denkt: "Was für eine Pute!" In seiner Erinnerung begleitet nicht Uwe Böhnhardt, sondern dessen Vater die Beamten hinab und schließt seine Garage auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf. Die andere daneben wird kurz darauf von einem Schlüsseldienst aufgesperrt. Auf dem Durchsuchungsbeschluss sind alle drei Garagen untereinander aufgelistet, spätestens jetzt weiß Böhnhardt oder wissen dessen Eltern – je nach Version –, wo durchsucht werden soll.

"Viele bei der Polizei fragen sich, was damals schiefgegangen ist"

Unterdessen versucht das zweite Team, die Garage an der Kläranlage zu öffnen. Diese Garage gehört, und das ist kein Scherz, einem Jenaer Polizeibeamten, der sie an Beate Zschäpe vermietet hat. Dort hängt ein Schloss vor dem Tor, die Polizei muss die Feuerwehr rufen, um ins Innere zu gelangen. Wertvolle Zeit verstreicht. Dann sieht Matczak, wie Uwe Böhnhardt heimkehrt und im Haus seiner Eltern verschwindet. "Ich möchte meinen, er ist mit dem Auto gekommen." Er erinnert sich, dass, während er und seine Kollegen suchen, bekannt wird, dass die Kollegen in der anderen Garage "fündig geworden sind", also wie vermutet Sprengstoff entdeckt haben. Matczak weiß nicht mehr genau, ob diese Nachricht seinen Teamleiter über Funk oder Handy erreicht hat. Er ist sich aber sicher, dass ihn sein Gedächtnis nicht trügt und der Teamleiter die Nachricht erfahren hat. Nach etwa zehn Minuten erscheint Böhnhardt wieder auf der Straße und packt eine Reisetasche in den Kofferraum seines Wagens. Matczak sagt zu seinem Teamleiter: "Es sieht aus, als ob er packt." Und fügt hinzu: "Er ist weg, wenn wir ihn jetzt fahren lassen." Matczak wundert sich, es wird Sprengstoff gefunden, und der Beschuldigte kann vor seinen Augen, vor den Augen der Polizei, unbehelligt davonfahren.

Thomas Matczak und seine Kollegen finden in den Garagen nichts. Auf dem Rückweg halten sie an der Kläranlage. Es gibt Diskussionen mit dem Einsatzleiter Dieter Fahner vom LKA, dabei hört Matczak zum ersten Mal, dass der Hinweis über den Sprengstoff in der Garage auf Erkenntnissen des Thüringer Verfassungsschutzes beruhe und eine Festnahme nur nach Rücksprache mit dem zuständigen Staatsanwalt Gerd Michael Schultz möglich sei. Fahner versucht immer wieder, mit seinem Mobiltelefon den Staatsanwalt zu erreichen, es gelingt ihm aber nicht. Ein Kollege schlägt vor, rasch bei der Mieterin der Garage, Beate Zschäpe, vorbeizufahren, um zu schauen, ob Böhnhardt dort sei. Der Einsatzleiter besteht darauf, zuerst mit dem Staatsanwalt zu reden. Das ist Matczaks Version. Es ist die Version, bei der die Polizei am schlechtesten aussieht. Es ist die Version, bei der sie Böhnhardt flüchten lässt.

Diese Version hat Thomas Matczak im Kern mehrmals wiederholt, zuerst kurz nach der Entdeckung der Terrorzelle im Thüringer Innenministerium, dann vor der Schäfer-Kommission, jenem Gremium, das unter Vorsitz des ehemaligen BGH-Richters Gerhard Schäfer Behördenfehler im Umfeld der rechtsextremen Terrorgruppe NSU ermitteln soll, und zuletzt im Thüringer Untersuchungsausschuss. Inzwischen hat Matczak allerdings bemerkt, dass er der Einzige ist, der sich so erinnert. Mit jeder neuen Befragung wird er unsicherer.

Im Thüringer Untersuchungsausschuss in Erfurt sitzt Thomas Matczak am 15. April dieses Jahres in einem beigefarbenen Anzug. Er zittert, knetet nervös seine Hände. Ein Polizist unter Druck. Auch hier wiederholt er seine Version, aber nun fügt er oft hinzu, er könne nicht beschwören, dass es tatsächlich so gewesen sei. Eine Abgeordnete fragt ihn, ob er Angst habe. "Wenn man der Einzige ist, der einen anderen Ablauf darstellt, dann fragt man sich doch: Mensch, ist das wirklich so, wie du es in Erinnerung hast, oder kann es auch anders gewesen sein?" Die Vorsitzende des Untersuchungsausschusses ermuntert Matczak: "Ich glaube Ihnen mehr als vielen anderen!"

Matczaks Kollegen können sich nicht erinnern oder sagen aus, Uwe Böhnhardt sei abgefahren, bevor die Bombenwerkstatt in der Garage an der Kläranlage gefunden wurde. So steht es auch in den Akten. Oft haben die Beamten ebendiese Akten kurz vor ihrer Befragung gelesen. Allerdings steht dort auch, dass die Feuerwehr gegen neun Uhr die Garage an der Kläranlage öffnet. Matczak und seine Kollegen durchsuchen ihre Objekte laut Bericht bis 10.15 Uhr. Zeitlich ist Matczaks Version möglich.

Vor dem Untersuchungsausschuss fühlt sich Thomas Matczak wie bei einem Tribunal. In dieser Umgebung wird ihm die ganze Tragweite seiner Aussage bewusst, er zieht sich zurück. "Viele bei der Polizei fragen sich, was damals schiefgegangen ist. Aber ob man das öffentlich wiederholt, ist die Frage." Nun steht Matczak auf dem Gehweg vor den Garagen in Jena, die er damals durchsucht hat. Im Block der Böhnhardts hängt heute eine Reggae-Fahne im Fenster. "Letzten Endes ist klar, keiner wird sich hinstellen und sagen, das ist blöd gelaufen!", sagt Matczak. Warum macht er es? Matczak schweigt lange, atmet schneller, wieder sagt er: "Ich bin zufrieden, dass so eine Geschichte im Nachhinein bekannt wird." Sie habe ihm schwer im Magen gelegen.

Für Matczak ist der Einsatz am 26. Januar 1998 gegen 11 Uhr beendet, er fährt ins Präsidium. 15 Jahre später liest er im Durchsuchungsbericht, er habe von 11 Uhr an die Garage an der Kläranlage, die Bombenwerkstatt, durchsucht. Das Problem: Matczak kann sich nicht erinnern, sie jemals betreten zu haben. Er schaut sich die Lichtbildmappe an, überlegt, ob er sich irren könnte. Es hilft nichts. "Ich war nicht in dieser Garage." In den vergangenen Monaten hat sich Matczak immer wieder gefragt, ob er vielleicht einem Trugschluss erliege. Aber er ist sich sicher, dass die Bombenwerkstatt schon gefunden worden war, als Uwe Böhnhardt wegfährt. Warum also lassen die Polizisten Böhnhardt an jenem Morgen laufen?

Was Thomas Matczak und Mario Melzer damals nicht wissen: Es gibt verhängnisvolle Absprachen zwischen der Polizei und dem Thüringer Verfassungsschutz und zwischen der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Nach dem Sprengstoff-Fund vor dem Jenaer Theater und den diversen Bombenattrappen 1996/97 will das LKA Thüringen Uwe Böhnhardt überwachen lassen. Das Mobile Einsatzkommando (MEK) des LKA soll dies in den Wochen vom 6. Oktober bis 3. November 1997 übernehmen, schafft es wegen Überlastung aber nur, Böhnhardt an drei nicht aufeinanderfolgenden Tagen für wenige Stunden zu beobachten. Mario Melzers früherer Chef, der damalige EG-Tex-Leiter Jürgen Dressler, sagt im Thüringer Untersuchungsausschuss, er sei mit den Ergebnissen des MEK unzufrieden gewesen. Was danach geschieht, dazu gibt es unterschiedliche Aussagen. Das LKA Thüringen lehnt ein Gespräch mit Jürgen Dressler ab.

Festzustehen scheint, dass Jürgen Dressler den Thüringer Verfassungsschutz um Hilfe bittet. Am Ende observiert ein Team des Thüringer Verfassungsschutzes Bönhardt vom 24. November bis 1. Dezember 1997. Warum nicht bei anderen Landeskriminalämtern Unterstützung gesucht wird, wie es üblich ist, hat bisher keiner der Beteiligten vor den Untersuchungsausschüssen erklären können. Normalerweise gilt das Trennungsgebot zwischen Polizei und Nachrichtendienst.

Das Team des Verfassungsschutzes beobachtet schon am zweiten Observationstag, wie Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zwei Liter Brennspiritus und Gummiringe kaufen und in die Garage an der Kläranlage bringen, dabei blicken sie sich immer wieder auffällig um. In den darauffolgenden Tagen werden die beiden auch bei Beate Zschäpe gesehen. Der Verfassungsschutz schickt laut Akten am 8. Januar 1998, also mehr als einen Monat später, ein Schreiben mit den Observationsergebnissen ans LKA. Dieses Schreiben ist als "VS-vertraulich" eingestuft, damit ist es für das LKA nicht einfach verwertbar. Jürgen Dressler sagt vor dem Thüringer Untersuchungsausschuss aus, er habe auf einen "offenen" Bericht gedrungen, den aber vom Verfassungsschutz nicht bekommen. Die Ermittler bemühen sich bei dem Staatsanwalt Gerd Michael Schultz um einen Durchsuchungsbeschluss. Schultz stimmt zu, legt aber fest, dass eine Festnahme erst nach dem Auffinden von Beweismitteln und auch dann erst nach einer Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft erfolgen soll. Das Schreiben des Verfassungsschutzes kennt er, aber Schultz ist der Ansicht, es sei nicht gerichtsverwertbar, demzufolge sieht die Beweislage schlecht aus. Ein paar Tage vor der Durchsuchung wird Schultz krank und muss ins Krankenhaus. Deshalb kann ihn der Einsatzleiter Dieter Fahner am 26. Januar 1998 nicht erreichen. Darüber ist Schultz heute sehr verwundert, im Thüringer Untersuchungsausschuss sagt er, die Polizei könne bei Gefahr im Verzug natürlich selbstständig handeln und festnehmen. "Das sind keine Dorfpolizisten." Und dass es Stunden dauert, bis die Polizei seinen Vertreter erreicht, kann er nicht glauben. Ein Staatsanwalt habe immer Bereitschaft, eine "Nichterreichbarkeit" schließt er aus. Am 26. Januar um die Mittagszeit ordnet Schultz’ Vertreter schließlich die vorläufige Festnahme des Trios an.

Das LKA Thüringen diskutiert, ob der Verfassungsschutz das Trio deckt

Die Durchsuchung stützt sich auf einen Bericht des Verfassungsschutzes, von dem alle der Meinung sind, dass er nicht verwendet werden kann. Einen Tag nachdem die Polizisten 1,4 Kilogramm TNT gefunden haben, am 27. Januar, nimmt Schultz’ Vertreter die Anordnung zur vorläufigen Festnahme wieder zurück. Er sieht keinen dringenden Tatverdacht. Im Thüringer Untersuchungsausschuss erinnert er sich, warum: er habe zu den LKA-Beamten gesagt, sie sollten Belege bringen, Spuren, damit er einen Bezug zwischen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe und dem, was in der Garage gefunden wurde, herstellen könne. "Das Hauptproblem war, dass auf dem Bericht vom Verfassungsschutz noch immer ›vertraulich‹ stand und ich ihn so nicht verwenden konnte. Wenn ich ihn nicht in die Akte hängen kann, hilft er mir nicht." Es sieht aus, als bemühten sich alle Beteiligten aus Furcht oder Unsicherheit um höchste formale Korrektheit.

Der damalige Leiter des Referats Rechtsextremismus des Thüringer Verfassungsschutzes behauptet vor dem Untersuchungsausschuss, das Schreiben des Verfassungsschutzes sei schon früher freigegeben worden. Außerdem hätten Polizei und Staatsanwaltschaft den Bericht verwenden können, ihn nur nicht in die Akte nehmen dürfen. In den Akten trägt das Schreiben des Verfassungsschutzes an das LKA das Datum des 28. Januar 1998. Erst zwei Tage nachdem das Trio verschwunden ist, wird der Bericht herabgestuft – "nur für den Dienstgebrauch". Und der Verfassungsschutz gibt den Ermittlern noch einen zusätzlichen Hinweis: Die drei wollten sich über Belgien in die USA absetzen. Danach werden eilig Haftbefehle erlassen. Nun sind Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos fort, viele Fragen bleiben. Ist das eine unglaubliche Aneinanderreihung unglücklicher Umstände, Gerangel verschiedener Behörden – oder wollte man die drei gar nicht fassen?

"Diesen Verdacht kann man schon haben", sagt Thomas Matczak. Auch er kommt mit seinen Fragen nicht weiter: Musste die Durchsuchung unbedingt an jenem Tag stattfinden, sollte sie gar diesen Verlauf nehmen? Warum war Jürgen Dressler nicht dabei? "So etwas ist das Salz in der Suppe für einen Ermittlungsführer, da muss er als Ansprechpartner für sein Team da sein." Am 26. Januar 1998 geht Matczak nach seiner Rückkehr ins Präsidium zu seinem Chef und berichtet ihm vom Verlauf der Durchsuchung. Matczak sagt, sein Chef habe sich fürchterlich darüber aufgeregt, dass Böhnhardt weg sei, und habe gesagt, das sei an Dilettantismus nicht zu überbieten. Die Polizisten hätten Böhnhardt festnehmen können, auch ohne Rücksprache mit einem Staatsanwalt. "So ein heilloses Durcheinander habe ich nie wieder davor oder danach erlebt", sagt Matczak. Gegen zwei Uhr nachmittags gibt es in Jena eine zweite Dienstbesprechung. Stunden nach der Durchsuchung fahndet Matczak nach Uwe Böhnhardt, der gerade vor ihm stand. Warum noch einmal so viel Zeit zwischen dem Bombenfund und dem Beginn der Suche vergeht, kann Matczak bis heute keiner erklären. "Das ist nicht der Normalfall", sagt er.

Anfang November 2011 arbeitet Matczak in seinem Garten, als er im Radio die Meldung vom Tod Uwe Böhnhardts und Uwe Mundlos’, von der Entdeckung des Trios, hört. All die Merkwürdigkeiten kommen ihm wieder in den Sinn. Seitdem herrscht in Matczaks Leben der Konjunktiv, seitdem fragt er sich, was gewesen wäre, wenn er sich damals anders verhalten, wenn er sich durchgesetzt hätte. Hätte er den NSU verhindern können?

Diese Frage stellt sich in gewisser Weise auch Mario Melzer. Er wird erst am Nachmittag des 26. Januar 1998, als alle Kräfte mobilisiert werden, nach Jena gerufen. "Als ich mitgekriegt habe, dass die drei weg sind, bin ich ausgerastet. Ich habe mich maßlos geärgert. Sie standen für mich immer als Täter fest." Er streitet sich heftig mit seinem Chef, EG-Tex-Leiter Dressler, der inzwischen von seinem Computerkurs zurückgekehrt ist. Jede weitere Erinnerung an jenen Nachmittag habe er verloren, sagt Melzer. Der damalige Leiter der Zielfahndung, mit dem Melzer befreundet ist, bemüht sich, ihn als Kenner der Szene zur Unterstützung in sein Team zu holen. Drei Wochen kämpft er um Melzer. Schließlich wird seine Versetzung untersagt. Ohne Begründung. Eine weitere Merkwürdigkeit. Bald nach der Durchsuchung wird Mario Melzer in die Zentralstelle zur Bekämpfung der SED- und Funktionärskriminalität "abgeordnet". Er widmet sich fortan Verbrechen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Melzer ist raus.

Doch in seinem Inneren arbeitet der Fall weiter. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Fahndungschef, fragt er sich in den folgenden Jahren stets: Wo sind die drei? Sie machen sich Sorgen darüber, was das Trio im Untergrund treibt, fürchten, dass es weitere Bombenanschläge plant. Das Schicksal von Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos treibt den Fahndungschef bis zu dessen Tod 2006 um. Melzer muss dabei zusehen, wie sein Freund und dessen Zielfahndungsteam, die bis dahin fast alle Flüchtigen finden, an diesen drei jungen Leuten in ihren frühen Zwanzigern scheitern.

Im LKA Thüringen wird damals darüber diskutiert, ob der Thüringer Verfassungsschutz das Trio deckt, entsinnt sich Melzer. Niemand kann sich erklären, wie die drei es schaffen, innerhalb weniger Stunden vollkommen zu verschwinden. Das erscheint den Ermittlern und auch der Staatsanwaltschaft so außergewöhnlich, dass sie gemeinsam eine schriftliche Anfrage an den Thüringer Verfassungsschutz formulieren: ob die drei möglicherweise für den Verfassungsschutz arbeiteten, ob das Landesamt wisse, wo sie sich aufhielten, oder sie gar unterstütze, erinnert sich Staatsanwalt Schultz vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages. Der Verfassungsschutz beantwortet alle Fragen mit Nein.

Vielleicht gibt es eine andere Erklärung für das Agieren des Landesamtes: Ein Verfassungsschützer, der damals einen gewissen Einblick hatte, sagt, der Thüringer Verfassungsschutz habe zu dieser Zeit großen Wert darauf gelegt, dass niemand außerhalb der eigenen Behörde erfährt, dass er Tino Brandt als V-Mann führt. Er hält es zumindest für vorstellbar, dass der Schutz dieser brisanten Verbindung das Handeln der Verfassungsschützer auch in Zusammenhang mit dem Untertauchen des Trios mitbestimmt haben könnte.

Im Jahr 2009 hat Mario Melzer einen Unfall, im Krankenhaus hat er viel Zeit zum Nachdenken. Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos kommen ihm wieder ins Gedächtnis. Er fasst den wahnwitzigen Plan, sich beim Verfassungsschutz zu bewerben, um eventuell auf diesem Weg herauszufinden, wo sie stecken. Der Verfassungsschutz hat kein Interesse an Melzer.

Von der Mordserie an Migranten hat Melzer gehört. "Dass das Trio Menschen umbringt, das wollte man sich nicht vorstellen." Mario Melzer wäre niemals auf die Idee gekommen, dass eine Terrorzelle wie der NSU aus der Kameradschaft Jena entstehen könnte. Letztlich hat auch er das Trio unterschätzt.

Wie Thomas Matczak erfährt Melzer vom NSU 2011 aus dem Radio. "Ich bin bald umgefallen. Ich war fix und fertig." Sogleich ruft er seinen Chef an, will dem BKA erzählen, was er weiß, bekommt aber keine Genehmigung. Erst später darf er beim BKA aussagen. Er will die Ermittlungen der Besonderen Aufbauorganisation "BAO Trio", einer Einheit, die sich mit den NSU-Morden befasst, unterstützen. Es heißt: Als potenzieller Zeuge dürfe er nicht an den Ermittlungen teilnehmen. Andere Kollegen wirken dort trotzdem mit, und Melzers ehemaliger Chef Jürgen Dressler ist eine Zeit lang sogar in der "AG Kommission", die den Untersuchungsausschüssen zuarbeitet und Akten zusammenstellt.

Seit Melzer ausgesagt hat, melden sich selten Leute bei ihm

Melzer macht sich Vorwürfe, er hätte damals noch stärker auf Aufklärung drängen müssen. Der Konjunktiv herrscht nun auch in Melzers Leben. "Ich hätte mehr nachhaken müssen." Deshalb sagt er heute stundenlang in den Untersuchungsausschüssen aus, einmal in Thüringen redet er bis kurz vor Mitternacht, da haben fast alle Zuhörer und Journalisten den Saal längst verlassen. Melzer will aufklären. Er will sich selbst erklären, was damals geschehen ist.

Zur Vorbereitung auf seine Aussage im Bundestagsuntersuchungsausschuss darf er Anfang dieses Jahres im Bundesjustizministerium Akten einsehen. Melzer blättert 34 Bände durch. Was er darin liest, entsetzt ihn. Zum ersten Mal erfährt er von den Vorabsprachen zwischen dem Staatsanwalt und den Ermittlern vor der Durchsuchung. Das gebe es sonst nicht, sagt Melzer. Der Durchsuchungsbeschluss sei auch "untypisch". Gewöhnlich würden zeitgleich auch Autos und Wohnungen der Beschuldigten durchsucht. Am meisten irritiert ihn die Rolle, die der Thüringer Verfassungsschutz bei der Durchsuchung spielt, dass der Observationsbericht noch bis zum 28. Januar "vertraulich" bleibt. Anscheinend hätte Melzer diese Akten gar nicht sehen sollen. Seine Behördenleitung fordert dazu nun von ihm eine Stellungnahme. Melzer hat seinen Anwalt angerufen. Der Ermittler, der aufklären will, gerät jetzt selbst unter Druck.

Seit Melzer ausgesagt hat, ist es sehr still geworden in seinem Büro. Mails bekommt er kaum, Anrufe sind selten geworden. Melzer kommentiert dies mit den Worten: "Ist schon putzig." Er arbeitet heute im Bereich der Korruptionsbekämpfung des LKA. Kollegen fragen ihn, warum er nicht krankgeschrieben sei. "Die Wahrheit ist doch keine Krankheit", antwortet er ihnen.

Thomas Matczak klingelt 15 Jahre nach der Durchsuchung nicht an der Tür der Böhnhardts. Durch Zufall treten Uwe Böhnhardts Eltern an diesem Tag im Mai aus dem Haus. Sie gehen gebeugt, als müssten sie sich ducken, laden ein paar Taschen in den Kofferraum ihres Wagens und fahren fort. Es wirkt wie eine Wiederholung der Szene vom 26. Januar 1998, nur mit anderem Personal. Wieder steht Matczak einige Meter entfernt und schaut zu. Er spricht die Böhnhardts nicht an. Es ist ihm unangenehm. Kurze Zeit später, am 6. Juni, sagt Böhnhardts Mutter dann vor dem Thüringer Untersuchungsausschuss aus. Eine neue Version. Ihr Sohn sei keineswegs rasch nach Beginn der Razzia geflohen. Er habe die Beamten zu einer anderen Garage begleitet, sei "vorneweg gefahren". Das jedenfalls habe ihr Sohn ihr später bei einem konspirativen Treffen erzählt. So viele Versionen, so viele Fragen, und im Prinzip hat Matczak die gleichen Fragen wie Melzer: Warum wurden nicht zeitgleich auch die Wohnungen durchsucht, und warum hat man sich sklavisch an die Rücksprache mit dem Staatsanwalt gehalten? Aber Matczak befürchtet, dass am Ende nur ein Kollege die ganze Verantwortung tragen muss: Dieter Fahner, der an jenem Januartag den Einsatz leitete. "Ich will im Kollegenkreis nicht als Nestbeschmutzer dastehen und niemanden an die Wand drängen." Fahner kann sich nicht verteidigen, nicht im Untersuchungsausschuss aussagen. Er ist schwer krank.

Wie reagieren die Kollegen darauf, dass Matczak eine andere Version erzählt? Er wiegt den Kopf, es sei komisch, aber darüber werde innerhalb der Polizei nicht gesprochen. Er ist so enttäuscht von dem Einsatz, dass er sich versetzen lässt, erst in den Bereich Interne Ermittlungen, später dann zur Drogenfahndung. In den darauffolgenden Jahren denkt er nicht mehr an die drei Verschwundenen. Er hört von der Mordserie an den Migranten. Ein rechtsextremer Hintergrund kommt ihm dabei "nicht ansatzweise" in den Sinn.

Die Frage bleibt, ob es etwas geändert hätte, wenn er damals gehandelt, wenn er Uwe Böhnhardt festgenommen hätte. Matczak steht auf dem Gehweg, in sich versunken. "Das muss man ausblenden", sagt er. "Ich hatte an dem Tag keinen Handlungsspielraum. Als Zugeordneter kann ich nicht in die Ermittlungen hineinlangen. Das macht keiner. Das gehört sich nicht." Er schweigt. Dann: "Ich bin mit mir im Reinen."

Seit Januar dieses Jahres ist er zurück in seiner alten Abteilung, dem Staatsschutz. Matczak beschäftigt sich wieder mit Rechtsextremen. Hat sich etwas verändert? "Die Tatsache, dass es rechtsextremen Terror gibt, war eine Zäsur", sagt er. Nun beobachtet Matczak, dass eine jüngere Generation die Führung der rechten Szene in Jena übernimmt. Er fragt sich, ob sie in der Lage ist, sich zu radikalisieren. Wie das Trio damals. Thomas Matczak beantwortet sich die Frage selbst mit Nein. Genauso hätte er damals bei Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe geantwortet.

Mitarbeit: Yassin Musharbash und Ute Zauft