Die Durchsuchung stützt sich auf einen Bericht des Verfassungsschutzes, von dem alle der Meinung sind, dass er nicht verwendet werden kann. Einen Tag nachdem die Polizisten 1,4 Kilogramm TNT gefunden haben, am 27. Januar, nimmt Schultz’ Vertreter die Anordnung zur vorläufigen Festnahme wieder zurück. Er sieht keinen dringenden Tatverdacht. Im Thüringer Untersuchungsausschuss erinnert er sich, warum: er habe zu den LKA-Beamten gesagt, sie sollten Belege bringen, Spuren, damit er einen Bezug zwischen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe und dem, was in der Garage gefunden wurde, herstellen könne. "Das Hauptproblem war, dass auf dem Bericht vom Verfassungsschutz noch immer ›vertraulich‹ stand und ich ihn so nicht verwenden konnte. Wenn ich ihn nicht in die Akte hängen kann, hilft er mir nicht." Es sieht aus, als bemühten sich alle Beteiligten aus Furcht oder Unsicherheit um höchste formale Korrektheit.

Der damalige Leiter des Referats Rechtsextremismus des Thüringer Verfassungsschutzes behauptet vor dem Untersuchungsausschuss, das Schreiben des Verfassungsschutzes sei schon früher freigegeben worden. Außerdem hätten Polizei und Staatsanwaltschaft den Bericht verwenden können, ihn nur nicht in die Akte nehmen dürfen. In den Akten trägt das Schreiben des Verfassungsschutzes an das LKA das Datum des 28. Januar 1998. Erst zwei Tage nachdem das Trio verschwunden ist, wird der Bericht herabgestuft – "nur für den Dienstgebrauch". Und der Verfassungsschutz gibt den Ermittlern noch einen zusätzlichen Hinweis: Die drei wollten sich über Belgien in die USA absetzen. Danach werden eilig Haftbefehle erlassen. Nun sind Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos fort, viele Fragen bleiben. Ist das eine unglaubliche Aneinanderreihung unglücklicher Umstände, Gerangel verschiedener Behörden – oder wollte man die drei gar nicht fassen?

"Diesen Verdacht kann man schon haben", sagt Thomas Matczak. Auch er kommt mit seinen Fragen nicht weiter: Musste die Durchsuchung unbedingt an jenem Tag stattfinden, sollte sie gar diesen Verlauf nehmen? Warum war Jürgen Dressler nicht dabei? "So etwas ist das Salz in der Suppe für einen Ermittlungsführer, da muss er als Ansprechpartner für sein Team da sein." Am 26. Januar 1998 geht Matczak nach seiner Rückkehr ins Präsidium zu seinem Chef und berichtet ihm vom Verlauf der Durchsuchung. Matczak sagt, sein Chef habe sich fürchterlich darüber aufgeregt, dass Böhnhardt weg sei, und habe gesagt, das sei an Dilettantismus nicht zu überbieten. Die Polizisten hätten Böhnhardt festnehmen können, auch ohne Rücksprache mit einem Staatsanwalt. "So ein heilloses Durcheinander habe ich nie wieder davor oder danach erlebt", sagt Matczak. Gegen zwei Uhr nachmittags gibt es in Jena eine zweite Dienstbesprechung. Stunden nach der Durchsuchung fahndet Matczak nach Uwe Böhnhardt, der gerade vor ihm stand. Warum noch einmal so viel Zeit zwischen dem Bombenfund und dem Beginn der Suche vergeht, kann Matczak bis heute keiner erklären. "Das ist nicht der Normalfall", sagt er.

Anfang November 2011 arbeitet Matczak in seinem Garten, als er im Radio die Meldung vom Tod Uwe Böhnhardts und Uwe Mundlos’, von der Entdeckung des Trios, hört. All die Merkwürdigkeiten kommen ihm wieder in den Sinn. Seitdem herrscht in Matczaks Leben der Konjunktiv, seitdem fragt er sich, was gewesen wäre, wenn er sich damals anders verhalten, wenn er sich durchgesetzt hätte. Hätte er den NSU verhindern können?

Diese Frage stellt sich in gewisser Weise auch Mario Melzer. Er wird erst am Nachmittag des 26. Januar 1998, als alle Kräfte mobilisiert werden, nach Jena gerufen. "Als ich mitgekriegt habe, dass die drei weg sind, bin ich ausgerastet. Ich habe mich maßlos geärgert. Sie standen für mich immer als Täter fest." Er streitet sich heftig mit seinem Chef, EG-Tex-Leiter Dressler, der inzwischen von seinem Computerkurs zurückgekehrt ist. Jede weitere Erinnerung an jenen Nachmittag habe er verloren, sagt Melzer. Der damalige Leiter der Zielfahndung, mit dem Melzer befreundet ist, bemüht sich, ihn als Kenner der Szene zur Unterstützung in sein Team zu holen. Drei Wochen kämpft er um Melzer. Schließlich wird seine Versetzung untersagt. Ohne Begründung. Eine weitere Merkwürdigkeit. Bald nach der Durchsuchung wird Mario Melzer in die Zentralstelle zur Bekämpfung der SED- und Funktionärskriminalität "abgeordnet". Er widmet sich fortan Verbrechen aus den fünfziger und sechziger Jahren. Melzer ist raus.

Doch in seinem Inneren arbeitet der Fall weiter. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Fahndungschef, fragt er sich in den folgenden Jahren stets: Wo sind die drei? Sie machen sich Sorgen darüber, was das Trio im Untergrund treibt, fürchten, dass es weitere Bombenanschläge plant. Das Schicksal von Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos treibt den Fahndungschef bis zu dessen Tod 2006 um. Melzer muss dabei zusehen, wie sein Freund und dessen Zielfahndungsteam, die bis dahin fast alle Flüchtigen finden, an diesen drei jungen Leuten in ihren frühen Zwanzigern scheitern.

Im LKA Thüringen wird damals darüber diskutiert, ob der Thüringer Verfassungsschutz das Trio deckt, entsinnt sich Melzer. Niemand kann sich erklären, wie die drei es schaffen, innerhalb weniger Stunden vollkommen zu verschwinden. Das erscheint den Ermittlern und auch der Staatsanwaltschaft so außergewöhnlich, dass sie gemeinsam eine schriftliche Anfrage an den Thüringer Verfassungsschutz formulieren: ob die drei möglicherweise für den Verfassungsschutz arbeiteten, ob das Landesamt wisse, wo sie sich aufhielten, oder sie gar unterstütze, erinnert sich Staatsanwalt Schultz vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages. Der Verfassungsschutz beantwortet alle Fragen mit Nein.

Vielleicht gibt es eine andere Erklärung für das Agieren des Landesamtes: Ein Verfassungsschützer, der damals einen gewissen Einblick hatte, sagt, der Thüringer Verfassungsschutz habe zu dieser Zeit großen Wert darauf gelegt, dass niemand außerhalb der eigenen Behörde erfährt, dass er Tino Brandt als V-Mann führt. Er hält es zumindest für vorstellbar, dass der Schutz dieser brisanten Verbindung das Handeln der Verfassungsschützer auch in Zusammenhang mit dem Untertauchen des Trios mitbestimmt haben könnte.

Im Jahr 2009 hat Mario Melzer einen Unfall, im Krankenhaus hat er viel Zeit zum Nachdenken. Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos kommen ihm wieder ins Gedächtnis. Er fasst den wahnwitzigen Plan, sich beim Verfassungsschutz zu bewerben, um eventuell auf diesem Weg herauszufinden, wo sie stecken. Der Verfassungsschutz hat kein Interesse an Melzer.

Von der Mordserie an Migranten hat Melzer gehört. "Dass das Trio Menschen umbringt, das wollte man sich nicht vorstellen." Mario Melzer wäre niemals auf die Idee gekommen, dass eine Terrorzelle wie der NSU aus der Kameradschaft Jena entstehen könnte. Letztlich hat auch er das Trio unterschätzt.

Wie Thomas Matczak erfährt Melzer vom NSU 2011 aus dem Radio. "Ich bin bald umgefallen. Ich war fix und fertig." Sogleich ruft er seinen Chef an, will dem BKA erzählen, was er weiß, bekommt aber keine Genehmigung. Erst später darf er beim BKA aussagen. Er will die Ermittlungen der Besonderen Aufbauorganisation "BAO Trio", einer Einheit, die sich mit den NSU-Morden befasst, unterstützen. Es heißt: Als potenzieller Zeuge dürfe er nicht an den Ermittlungen teilnehmen. Andere Kollegen wirken dort trotzdem mit, und Melzers ehemaliger Chef Jürgen Dressler ist eine Zeit lang sogar in der "AG Kommission", die den Untersuchungsausschüssen zuarbeitet und Akten zusammenstellt.